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Goethe-Museum Ein Romantiker für Europa

Zum 250. Geburtstag lässt das Frankfurter Goethe-Museum August Wilhelm Schlegel Gerechtigkeit widerfahren.

A. W. Schlegel.
A. W. Schlegel. Foto: FDH/Ursula Edelmann

Anne Bohnenkamp, Direktorin des Deutschen Hochstifts in Frankfurt, sieht Fake News am Werk. Seinerzeit wurden sie noch nicht so rasend schnell verbreitet, dafür aber vehement und hartnäckig genug, um die Jahrhunderte zu überdauern. Im Zentrum von August Wilhelm Schlegels schmählichem Nachruhm steht ein kleiner Abschnitt aus Heinrich Heines „Romantischer Schule“, aus dem unverbrämt (bzw. durch neckische Verbrämung genüsslich noch schlimmer gemacht) hervorgeht, dass Schlegel als Künstler eine Null, als Mensch ein armer, eitler Geck von vorgestern und als Mann impotent war.

Über die Zeit schliff sich das lediglich etwas ab, zumal es Gründe gab, Heines fulminante Urteile nicht in jeder Einzelheit ernst zu nehmen. Was blieb, war aber die stillschweigende Übereinkunft, dass August Wilhelm Schlegel ein trefflicher Shakespeare-Übersetzer, sein jüngerer Bruder Friedrich hingegen genialisch war, August Wilhelm ein Waschlappen, Friedrich hingegen immerhin ein Filou. Indem Heine F. Schlegels „Lucinde“ interessiert beim Namen nannte, kanonisierte er zudem das Werk beider Brüder fatal minimalistisch, auch dies nachhaltig.

Im Goethe-Museum in Frankfurt ist jetzt die Liste zu sehen, auf der H. Heine sich in Schönschrift für die Bonner Nibelungenlied-Vorlesung August Wilhelm Schlegels eintrug, 1820. Fünfzehn Jahre später hörte, bereits im „Romantische Schule“-Erscheinungsjahr, Carl Marx aus Trier als Nr. 52 Schlegel dabei zu, wie er über „Homerische Fragen“ sprach. Die Konfliktlinie war insofern natürlich generationsbedingt, der 30 Jahre jüngere Heine sah sich einem jetzt bürgerlich erfolgreich etablierten und bestallten Ex-Frühromantiker gegenüber. Dazu zeitgeistbedingt, galt Schlegel doch zu Recht als wichtiger Stichwortgeber für Madame de Staëls dem jungen Deutschland denkbar unangenehmen Werk „De l’Allemagne“.

Dass Schlegel dreizehn Jahre lang an der Seite der eigenwilligen Freundin geblieben war, sorgte gleichfalls für Spott und delikates Rätselraten. Wer jetzt im Goethe-Museum seinen Treueschwur liest – „Verfügen Sie über meine Person und mein Leben, befehlen und verbieten Sie ... Ich verzichte auf jedes weitere Glück als jenes, das Sie mir freiwillig schenken wollen“ –, der weiß tatsächlich immer noch nicht, was er davon halten soll. Die Brüder Schlegel, aus gebildetem hannoverschen Pastorenhaushalt, neigten zu einem in jedem Falle unorthodoxen und mit Blick auf Konventionen unbekümmerten Privatleben. Erst in jüngerer Zeit setzte sich die Einsicht durch, dass gerade dies eine unmittelbare Linie von der Romantik in unsere Tage ist.

Erst in jüngerer Zeit auch wurde August Wilhelm aus den Fängen seiner Verächter – neben Heine ist Goethe zu nennen – befreit. Ein wesentlicher Schritt hierfür war die 2016 erschienene große Biografie des britischen Schlegel-Forschers Roger Paulin, die freilich nicht im luftleeren Raum entstand. Wesentlich, das macht jetzt die Frankfurter Ausstellung „Aufbruch ins romantische Universum“ deutlich, ist vor allem die im neuen Jahrtausend systematisierte Erschließung des Nachlasses. Sie legt die Breite des Denkens, der Interessen und des Werks Schlegels offen. Das Fragment wurde von den Romantikern dabei nicht nur theoretisch gefeiert, sondern bekümmerte sie auch in der Praxis nicht. Auch hatte die sprunghafte Vielseitigkeit nicht immer kurzlebige Folgen. Es darf dem Publikum imponieren, dass Schlegel – auf indischgelbem Grund im Bonn-Kapitel der Schau als Initiator der deutschen Indologie vorgestellt – Sanskrit-Lettern schuf, die bis in die 1960er Jahre Verwendung fanden.

Es sind verschiedene Forschungsprojekte, die in die Ausstellung zum 250. Geburtstag Schlegels am 5. September einflossen. Sichtbar werden die Vielfalt des in erster Linie in Dresden liegenden Nachlasses und vor allem die digitale Erschließung der verstreuten umfassenden Korrespondenz, die eine Projektgruppe an der Philipps-Universität in Marburg seit Jahren betreibt. Die bisherigen Ergebnisse kann man sich im Internet anschauen. In der Ausstellung sind sie schön aufbereitet mit großen Karten, die zeigen, wie Schlegels Adressatenradius sich zunehmend erweiterte. Und hier sind immer noch lediglich 1000 von etwa 5000 erhaltenen Briefe eingearbeitet.

