Lade Inhalte...

Giwi Margwelaschwili Das Überleseleben

Dem deutsch-georgischen Schriftsteller Giwi Margwelaschwili zum 90. Geburtstag.

Giwi Margwelaschwili.
Giwi Margwelaschwili. Foto: Alexander Janetzko

Als das Literarische Colloquium Berlin seinen 50. Geburtstag feierte, gehörte zu der schönen Postkartenedition ein Foto, das den Schriftsteller Giwi Margwelaschwili zeigt: ein kleiner, von den Jahren verwitterter Mann, gebeugt über einen Text. Neben ihm sitzt ein sehr viel jüngerer Mann, mit sichtbarem Wohlgefallen auf den Vorlesenden blickend. Das ist Jörg Sundermeier, Chef des Berliner Verbrecher Verlags, Jahrgang 1970. Dieses Paar gehört zu den produktivsten in der gegenwärtigen Literaturlandschaft; das ist ein Glück für den Autor, der am heutigen Donnerstag 90 Jahre alt wird, ein Glück auch für die Leser, auch wenn es derer weniger gibt, als es den Büchern zu wünschen wäre.

Margwelaschwili ist gebürtiger Berliner, er schreibt auf Deutsch. Seine Eltern waren georgische Emigranten, sie galten zur Zeit seiner Geburt als staatenlos. Die Mutter starb früh, der Vater Titus von Margwelaschwili, ein Sozialdemokrat, lehrte Philosophie und Orientalistik. 1946 wurde er zusammen mit seinem Sohn vom sowjetischen Geheimdienst NKWD entführt. Der Vater wurde ermordet, Gewissheit über seinen Tod erlangte der Sohn erst in den Neunzigern.

Giwi Margwelaschwili selbst war dann in Sachsenhausen interniert, im Jahr darauf wurde er nach Georgien verschleppt, das inzwischen Teil der Sowjetunion war. Er wurde zum Schriftsteller, allerdings nur für die Schublade, zu abstrakt, zu abwegig schrieb er. Vor allem als Übersetzer verdiente er seinen Unterhalt. Als er 1987 in die Bundesrepublik ausreisen konnte, brachte er ein umfangreiches Werk mit: Romane, Erzählungen, wissenschaftliche Abhandlungen. Sundermeier wurde sein treuester Verleger.

Das jüngste Buch haben beide zusammen gemacht: „Bedeutungswelten“ ist ein biografisch-literarisches Gespräch. Der Verleger reiste zu seinem Autor, der seit 2011 wieder in Georgien lebt und traf ihn an vier Nachmittagen, um Schicht um Schicht tiefer zu schürfen in der Lebensgeschichte. So erfahren wir, dass Literatur ihn am Leben hielt. Im Lager rettete er sich mit „Eugénie Grandet“ von Balzac: „Die Bedeutung hatte das Buch selbst, die Sprache und das völlig Andere. Alles, was es vorstellte in Hinsicht auf das, was es um mich herum gab, in Hinsicht auf alles Widerwärtige und Abstoßende.“

Georgien wird Schwerpunkt auf der Frankfurter Buchmesse

Aus dieser Urerfahrung der Lebensrettung durch Lesen formulierte Margwelaschwili später philosophische, oder wie er sagt, ontotextologische Abhandlungen über Literatur, schrieb er Romane in der Zwiesprache mit anderen Büchern. Das Gespräch klärt auch über einen Punkt auf, der in Kurzbiografien falsch dargestellt war: Nicht Deutsch lernte Margwelaschwili in Georgien, das sprach er längst perfekt, sondern sowohl Russisch als auch Georgisch.

Sein mehrbändiges Hauptwerk „Kapitän Wakusch“ ist ein autobiografisch geprägter Roman, der die Zeiten kreuz und quer durchschreitet. Margwelaschwili will mit seinem Erzählen auf den Kern aller Geschichten kommen. Da führt er vom „Goglimogli“, das die kleinen Wichte zu essen bekommen, ins Eingemachte, politisch und kulturell, führt zur „unverhüllten Leidenschaft für alles Ungogliche und Unmogliche“, die in „Deuxiland“ um sich griff.

In seinem Roman „Der Kantakt“ schreibt er von sich als Autor, denn Giwi Margwelaschwili wird 1995 Stadtschreiber von Rheinsberg. Er nähert sich Kurt Tucholskys Liebespaar lesend und verschmilzt mit ihren „Hintergrundpersonen“. Er zeigt sich „als Lesergeist“ mit der Beschränkung „auf die leeren Leserplätze der Buchweltbezirke überhaupt nicht zufrieden“. Es ist eben das „Überleseleben“, von dem Margwelaschwili sogar in einem Kindergedicht schreibt, das ihn antreibt. „Ohne den Leser findet die Geschichte gar nicht statt“, ist seine Überzeugung.

Georgien ist im kommenden Jahr Schwerpunktland der Frankfurter Buchmesse. Davon sollten der georgische Deutsche und sein Verlag doch profitieren können.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen