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Gesellschaft Demokratien werden von ihren Eliten zerstört

Die wahre Parallelgesellschaft bilden die Topmanager: Mit ungeheurer Ignoranz tragen sie die Demokratie zu Grabe. Damit seien sie die wirkliche Gefahr für Deutschland, sagt Michael Hartmann.

Börse
Die einen lassen es krachen, die anderen räumen auf. Foto: rtr

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Das ist, jeder weiß es, eine Lüge. Die einzigen, die ihr noch anzuhängen vorgeben, sind die, die so tun, als glaubten sie, sie würden so gut bezahlt, weil sie zu den Leistungsträgern gehören. Spätestens seit wir beobachten können, dass Manager, die ihre Firmen ruinieren, nicht nur ihre exorbitanten Gehälter, sondern auch weiter ihre Boni beziehen, glauben wir nicht mehr an die Leistungsgesellschaft. Der Dieselskandal hat jetzt auch dem letzten gläubigen Anhänger der Rede von der Leistungsgesellschaft gezeigt, dass zu den besonders gut vergüteten Leistungen der Betrug gehört.

Michael Hartmann, geboren 1952 in Paderborn, war von 1999 bis 2014 Professor für Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt. Er hat schon 1996 („Topmanager: Die Rekrutierung einer Elite“) eine empirische Untersuchung über die Herkunft einer wichtigen bundesrepublikanischen Elite vorgelegt. Das Ergebnis war: Die überwältigende Mehrheit der Eliten von heute sind die Kinder der Eliten von gestern.

Wir alle kennen das zentrale Argument für die riesigen Gehälter der Topmanager: Sie bewegen sich auf einem weltweiten Markt, wer sie halten will, muss zahlen. Hartmann zeigt, dass auch das eine Lüge ist. „Von den CEOs der tausend größten Konzerne und von den tausend reichsten Menschen der Welt leben und arbeiten 90 Prozent in ihrem Heimatland. Unter den Chairmen liegt der Anteil sogar noch höher... Auch die Auslandserfahrungen der Wirtschaftseliten halten sich in viel engeren Grenzen, als man es angesichts der Medienberichte erwarten müsste. Gerade einmal gut jeder fünfte CEO war zumindest einmal in seinem Leben für wenigstens ein halbes Jahr ununterbrochen in einem fremden Land. Sieben von zehn CEOs haben ihr gesamtes Leben in ihrem Heimatland verbracht.

Die Elite hält sich an uns schadlos 

Vor allem die Vorstellung, die berühmten Business Schools oder Eliteuniversitäten wären die Brutstätten einer globalen Elite, erweisen sich als falsch. Nicht einmal 10 Prozent der Topmanager und der Milliardäre haben überhaupt eine Hochschule im Ausland besucht, gerade einmal fünf Prozent eine Elitehochschule.“ Es gibt keine globale Wirtschaftselite. Es gibt auch keinen globalen Stellenmarkt für sie. Unsere Elite ist unsere und niemandes sonst. Sie hält sich an uns schadlos.

Das ist zu lesen im neuesten Buch von Michael Hartmann: „Die Abgehobenen – Wie die Eliten die Demokratie gefährden“. Bevor demnächst uns Thilo Sarrazin, Ex-Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, wieder weiszumachen versuchen wird, dass es der Islam und die Muslime sind, die unsere Welt zerstören, kommt Hartmanns Buch gerade rechtzeitig, um uns darüber aufzuklären, dass unsere Probleme zwar nicht verstanden werden können ohne die globalen Zusammenhänge, in denen sie stehen, dass sie aber eben doch hausgemacht sind.

„Die Ignoranz ist enorm“

Die wahre Parallelgesellschaft in Deutschland bilden nicht die Hinterhof-Scharia-Gerichtshöfe, die es tatsächlich gibt, die aber für die weite Mehrheit auch der eingewanderten Bevölkerung irrelevant sind, sondern die von Hartmann beschriebenen Eliten. Das wird aus jeder seiner Untersuchungen deutlich. In seinem neuesten Buch, das die Erkenntnisse der früheren zusammenfasst, zitiert er Peer Steinbrück: „Das ist der Hauptvorwurf, den ich den so genannten Eliten mache: Diesen Leuten fehlt jegliches Verständnis dafür, was ihr Tun in der Gesellschaft auslöst. Die Ignoranz ist enorm.“

In der Schule hörten wir, die französische Königin Marie Antoinette habe den Frauen, die 1789 dagegen protestierten, dass sie kein Brot mehr hätten, erklärt, sie sollten dann doch einfach Croissants nehmen. Wir lernten später, das sei eine Legende, es gebe keinen Beweis für eine derartig ignorante Äußerung der Königin. Heute erklärt man uns, die Armut der armen Leute läge daran, dass sie nicht ins Aktiengeschäft einstiegen – so zum Beispiel der Vorstandsvorsitzende des Siemens-Konzerns Joe Kaeser, dessen Stundenlohn bei 3500 Euro liegen soll. So von Herrn Kaeser belehrt, kann ich mir jetzt sehr gut vorstellen, dass Marie Antoinette den Armen Croissants empfohlen hat. Die Gegenwart wirft auch hier ein erhellendes Licht auf die Vergangenheit.

