Lade Inhalte...

Geschichte Von der Propaganda zur Ernüchterung

Eine Studie über "Jesuiten in der Wehrmacht". Von Hans Mommsen

02.01.2010 00:01
Hans Mommsen

Antonia Leugers ist durch grundlegende Arbeiten über die Katholiken im Widerstand gegen das Dritte Reich hervorgetreten. Nun veröffentlicht sie im Zusammenhang mit dem Sonderforschungsbereich "Kriegserfahrungen" eine Studie über die in der Wehrmacht dienenden Jesuiten, ihre Kriegserfahrung und ihr Verhältnis zum NS-Regime.

Sie kann sich dabei auf bislang unbekannte Dokumente aus dem Archiv der Deutschen Provinz Societas Jesu in München stützen, in dem sich von einem Großteil der Wehr- oder Sanitätsdienst leistenden Jesuiten Feldpostbriefe erhalten haben, zugleich Korrespondenz mit den Heimatprovinzen, so dass repräsentative Aussagen über die Haltung der Mitglieder des Ordens zur Wehrmacht und zum Zweiten Weltkrieg möglich sind.

Nach anfänglicher Kriegsbegeisterung vollzieht sich schon zu Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion und vor allem nach der Niederlage vor Moskau ein grundlegender Stimmungsumschwung. Die Briefwechsel der eingezogenen Jesuiten mit ihren Provinzialen und deren Reflex in deren Rundbriefen (es handelt sich um eine Gruppe von 289 Briefschreibern) betreffen in der großen Mehrheit Soldaten, die an der Ostfront eingesetzt waren.

Sie erlauben es, ein bei Abweichungen im einzelnen relativ geschlossenes Meinungsbild herauszuarbeiten. Zu Beginn des Russlandfeldzuges überwiegt eine betont nationale Einstellung, die die Verfasserin vor allem auf den Einfluss der katholischen Jugendbewegung zurückführt.

Im Zusammenhang damit steht ein ausgeprägt negatives Klischee von der Sowjetunion, das sich der NS-Propaganda annähert, aber auch herkömmliche antibolschewistische Ressentiments des Katholizismus transportiert. Leugers konstatiert, dass sie sich mit einem bei vielen Briefschreibern hervortretenden und von ihren Provinzialen bestärkten religiös geprägten Kriegsbild verbinden.

Die Zerschlagung des Bolschewismus sollte nicht nur eine Regeneration christlicher Institutionen in Russland, sondern auch auf lange Sicht eine Einigung der römisch-katholischen mit der russisch-orthodoxen Kirche herbeiführen.

Der Krieg gegen die Sowjetunion wird vielfach als Strafgericht Gottes gedeutet. Der Eindruck des Spanischen Bürgerkrieges bestärkt die Bereitschaft vieler Jesuiten, den Krieg gegen die Sowjetunion zu bejahen und aktiv zu unterstützen.

Damit verbindet sich, auch was die Provinziale angeht, ein Feindbild, das auf eine Dehumanisierung des Gegners abzielt und antibolschewistische Gräuelberichte, aber auch betont antisemitische Züge enthält.

Leugers zeigt eindrucksvoll, dass die anfänglich verbreitete Kriegseuphorie rasch einer Ernüchterung über die Grauen und Verbrechen der Kriegsführung wich, dass die Soldaten nun Sympathien mit der Bevölkerung bekunden und vielfach überlebende christliche Grundeinstellungen antreffen.

Während das zuvor freudige Bekenntnis zu Deutschland in den Hintergrund tritt, verstärkt sich die anfänglich eher sporadisch auftauchende Distanz zum Nationalsozialismus und verschiebt sich die Sicht des Kriegs als "Strafgericht Gottes" dahingehend, dass nicht nur die Sowjetunion, sondern auch das NS-Regime davon erfasst wird.

Eindrucksvoll geht aus den von Leugers sorgfältig edierten Briefen an die Provinziale hervor, dass die ursprüngliche Sinngebung des Krieges und des eigenen Wehrdienstes verloren geht und den meisten Jesuiten die Sinnlosigkeit eines Krieges zu Bewusstsein kommt, der mit massenhaftem Tod und verbrecherischen Maßnahmen verbunden ist.

Auch das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen und die Ermordung der jüdischen Bevölkerung bleiben nicht im Verborgenen. Einzelne Briefschreiber sprechen von bolschewistischen Zügen der NS-Kriegsführung und gehen so weit, unter dem Eindruck der Brutalität an der Ostfront den Krieg als "Verbrechen gegen die Menschheit" zu bezeichnen, während die Rundschreiben der Provinziale an der hergebrachten religiösen Sinnstiftung festhalten.

Einen besonderen Akzent erhielt die Kriegserfahrung der in der Wehrmacht dienenden Jesuiten, als auf Verfügung von Wilhelm Keitel am 31. März 1941, also noch vor Beginn des Russlandfeldzuges, ihre generelle Entlassung angeordnet wurde - die Durchführung zog sich bis Anfang 1942 hin.

Allerdings wurden von den 601 im aktiven Dienst stehenden Soldaten nur 405 entlassen, während eine Minderheit blieb, weil ihre Zugehörigkeit zur Societas Jesu nicht bekannt war oder verschwiegen wurde. Viele der Entlassenen fassten ihr Ausscheiden als Ehrverletzung auf, wie aus den Briefen hervorgeht.

Auch diejenigen, die im Wehrdienst verblieben, hielten in der Regel engen Kontakt mit ihren Mitbrüdern aufrecht. Ihre gewandelte Einstellung zum Kriege schlug in eine Ablehnung des NS-Regimes um, das in der Heimat die Existenz des Ordens zu untergraben suchte. Die Widersinnigkeit des Zweiten Weltkrieges und die Erfahrungen, die die einzelnen mit dessen unmittelbarer Wirklichkeit machten, können kaum eindringlicher beschrieben werden als in dieser Fallstudie von Antonia Leugers.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen