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„Gott ist nicht schüchtern“ Es ist keine schöne Geschichte

Olga Grjasnowa erzählt in ihrem neuen Roman „Gott ist nicht schüchtern“ von zwei jungen Menschen die aus Syrien fliehen. Fluchterfahrung liegt bei der Schriftstellerin in der Familien-DNA. Unsere Autorin hat sie in Berlin getroffen.

Olga Grjasnowa
Olga Grjasnowa wurde 1984 in Baku geboren und lebt heute in Berlin. Foto: René Fietzeck

Wenn man einen Roman als ein Gebäude ansieht, dann könnte man sagen, dass der Grundstein für Olga Grjasnowas jüngstes Buch „Gott ist nicht schüchtern“ über den Krieg in Syrien vor vier Jahren am Kottbusser Tor in Kreuzberg gelegt worden ist. Oder eigentlich noch viel früher, 1941, als ihre Großmutter im Zweiten Weltkrieg aus Weißrussland nach Aserbaidschan fliehen musste. „Das war die wichtigste Geschichte in unserer Familie“, sagt sie. „Bei jeder Familienfeier wurde sie erzählt.“ 

Es ist keine schöne Geschichte. Olga Grjasnowa kann sich daran erinnern, dass es um die Krankheiten ging, an denen die beiden jüdischen Kinder auf ihrem langen Weg in die Sicherheit litten. Und darum, dass sie fast von Wölfen gefressen worden wären. Aber sie haben sich gerettet und an diesem neuen Ort neue Familien gegründet.

Olga Grjasnowa wurde 1984 in Baku geboren, und sicher hat die Familie Bande geknüpft an diesen Ort, aber es waren keine unzerreißbaren. 1989 wanderte die Großmutter nach Israel aus. Ein paar Jahre später gaben auch Grjasnowas Eltern, der Vater Rechtsanwalt, die Mutter Musikwissenschaftlerin, alles auf in Baku. Sie gingen mit den beiden Kindern als jüdische Kontingentflüchtlinge nach Hessen. Olga Grjasnowa war damals elf. Willkommensklassen gab es keine. Man kann ihn sich vorstellen, diesen Tag, an dem sie in einem deutschen Klassenzimmer saß und kein Wort verstand. Später hat sie am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert. Das Wort Flüchtling findet Olga Grjasnowa in ihrem Fall aber unpassend. Unter einer Flucht versteht sie etwas anderes.

Mit ihrer Familie lebt Olga Grjasnowa in Berlin Neukölln

Wir treffen uns in einem gesichtslosen Café an der Friedrichstraße in Berlin-Mitte. Olga Grjasnowa ist hochschwanger mit ihrem zweiten Kind. Deutsch spricht sie mit einem schwachen russischen Akzent, vor allem ist ihr Tempo etwas höher als das eines Muttersprachlers. Sie hat diesen Ort gewählt, weil er nicht weit von der Kita entfernt liegt, die ihre Tochter besucht. Olga Grjasnowa hat ihr den Namen der Großmutter gegeben. Die Kita ist ein Musikkindergarten. Und Olga Grjasnowa gefällt auch, dass es dort noch mehr Kinder gibt, die zu Hause viele Sprachen sprechen. Ihre Tochter wächst mit Russisch, Arabisch, Deutsch auf. Und mit Englisch, denn das ist die Sprache, in der die Eltern miteinander kommunizieren. „Heimat ist eine Behauptung, ein imaginärer Ort“, hat Olga Grjasnowa in einem Interview gesagt. 

Als Beitrag zur deutschen Migrationsliteratur ist ihr viel beachtetes literarisches Debüt „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ gefeiert worden. Es hieß, der Roman habe autobiografische Züge. Schließlich handelt er von einer Aserbaidschanerin, die in Deutschland durchschlägt, aber nirgends zu Hause ist. Ihr Zuhause sei dort, wo es Pogrome gibt, sagt sie einmal. Olga Grjasnowa weist das Autobiografische weit von sich. „Mir ist diese Geschichte erzählt worden.“ Sie könne nicht über etwas schreiben, das ihr nahe sei. Sie brauche Distanz. 

Mit ihrer Familie lebt die Autorin im Norden Neuköllns, in dem Viertel also, in dem Berlin derzeit vielleicht am multiethnischsten ist, wo die Globalisierung Alltag ist, aber nicht immer eine freiwillige Grundlage hat. Auf jeden Fall sind in den Straßen dort die syrischen Flüchtlinge am sichtbarsten. Vor allem an der Sonnenallee reihen sich arabische Läden aneinander. Flüchtlinge nennen sie „die syrische Straße“. 

Eine Szene ihres Buchs spielt dort. Amal steht vor einem syrischen Supermarkt und sucht Tomaten aus, als sie von einem Mann auf Arabisch angesprochen wird. Es ist jemand, den sie aus Damaskus kennt, doch im ersten Moment hat sie ihn für einen Geheimdienstler gehalten. Das ist der Moment, in dem dieses Buch wie ein Schock in das Leben des deutschen Lesers eindringt. Auf der Sonnenallee ist es möglich, dass sich Syrer beim Einkaufen begegnen, die im Krieg auf verschiedenen Seiten gestanden haben, dass der Folterer auf den Gefolterten trifft. 

