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Gesellschaftsgeschichte So was macht uns keiner nach!

Der letzte Band der "Deutschen Gesellschaftsgeschichte": Hans-Ulrich Wehler betrachtet sein Werk - und findet Wohlgefallen daran. Von Werner Plumpe

30.08.2008 00:08
WERNER PLUMPE
Hans-Ulrich Wehler. Foto: dpa

Mit dem nunmehr vorliegenden fünften und letzten Band seiner deutschen Gesellschaftsgeschichte hat der Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler nicht nur seine große Darstellung der deutschen Geschichte seit der Mitte des 18. Jahrhunderts abgeschlossen, sondern auch eine erstaunliche Fleiß- und Ausdauerleistung zu einem erfolgreichen Ende gebracht.

Mehrere tausend Seiten Gesellschaftsgeschichte, identisch aufgebaut nach den Gesichtspunkten wirtschaftlicher Entwicklung, sozialer Ungleichheit, politischer Herrschaft und kultureller Welt, bieten neben zahlreichen historiographischen Urteilen vor allem auch eine Enzyklopädie der deutschen Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, deren Summa sie gewissermaßen darstellen.

Der fünfte Band unterscheidet sich gravierend von seinen Vorläufern. Er hat den enzyklopädischen Charakter verloren, auch wenn er in Gliederung, Aufbau und Argumentationsstil seinen Vorgängern noch ganz ähnlich ist. Wehler ist es darin nicht mehr um die gelegentlich schon unglaublich anmutende Aneinanderreihung wirtschafts- und sozialstatistischer Details zu tun, auch nicht um die detailgetreue Entfaltung der Mechanismen des politischen Systems und dessen, was er unter Kultur versteht. Nein, in diesem fünften Band geht das alles über Ansätze nicht mehr hinaus; er ist mit gut 500 Seiten auch deutlich kürzer als sein unmittelbarer Vorläufer, der es mit knapp 1200 Seiten auf mehr als das Doppelte an Umfang gebracht hatte.

Doch selbst bei diesen schon vergleichsweise kurzen Literatur- und Statistikreferaten hat man das Gefühl, dass der Autor nicht recht bei der Sache ist. Er bleibt sich zwar treu in seinem überkommenen Argumentationsschema und hält an seiner in den 1980er Jahren fixierten Vorstellung von Gesellschaft als herrschaftsgestütztes System der Ungleichheit eisern fest; doch ganz offensichtlich beschäftigt Wehler vor allem seine Bundesrepublik, ihr Werden, ihre Stabilität, ihre politische Kultur und ihre Zukunft.

Dass sie nicht ganz so geworden ist, wie er sich das gewünscht hätte, sondern allerlei ungerechte Klassengrenzen mit sich trägt, mag bedauerlich sein. Dass heute große Gefahren lauern, die das Werk bedrohen, etwa der EU-Beitritt der Türkei und eine ungesteuerte Migration mit allen ihren vermeintlichen Folgen, davor ist zu warnen.

Doch im Kern haben bei Wehler Leistungsbereitschaft, historische Erfahrung und politische Klugheit das nach 1914 zunächst gestrauchelte und nach 1933 in die Barbarei abgeglittene Land in den Kreis der zivilisierten Völker des Westens zurückgeführt. Und es waren bestimmte Männer, die diesen Erfolg herbeigeführt, begleitet und gegen Kritiker und Gestrige abgesichert haben.

Politiker wie Konrad Adenauer, Willy Brandt und Helmut Schmidt, vor allem aber kritische Intellektuelle und insbesondere Historiker, die seit den späten fünfziger Jahren mit zunehmender Unterstützung der ebenfalls selbstbewusster auftretenden Medien die öffentliche Selbstwahrnehmung der Bundesrepublik Deutschland und ihre politische Kultur sukzessive zum Guten hin veränderten. Fischer-Kontroverse und Historikerstreit markieren in Wehlers Sicht daher entscheidende Weichenstellungen, in denen ein überkommenes Geschichts- und ein entsprechendes Selbstbild zerstört bzw. an der Wiederkunft ein für alle mal gehindert wurden.

Das relativiert für Wehler auch die Bedeutung der Studentenrevolte von 1968, in seinen Augen ohnehin ein Phänomen der Oberschichtjugend: Die Republik war keineswegs erst seit dem Ende der 1960er Jahre, sondern seit ihrem Anfang in Bewegung gewesen. Politisch sei die "deutsche 68er-Bewegung darum rundum gescheitert", auch wenn Wehler ihr Erfolge bei der Änderung der Alltagskultur zugesteht.