Mit 700 Zeitgenossen pflegte er Korrespondenzen, die Kuratorinnen Claudia Bamberg und Cornelia Ilbrig sprechen von einem der effizientesten Netzwerker seiner Zeit. Auch dies zeichne Schlegel als „europäischsten der deutschen Romantiker“ aus, so die Kuratorinnen, was wiederum ein Licht auf die Beunruhigung des jungen Deutschland gegenüber dem Bonner Professor wirft. Man war so gar nicht mit der europäischen Frage befasst.

Schlegels Ablehnung der französischen Übermacht der Regelpoetik (von Heine liebend gerne als tölpische Ignoranz gegenüber französischer Literatur insgesamt interpretiert) nahm Einfluss auf die kommende Kanonisierung. Calderón, Cervantes, Dante, Petrarca, Shakespeare gehörten zu seinen Fixsternen, deren Werke der polyglotte Gelehrte maßstabbildend übersetzte und die im 21. Jahrhundert durch neue Übersetzungen ihre Überlebensfähigkeit unter Beweis stellen. Dass er sich im Alter intensiv mit indischen Klassikern befasste, namentlich mit der Bhagavadgita, relativiert den Eindruck des Eurozentrismus. Schlegel, sagt Anne Bohnenkamp, komme der Verkörperung der Goetheschen Idee von Weltliteratur so nahe wie sonst kein Zeitgenosse.

Die Ausstellung fängt aber dann doch ganz am Anfang an. Auf einem in der einstigen Modefarbe Bleu mourant, immer noch sehr chic, gehaltenem Grund zeigt sich das Elternhaus der Brüder Schlegel. Die Mutter, erfährt man, war nicht begeistert von dem Gedanken, dass gleich zwei Söhne die freie Schriftstellerlaufbahn einschlagen wollten. So war es aber ganz gewaltig, und schon taucht in einer lindgrünen Bürgerstube die Jenaer „Wohngemeinschaft als progressive Universalpoesie“ auf. In dieser Aufsehen erregenden Kommune – Damen waren anwesend – ging es um nicht weniger als um die Eroberung der literarischen Welt, sei es durch Kunst, sei es durch nackte Frechheit.

In letzterer übte sich vor allem Friedrich, aber es ist August, der auf einer Karikatur von Johann Gottfried Schadow, „Versuch auf den Parnaß zu gelangen“ (1803) mit breiter Brust, Kreuz und Handfeuerwaffe der romantischen Horde als Hauptmännchen voranschreitet. Ein facettenreiches, schillerndes Bild, auch buchstäblich, denn das kleine Rätsel mit den spiegelverkehrten Namen – im Original erst auf einem weiteren Blatt aufgelöst, in Frankfurt zusammenmontiert – lässt sich zwar lösen. Der bereitgehängte Handspiegel zeigt dann aber wieder andere Wörter verkehrtherum. Wie man es dreht und wendet, bei den Romantikern stimmt immer etwas nicht.

Zu sehen ist der Schiller-Brief, in dem der vernünftige Dichter wegen des ungezogenen kleinen Bruders auch August Wilhelm die Freundschaft aufkündigte. Zu sehen ist auch, in einem Puppenhaus, ein ausgetüfteltes Projekt Frankfurter Studierender, die kleine Filme rund ums Thema hergestellt haben. Die Ergebnisse sind so unterschiedlich wie die Lage, eine charmante und nicht zuletzt unterhaltsame Möglichkeit, die Zeit zu überspringen. Nicht auszudenken, wie die Jenaer Frechdachse über Facebook kommuniziert hätten, aber hier bekommt man eine Idee davon.

Die Salonfarbe Karmesinrot führt in die Salonwelt der Madame de Staël am Genfer See, auch hier bleiben die Stellwände provisorische Holzvorrichtungen. Das Unfertige noch einmal als romantische, namentlich Schlegelsche Spezialität. Die Kuratorinnen nahmen bereits lächelnd in Kauf, dass erste Besucher dachten, die Schau sei noch nicht fertig eingerichtet. Auch, betonen sie, sei es keine Verlegenheitslösung, dass viele Bilder in aufgezogenen Kopien zu sehen sind. Die Frankfurterinnen treiben ihr eigenes Spiel mit der romantischen Frage nach Original und Abbild.

Mit den Vorlesungen in Wien (Kaffeehaus-Altrosa) beginnt die Phase der neuen Kanon-Erstellung, mit dem Aufenthalt in Stockholm (Königsblau) beim künftigen schwedischen König Bernadotte (dem „Désirée“-Bernadotte) die Zeit des politischen Redenschreibers. In beiden Rollen ging es jetzt mit Macht, aber recht ohnmächtig gegen Napoleon. Nach Germaine de Staëls Tod 1817 begab sich Schlegel nicht nur in eine wahrlich missglückende zweite Ehe – die erste, mit der markanten Caroline, war ebenfalls gescheitert, auch dies Quelle böseartigen Geschwätzes, das Heine für die Zukunft in Schriftform brachte –, sondern auch an die neugegründete Universität nach Bonn. Er sammelte indische Kunst, schrieb Verse in Sanskrit. Goethe, notierte Eckermann, machte sich lustig über eine Präsentation exquisit verpackter indischer Miniaturen.

Aber auch dass Schlegel selbst sich auf Hohn und Satire verstand, ahnt man bereits und erfährt es dann im Katalog. Behäbigkeit will man gar nicht mehr mit ihm verbinden. Die Fragen nach bleibendem Werk und nachhaltiger Wirkung lösen sich auf. Überhaupt ist man angesichts des dicht beschriebenen Papiers bald neugierig darauf, wie in 200 Jahren E-Mail-Dateien erschlossen werden.

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