Es ist, darauf weist Hartmann in seinem neuen Buch hin – und es sei hier, in einer Tageszeitung, nicht verschwiegen –, nicht nur die Wirtschaftselite, die sich immer mehr aus sich selbst reproduziert. Auch fast 77 Prozent der Spitzenvertreter der privaten Medienkonzerne sind Bürger- und Großbürgerkinder. Das ist nach den Topmanagern der Wirtschaft – so Hartmanns Forschungsergebnisse – „immerhin die sozial zweitexklusivste aller Eliten.“ Dass das so bleiben wird, bezweifele ich. Die Printmedien sind keine Gelddruckmaschinen mehr. Die Eliten sehen sich schon nach gewinnträchtigeren Revieren um.

Hartmann hat über mehr als zwei Jahrzehnte das Verhalten unserer Eliten, vor allem das der Wirtschaftseliten, erforscht. Er hat es verglichen mit denen anderer Länder. Er hat stets als empirischer Soziologe gearbeitet. Er ist kein Freund voreiliger Schlüsse. Man mag müde lächeln, wenn er auch in diesem Buch immer wieder darauf hinweist, dass die Eliten sich immer enger zusammenschließen, dass ihr Einfluss, auf das, was gemacht und das, was unterlassen wird, stetig wächst, aber Hartmann macht auch deutlich, wohin das führt. „Die Reaktion im unteren Drittel der Bevölkerung ist dementsprechend. Das Motto dort lautet Rückzug.“ Er zeigt, dass dort die niedrigsten Wahlbeteiligungen sind, wo die niedrigsten Einkommen und die höchsten Arbeitslosenquoten zu beobachten sind. 

AfD ist die Anti-Eliten-Partei 

Das untere Drittel, das aus der Politik herausgehalten wird, hat sich enttäuscht aus ihr zurückgezogen. Wo die Wahlbeteiligung wieder zunimmt, profitiert davon die AfD. Hartmann zitiert eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft, die zu dem Ergebnis kommt, dass die AfD in den Jahren 2014 bis 2016 ihre Anhängerschaft bei Arbeitern verfünffacht und unter Arbeitslosen gar das Fünfzehnfache erreicht hat. Bei den Beamten sank die Anhängerschaft in diesem Zeitraum auf die Hälfte. Die alte Anti-Euro-AfD war eine Professorenpartei, die Partei einer oppositionellen Gruppierung innerhalb der Elite. Die AfD-Partei von heute ist die Anti-Eliten-Partei.

Die Eliten haben in den vergangenen Jahren die Demokratie gekapert. Als der damalige Außenminister Joschka Fischer erklärte, gegen die internationalen Finanzmärkte könne man keine Politik machen, war das ein Bekenntnis zur Realpolitik, keine Aufforderung, daran zu arbeiten, wie man eine Politik zustande bekommt, die die Bewegungen der Finanzmärkte Regeln unterwirft, die verhindern, dass ganze Volkswirtschaften von ihnen in die Knie gezwungen werden. Zehn Jahre und ein paar gesetzliche Regelungen später war es dann soweit.

Die Demokratie wird zu Grabe getragen 

2008 war die Bankenkrise da und die angeblich so machtlose Politik war – nicht nur in Deutschland – zur letzten Rettung der Banken geworden. Das untere Drittel, das gerade erfahren hatte, dass man es leider – nein, niemand sagte leider – noch ärmer machen musste, um den Staat angesichts der riesigen Sozialausgaben nicht in den Ruin zu treiben, erlebte nun, dass Milliarden für die Rettung von Banken ausgegeben wurden. Begründung: Sie sind „systemrelevant“. Das hieß für die gerade Geschröpften auch: Du bist es nicht. Dass das womöglich keine Lüge ist, aber gerade darum ein schlagendes Argument gegen das „System“ sein könnte, dämmerte den Eliten nicht. Die waren viel zu sehr daran gewöhnt, sich bedienen zu können.

Je länger sie das tun, desto schamloser – um nicht zu sagen unverschämter – tun sie das. Als desto dümmer stehen alle die da, die das nicht tun. Die Eliten genießen den Abstand, den sie von den anderen haben. Sie feiern jede Maßnahme, die ihn vergrößert. So wird die Demokratie – das Prinzip: jeder Bürger eine Stimme – zu Grabe getragen. 

Phase der „Postdemokratie“

Michael Hartmann wirft auch einen Blick auf die Entwicklungen in anderen Ländern. Was er da beobachtet, lässt einen nicht optimistischer in die Zukunft blicken. Emmanuel Macron zum Beispiel, der erfolgreich den Front National ausbremste, wird mit seiner Politik womöglich zu dessen erneutem Wachstum beitragen. „Die Vermögenssteuer für Finanzvermögen wurde ganz abgeschafft – ein Minus von 3,2 Milliarden Euro in der Staatskasse – und eine 30-prozentige Abgeltungssteuer auf Kapitalerträge eingeführt, was angesichts der Tatsache, dass Macron und ein Drittel der Kabinettsmitglieder als Millionäre selbst davon profitieren, besonders pikant ist. Gleichzeitig wurde die Wohnungshilfe für die Ärmsten gekürzt ...“. Macron hat sich von seiner großen Parlamentsmehrheit das „Regieren per Anweisung“ bewilligen lassen und durch ein neues Antiterrorgesetz der Exekutive Handlungsmöglichkeiten auf Dauer gegeben, die bisher nur in erklärten Ausnahmezuständen galten.

Überall auf der Welt scheint man in eine Phase der – sagen wir es freundlich – „Postdemokratie“ zu rutschen. Die Kritik am undemokratischen Charakter der herrschenden Politik schlägt um in die noch undemokratischere Sehnsucht nach starken Männern, die auf niemanden mehr Rücksicht zu nehmen brauchen. Die Machtlosen jubeln ihnen zu, weil sie den alten Eliten den Garaus machen. Oder auch nur so tun, als ob.

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