Nein, die liberale, demokratische, geschichtsbewusste und kritische Bundesrepublik Deutschland ist vor allem das Produkt der außerordentlich leistungsfähigen "public intellectuals" der Geburtsjahrgänge 1929 bis 1941, die in der westlichen Welt, so die feste Überzeugung des Autors, keine Parallele hatten. Was dem Kaiserreich der preußische Leutnant war, das ist, so möchte man eingedenk der Wehlerschen Sicht des Kaiserreiches ironisch anmerken, für Wehler der kritische Historiker: So was macht uns keiner nach!

Dieser Haupterzählstrang von der Erfolgsgeschichte der leistungswilligen und leistungsfähigen "Generation 45" mäandert durch das Buch, das ansonsten dem gewohnten Schema folgt. Die Rahmenbedingungen des Neuanfangs nach 1949 werden knapp geschildert, die demographischen Umbrüche in beiden deutschen Staaten dargestellt, und die Wanderungsströme, von denen die Bundesrepublik Deutschland bis zum Bau der Mauer wirtschaftlich profitierte, zutreffend charakterisiert.

Auch die spätere Arbeitsmigration und danach Zuwanderung sieht Wehler in ihrer Ambivalenz. Das Kapitel über Strukturbedingungen und Entwicklungsprozesse der Wirtschaft zeigt gleichermaßen den wirtschaftlichen Erfolg des Landes wie Chancen und Belastungen durch den Strukturwandel, dem mit der Landwirtschaft und der traditionellen Schwerindustrie ganze Branchen zum Opfer fielen.

Das revolutionär Neue der Massenkonsumgesellschaft wird offensichtlich, auch ihre Auswirkungen auf das traditionelle gesellschaftliche Gefüge, das bisher ja funktional auf Knappheitsbewältigung eingestellt war, lassen sich ahnen. Zu manchem hätte man sich mehr gewünscht, etwa zur Bedeutung der Währung, der Währungspolitik und der Bundesbank, wie überhaupt Wirtschafts- und Währungspolitik auch in der späteren Diskussion der politischen Herrschaft sträflich vernachlässigt werden, obgleich sie für Selbstverständnis und politische Kultur des Landes mindestens so bedeutend waren wie die von Wehler prominent behandelten geschichtspolitischen Debatten.

Das Kapitel zur sozialen Ungleichheit hingegen ist schwach. Wehler führt hier geradezu paradigmatisch vor, wo ein antiquierter klassentheoretischer Ansatz enden muss: im Setzkastenspiel der statistischen Abgrenzung von sozialen Gruppen einerseits, in Polemik gegen konkurrierende Überlegungen andererseits.

Da muss die Einkommens- und Steuerstatistik herhalten, um aus marktbedingten Unterschieden (hier ist Wehler ganz recht zu geben) soziale Klassen herzuleiten, von denen man dann aber nicht recht weiß, wozu sie gut sind. Und weil die relativen Daten der Einkommens- und Vermögensverteilung über 40 Jahre gleich bleiben, bleibt auch in der Klassenstruktur alles beim alten, was aber, so unwahrscheinlich es an sich ist, für die politische und Kulturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland sowieso keine Bedeutung hat, denn von Klassenauseinandersetzungen ist eigentlich nicht die Rede.

Versteckt wird einmal angemerkt, der Sozialstaat habe den Klassenantagonismus wirksam gedämpft, ihm also im Grunde die Bedeutung genommen. Und auch bei näherem Hinschauen wird es nicht besser. Leistungseliten (wie auch immer definiert; und sind Eliten eigentlich Klassen?) will Wehler ja akzeptieren, aber gerade die Leistung fehlt ihm bei der Wirtschaftselite, die weniger aufgrund ihrer Leistung als aufgrund von Herkunft und Habitus in ihre Ämter (welche genau das sind, erfährt man nicht) gelangt sei.

Die Beschreibung dieses Habitus' ist unfreiwillig komisch; vor allem wird nicht recht klar, ob das an der "Bourgeoisie" zu Kritisierende nun ihre fehlende Leistung, ihre Herkunft oder ihre Existenz selbst ist: Vielleicht wäre Wehlers Welt ja in Ordnung, wenn die soziale Herkunft der Wirtschaftselite dem statistischen Durchschnitt der Bevölkerung entspräche und damit dem Leistungsprinzip Genüge getan wäre. Man weiß es nicht.

