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Goran Vojnovic "Vaters Land" Schuld und Selbstgefälligkeit

Allen hält er den Spiegel vor, den Verlierern wie den vorgeblichen Siegern: Slowenien in den Romanen von Goran Vojnovic.

Arbeiten am Parlamentsgebäude in Ljubljana. Foto: REUTERS

Mein Vater ist nicht tot“, sagt Vladan sich im Bett leise vor, „aber dafür ist er ein Kriegsverbrecher.“ Elf Jahre alt war er, als der Vater, ein Oberst der Jugoslawischen Volksarmee, in den Krieg ging und nie wiederkam. Die Mutter log ihm vor, der Papa sei gefallen. Sechzehn Jahre später verrät ihm das Internet, dass das nicht stimmt, und Vladan begibt sich auf die Suche nach diesem General Nedeljko Borojevic, der sich irgendwo vor der Verfolgung durch das Haager Kriegsverbrechertribunal versteckt.

Der Plot ist vielleicht nicht sehr originell für einen Autor der jugoslawischen Nachkriegsgeneration. Aber er musste erzählt werden, und unter den Händen des slowenischen Romanciers und Regisseurs Goran Vojnovic ist ein Meisterstück daraus geworden.

Wie Vladan, sein Protagonist, stammt der Autor Goran Vojnovic aus der Jugo-Jugend der slowenischen Hauptstadt: Kinder serbischer, bosnischer, kroatischer Eltern, die in der Trabantenstadt Fuzine groß geworden und im kleinen, feinen Slowenien nie richtig angekommen sind. Zu viel vom alten Jugoslawien haben die „Cefurji“, wie die „Balkanesen“ hier abschätzig genannt werden. Sie bringen alles durcheinander, verweigern die saubere Abtrennung vom Balkan und schleppen durch die Hintertür alles zurück ins schöne neue Slowenien, das man doch gerade loswerden wollte: die Sprache, die Manieren, die schrecklichen Erinnerungen, die ganze Last der Geschichte.

Vladan, derselbe Jahrgang wie sein Autor, trägt eine postjugoslawische Biografie mit sich herum, wie auch Hunderttausende Emigrantenkinder anderswo in Europa sie haben. Der Vater kam aus Serbien und wurde in der Armee zum begeisterten Jugoslawen. Die Mutter stammt aus einem ebenso kommunistischen wie spießigen slowenischen Polizistenhaushalt und macht sich durch die Ehe mit dem serbischen Offizier zu Hause unbeliebt. Dann, als Nedeljko fort ist und sie mit dem elfjährigen Vladan nicht weiß wohin, muss seine Mutter zu Kreuze kriechen und landet wieder nahe den Eltern in Ljubljana.

Vladan lernt zwar rasch die Sprache, spricht mit der Mutter aber penetrant weiter Serbokroatisch. Jugo-Nostalgiker wird er aber keiner. Trotzig und ein wenig angewidert verfolgt er die Szene der Serben in Ljubljana, die ihre alte Selbstgefälligkeit unverändert beibehalten haben und wie früher ihre Feste feiern. Von Schuld, von Verbrechen will niemand etwas hören. Wenn man am Krieg beteiligt war, dann natürlich als Opfer.

Auf seiner Suche nach dem flüchtigen Vater trifft Vladan Onkel Danilo, bei dem seine Mutter seinerzeit Unterschlupf gefunden hat. Damals, im Krieg, bot Onkel Danilo wenigstens ein Stück Familie, aber auch die gibt es nicht mehr. Über Jugoslawien, die Serben und über Vladans Vater, den General, hat der gealterte Mann eine undurchdringliche Legende gewoben. Man sieht die beiden vor sich: den faltigen „unrettbar gebrochenen“ Greis, den angewiderten Neffen.

Die treffsicheren Szenen verraten den Regisseur. „Cefurji raus!“, Vojnovics Film von 2013, macht im ganzen früheren Jugoslawien Furore. Allen zeigt er ihre billigen Lebenslügen, ihre Resignation, ihre zerstörten Städte, Dörfer, Familien. Allen hält er den Spiegel vor, den Verlierern wie den vorgeblichen Siegern. „Cefurji raus!“ ist zuerst als Roman erschienen und wurde natürlich ins „Bosnischkroatischserbische“ und dann sogar ins Polnische und Tschechische übersetzt, eigenartigerweise aber nicht ins Deutsche. Das hat für den zweiten Roman unter dem Titel „Vaters Land“ auf eindrucksvolle Art nun Klaus Detlef Olof geleistet. Für den Jugo-Slang von Fuzine musste eine passende Sprache erst erfunden werden.

Aber das muss man nicht wissen. Wer zu Jugoslawien keine Beziehung hat, wird den schmalen, aber gedankenreichen Roman als Migrantenschicksal, als Erinnerung eines Scheidungskinds und als zarte und sehr ehrliche Liebesgeschichte lesen können, und immer mit Gewinn.

Goran Vojnovic: Vaters Land. Roman. Aus dem Slowenischen von Klaus Detlef Olof. Folio, Wien/Bozen 2016. 256 S., 22,90 Euro.

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