Begegnung am Kottbusser Tor

Die Begegnung, mit der der Grundstein für den Roman gelegt wurde, hat 2013 am Kottbusser Tor stattgefunden, diesem Kreuzberger Knotenpunkt mit seinen türkischen Imbissen und Cafés. Olga Grjasnowa hat hier Ayham Majid Agha kennengelernt, eine Bekannte brachte sie zusammen. Ayham Majid Agha ist Schauspieler, er kommt aus Syrien und war damals gerade am Ende einer Gastspielreise angelangt, die ihn nach Paris und Hannover geführt hatte. Er war auf dem Rückweg in den Libanon, wo er damals schon lebte. Früh hatte er sich der Opposition in Syrien angeschlossen. Heute leitet er das Exil-Ensemble am Gorki-Theater, das im April seine erste Produktion zeigte. 

Olga Grjasnowa und Ayham Majid Agha sind jetzt verheiratet. Es ist ein Leben wie aus Zufällen. Als er von Berlin nach Beirut fliegen wollte, waren gerade die Gesetze im Libanon geändert worden. Er brauchte für seine Rückkehr Papiere, die er sich in Berlin erst hätte besorgen müssen. Anfangs sprach er kaum Englisch, am Ende blieb er. Ihretwegen? Sie lächelt und nickt.

Sie habe nicht viel gewusst über Syrien damals, habe angefangen zu lesen. Dass daraus ein Roman werden würde, sei ihr erst spät klar geworden, sagt Olga Grjasnowa. Vielleicht wäre es ohne die Fluchterfahrung in der Familien-DNA auch nicht so gekommen. „Zwischen Ayham und mir ging es manchmal nur noch darum, wer raus kann aus Syrien und wer nicht.“ 

Über Syrien hat sie nicht viel gewusst

Die Protagonisten in „Gott ist nicht schüchtern“ gehören der gehobenen Mittelschicht an. Das sorgt für Nähe zu uns, die das Buch hier in der Sicherheit lesen. Und für eine schmerzhafte Fallhöhe. Hammoudi ist ein angehender Schönheitschirurg in Paris, der in Damaskus nur seine Familie besuchen und seinen Pass verlängern möchte, dann aber nicht mehr herauskommt aus Syrien und bald in den provisorischen Krankenhäusern der Oppositionellen Verletzte zusammenflickt. Amal ist Schauspielerin, die ersten Erfolge stellen sich gerade ein. Sie möchte nicht weg aus Damaskus, aber sie hat an Demonstrationen gegen das Assad-Regime teilgenommen und ist schon in die brutalen Hände des Geheimdienstes geraten. Ihr Abschiedsspaziergang durch die Stadt, vorbei am geschlossenen Kino Scham, an der Dar al’ Saalam Schule, der Patisserie Damer, der Smoothie-Bar Abu Shaker, lassen einen das Heimweh nachfühlen, das sie in diesem Moment schon erfüllt. 

Olga Grjasnowa ist nie in Damaskus gewesen. Sie hat diesen Spaziergang mit Hilfe von Google Maps und ihrem Mann konstruiert, er war ihre wichtigste Informationsquelle für das Buch. Lesen kann er es nicht, dazu ist sein Deutsch nicht gut genug. Olga Grjasnowa hat auch in Griechenland recherchiert, sie war auf Lesbos, in Athen, und sie war sieben Monate lang in Istanbul, wo sie das Buch beendete, als der Putsch sich ereignete. Sie hat sich Wissen über posttraumatische Belastungsstörungen angeeignet und Flüchtlinge interviewt, die auf Schlauchbooten übers Meer kamen. Über Anzeigen im Internet hat sie sie gefunden. Im Buch beschreibt sie diese lebensgefährlichen Fahrten, als sei sie selbst dabei gewesen. 

Olga Grjasnowa ist nicht schüchtern. Der Titel des Romans geht auf ein Koranzitat zurück, das ihr Mann einmal erwähnte. „Gott ist alles egal“ würde besser passen. Buchhändler bestellten es öfter als „Gott ist nicht nüchtern“, erzählt sie. 

Flüchtlinge interviewt, die auf Schlauchbooten kamen

Nüchtern und in keiner Weise larmoyant ist die Sprache, mit der Olga Grjasnowa in ihrem Syrien-Roman Grausamkeit und aussichtslose Lagen beschreibt. Das Schlimmste ereignet sich, als Amal und ihr Freund Youssef schon in Berlin sind, in Sicherheit. „Die Revolution war ein Fehler“, sagt Youssef. „Selbst wenn Assad fällt, in Syrien wird sich so schnell nichts ändern. Das Regime hat sich zu tief in uns eingeschrieben.“ – Ob viele es so sehen, dass alles umsonst gewesen ist, all die Toten, Versehrten, der Verlust der Heimat, fragt man sich beim Lesen. Was für ein schrecklicher Gedanke! 

„Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen“, zitiert Olga Grjasnowa in ihrem Buch aus Brechts „Flüchtlingsgesprächen“. Es gibt viele Länder, in die ihr Mann nicht reisen darf. Sein Vater, der lange mit seiner Frau in Dubai gearbeitet hat, lebt inzwischen in Cottbus, für Dubai, wo seine Frau noch immer ist, bekommt er kein Visum mehr. 

Olga Grjasnowa ist diejenige in ihrer Familie, die sich am leichtesten durch die Welt bewegt. Zweimal war sie schon in Dubai, um der Schwiegermutter ihr Enkelkind vorzustellen. Ein Kind, für das vielleicht die Fluchtgeschichte seines Vaters einmal die wichtigste Geschichte der Familie sein wird.

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