Das Bürgertum, auch so ein Pudding, den man nicht an die Wand nageln kann, kennt Wehler bis auf die Stelle hinter dem Komma, und er weiß, dass es mit seinen Leittugenden nach 1945 allen Unkenrufen zum Trotz eine Renaissance erlebt hat. Von amorphen Mittelschichten will er nichts wissen; statt dessen pocht er auf die Persistenz von Leistungswillen, Autonomie und Bildungsorientierung.

Diese Leitvorstellungen für typisch bürgerlich zu erklären und Arbeiter und Angestellte davon auszuschließen, ist an sich schon problematisch. Vor allem aber sagen diese Begriffe in ihrer Schlichtheit nichts über das alte Bürgertum aus, dessen Vorstellung von Ehe- und Sexualmoral, christlichem Glauben, Vaterlandsliebe, kulturellem Kanon, Pflicht- und Dienstbewusstsein bis zur relativ rigiden Alltagsgestaltung schon im Kaiserreich brüchig wurde und in den sich anschließenden Katastrophen endgültig unterging, auch wenn einzelne individuelle Verhaltensgrundsätze durchaus weiterlebten.

Was Wehler hier beschwört, ist eine Art Bürgertum light, das auf der Bühne alles akzeptiert, Hauptsache es findet im Theater statt. Das funktioniert nur, wenn man das ältere Bürgertum trivialisiert oder sich einfach nicht mehr an es erinnern will. Daran ändern auch die immer mal wieder eingestreuten Bourdieuismen nichts; der Verweis auf die habituelle Souveränität des Bürgers gegenüber dem Angestellten ist nichts als eine Behauptung.

Nein, wer dieses Kapitel über soziale Ungleichheit in der Bundesrepublik Deutschland gelesen hat, wird die Gesellschaft des Landes hinter vielen statistischen Daten, die ihm eine starre Klassengesellschaft vorgaukeln wollen, nicht finden, zumal Wehler selbst einräumt, aus dem Proletariat sei immerhin die Arbeiterschaft geworden.

Über die politische Geschichte des Landes erfährt man viel mehr. Manches, wie die Frage nach dem Ausbleiben charismatischer Figuren in der Bundesrepublik Deutschland, verdankt sich wohl vor allem dem Nachwirken der Erklärung des Nationalsozialismus als charismatische Herrschaft in Band 4.

Stabilisierung im Zeichen von Besetzung und Wirtschaftswunder, Westintegration und Europäisierung, konservative Modernisierung und langsamer Wandel von Öffentlichkeit und politischer Kultur, das Verschwinden von Nationalismus und Militarismus, die offene, aber in wichtigen Punkten erst spät erfolgte ehrliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust, schließlich die Bewährung des politischen Systems in Bruchphasen und Krisen - das alles sind wichtige Punkte, die Wehler im Sinne der bereits genannten Großerzählung von Rezivilisierung durch historisch aufgeklärte Leistung nachvollziehbar darstellt.

Auffällig ist das Fehlen vieler Gesichtspunkte, die nicht in den Fokus kommen, wie etwa die Umweltbewegung, aber auch und vor allem große Bereiche der Politik, die den Charakter der Republik maßgeblich geprägt haben: insbesondere Währungs- und Wirtschaftspolitik. Hier geht es Wehler vorrangig um das Selbstbild der Republik und dessen Protagonisten, anderes bleibt so blass wie der Nachspann zur Kulturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland, der sich informativ mit Kirchen, Schulen und Publizistik befasst.

Nimmt man das alles zusammen, so scheint Wehler zu dem Befund zu kommen, bei der Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland handele es sich um eine durch historische Erfahrung, sozialpolitische Maßnahmen und demokratische Stabilität gezähmte, starre Klassengesellschaft, die und deren politische Kultur es gegen gestrige und zukünftige Herausforderungen zu verteidigen gilt, nicht zuletzt durch den kämpferischen Einsatz von "public intellectuals", die zweifellos auch ein wenig zur Flexibilisierung der Klassenschranken beitragen könnten.

Wenn man alle diese Ergebnisse vorsichtiger formulierte, die Starrheit der Klassenbegrifflichkeit fortließe und die Selbstüberschätzung der Intellektuellen ironisierte, ließe sich über manches diskutieren. Dann müsste man aber mit einer Bestandsaufnahme der notwendigen Themen beginnen, vor allem müsste sich eine Gesellschaftsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland aus dem Schatten des Krieges lösen und die gesellschaftlichen Dynamiken seit den 1960er und 1970er Jahren ernst nehmen.

Man wüsste dann auch gern mehr über "deutsche Besonderheiten" jenseits des Holocaust und dessen Nachwirken. Eklatant ist bei Wehler etwa das Ignorieren von Eigentümlichkeiten gerade im Kernbereich des Sozialstaates und der industriellen Beziehungen. Hier gibt es bis in die Gegenwart einen deutschen "Sonderweg" der Sozialpartnerschaft, der doch einen zentralen Bereich gesellschaftlicher Konfliktregulierung betrifft - und den gerade eine immer um Vergleich bemühte Bielefelder Geschichtsschreibung hätte einordnen müssen.

Aber "varieties of capitalism" gibt es für Wehler ebenso wenig wie einen Blick auf den Strukturwandel der Unternehmen, für den die französischen Sozialwissenschaftler Luc Boltanski und Eve Chiapello immerhin den Begriff vom "neuen Geist des Kapitalismus" geprägt haben.

Ob und in welcher Weise die deutsche Gesellschaft die Strukturwandlungen des Kapitalismus mit- und nachvollzieht, lässt sich nicht mehr mit Blick auf die Gründungsphase der Republik oder irgendwelche Steuerstatistiken beantworten; hier muss eine neue Sicht der Dinge entwickelt werden. Da diese Diskussion überhaupt erst beginnen müsste, kann man Wehler nur bedingt zum Vorwurf machen, etwas nicht berücksichtigt zu haben, was beim jetzigen Forschungsstand noch kaum resümierbar ist. Er hätte aber zumindest auf die offenen Fragen hinweisen können.

Doch ein zweifelnder, fragender Blick ist Wehlers Sache nicht. Das bekommt die untergegangene DDR zu spüren. Die Gesellschaftsgeschichte der DDR wird zwar von der Materialpräsentation her nur stiefmütterlich behandelt, bietet dafür aber um so größere Möglichkeiten zu drastischen Urteilen. Die sind nicht unbedingt falsch, vieles ist diskussionswürdig, zumal im Fall der DDR die Geschichte selbst zu einem deutlichen Ende geführt hat. Es sind vor allem die apodiktischen Töne, die die Musik machen. Da fragt man sich zum Teil schon, warum hier permanent mit großem Kaliber auf einen Leichnam geschossen wird, der "toter" nicht sein könnte.

Dass Wehler Oskar Lafontaine und die PDS nicht leiden kann, ändert nichts an deren Erfolg, der wiederum schlecht der verblichenen DDR angelastet werden kann, sondern ein Phänomen der gesamtdeutschen Gesellschaftsentwicklung ist, die allein durch Schimpfen nicht transparent wird. Hier müsste der Gesellschaftshistoriker erklären - statt dessen verfällt Wehler wieder in die Rolle des Großintellektuellen, dessen Räsonieren er durch seine eigenen Analysen zuvor als geschichtsmächtig deklariert hat. Das hat mit Gesellschaftsgeschichtsschreibung herzlich wenig zu tun.

Das Buch sollte mithin weniger als wissenschaftliche Darstellung der Gesellschaftsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland, für die es im Grunde noch zu früh ist, sondern als politischer Essay gelesen werden, in dem ein Zeitgenosse seine eigene Lebensleistung und die dafür konstitutive Rolle des polemisch urteilenden öffentlichen Intellektuellen als historische Ereignisse präsentiert.

Eine solche Reflexion der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland mündet bei allen klugen, freilich meist längst bekannten Beobachtungen im einzelnen doch zwangsläufig in Selbstgerechtigkeit, denn hier fallen Gegenstand und Beobachtung in eins, hier wird Wehler zum Historiker seiner selbst, der sich auch im Nachhinein eigentlich immer nur recht gibt.

Das hat zweifellos Quellenwert und wird auch so gesehen werden. Eine anregende Gesellschaftsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland kommt dabei allerdings nicht heraus, zumal die Entwicklungsdynamik seit den 1960er Jahren gar nicht mehr erfasst wird. Der gegenwärtigen Geschichtsschreibung hat eine solche Bielefelder "Historische Sozialwissenschaft" nicht mehr viel zu sagen.

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