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Geschichte Er wusste mehr, er schrieb besser

Drei wichtige Bände des großen Historikers Eric Hobsbawm liegen in einer schönen Ausgabe wieder vor.

Gräberfeld in Flandern
Aus dem 30-jährigen Krieg des 20. Jahrhunderts: Gräberfeld in Flandern. Foto: epd

Er war ein Jahrhundert-Historiker. Sein Interesse galt der Geschichte der kapitalistischen Welt, so wie sie seit der französischen Revolution entstanden war. Der britische Geschichtswissenschaftler Eric Hobsbawm (1917 bis 2012) hat dem Marxismus nie abgeschworen und schon immer vor den Folgen des Kapitalismus gewarnt. Im Jahr 2008 war er daher ein gefragter Mann, als die kapitalistische Welt abermals eine schwere Krise erlebte, sogar eine ihrer schwersten, deren Folgen wir noch heute spüren. Hobsbawm warnte vor den Folgen und freute sich, dass selbst Kapitalisten wie George Soros nun seine Bücher lasen.

Gelehrt und unterhaltsam waren diese ohnedies. Das gilt vor allem für sein wissenschaftliches Hauptwerk: Es befasste sich mit dem langen 19. Jahrhundert, einer Welt, die uns Heutigen extrem fern ist, die aber zugleich die Bedingungen für unser gegenwärtiges Leben schuf. Drei Bände hatte er darüber schon geschrieben: „The Age of Revolution 1789-1848“ (1962), „The Age of Capital 1848-1875“ (1975), „The Age of Empire 1875-1914“ (1987). Entscheidend war bei Hobsbawm stets die Verknüpfung von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik im globalen Zusammenhang – doch anders als viele Sozialhistoriker, die vor lauter Statistiken den Leser vergessen, konnte Hobsbawm brillant und anschaulich schreiben.

Fast alle seine Bücher wurden auch ins Deutsche übersetzt. Das galt auch für die drei obengenannten Bände. Hobsbawm hatte sich gewünscht, dass diese einmal als ein zusammenhängendes Werk herausgegeben werden würden. Ein Wunsch, den er selbst durch zu große Abstände erschwerte. Als alle Bände auf Deutsch vorlagen, waren sie auch schnell vergriffen. Heute muss man sich nach gebrauchten Exemplaren umsehen.

Doch Hobsbawms Wunsch wird nun in einer wunderbaren Ausgabe der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Wirklichkeit. Der Theiss-Verlag hat für die WBG die drei Bücher zur schönen Einheit in einer Kassette verschnürt. Ein kluges Geleitwort des britischen Historikers Richard J. Evans führt den Leser in die Publikationsgeschichte von Hobsbawms Büchern ein, umreißt die unumstrittenen Stärken seines Werkes und verzichtet auch nicht darauf, auf die Grenzen seiner Argumentation hinzuweisen.

Hobsbawm verkörperte wie kaum ein anderer das von ihm selbst als „Zeitalter der Extreme“ bezeichnete 20. Jahrhundert. Er wurde 1917 in Alexandria geboren, als Ägypten noch britisches Protektorat war und Russland in die Wirren der Oktober-Revolution fiel. 1917, das Jahr ist für den in Österreich und Deutschland aufgewachsenen Linksintellektuellen ein weiterer Einschnitt in der Weltgeschichte: das Jahr der Russischen Revolution. Dieses wurde in seinem vielleicht bekanntesten Buch „Das Zeitalter der Extreme“ thematisiert, welches das sogenannte kurze 20. Jahrhundert umfasst. Der Titel gilt seither als Schlagwort für die Bezeichnung des 30-jährigen Krieges von 1914 bis 1945.

Diesem Buch gehen drei voran, die als Meisterwerk gelten dürfen: Seine Bücher zur Geschichte des 19. Jahrhunderts wurden nicht als Lehrbücher geschrieben, sie richten sich vielmehr an ein breites Publikum. Hobsbawm schreibt eine Art Globalgeschichte. Ihre Wurzeln hat diese wohl auch in der französischen Geschichtsschreibung. Jene Historiker, die Hobsbawm in der Zeitschrift „Annales“ las, welche zugleich eine wirkungsmächtige Schule war, machten auch ihm Eindruck. Er selbst war als eifriger Leser der Zeitschrift bekannt. Vor allem der Historiker Fernand Braudel war mit seinem Monumentalwerk „Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II.“ das geistige Zentrum dieser Bewegung, die Geschichte zur Sozialwissenschaft werden lassen wollte. Ein Ansatz, der sich später auch in den Werken des deutschen Historikers Hans-Ulrich Wehler wiederfand.

Hobsbawm versuchte unterdessen, die Denkrichtung von „Annales“ mit seinen kommunistischen Weltauffassungen zu verbinden. Ein Versuch, der sich auch in der Einteilung seiner Werke wiederfand. Es ging ihm nicht allein um den Blick von oben auf die Politik-Geschichte, sondern um eine Geschichte der Zivilisation, was Literatur, Kultur, Wissenschaften, aber auch Volkswirtschaften und Gesellschaften einschloss. Wie Karl Marx wollte Hobsbawm eine Geschichte schreiben, die alle Aspekte menschlicher Tätigkeit umfasste. „Das Zeitalter der Revolution“ war bei Erscheinen „eine völlig neuartige historische Studie“, erklärt Richard Evans. Ein Buch, dessen Breite und analytische Schärfe es unvergleichlich machten. Europas Geschichte erschien in einem völlig neuen Licht. Es war eine Art Vorläufer der Globalgeschichte etwa eines Jürgen Osterhammel.

Im ersten Band wollte Hobsbawm die Geschichte der Doppelrevolution verstehen und erklären: die Industrielle Revolution in Großbritannien und die politische Revolution in Frankreich. Diese britisch-französische Achse sollte die Welt komplett umgestalten. In Großbritannien sei dies vor allem eine Folge der Seeherrschaft des Landes gewesen, argumentierte er in „profunder Originalität“, so Evans. Hierdurch hätten die Briten ein Monopol auf Baumwollexporte nach Indien und Lateinamerika erlangen können.

Sein zweiter Band, das Zeitalter des Kapitals, beginnt mit der Revolution 1848. Hobsbawm schildert die besondere Natur dieses europäischen Umsturzversuches. Dieses Jahr hat auch heute noch eine magische Bedeutung, es dient als Bezugsrahmen des demokratischen Selbstverständnisses der Staaten. Erstaunlich war, wie schnell sich die Revolution ausbreitete, zugleich aber, „wie schnell sie in sich zusammenfiel“, schreibt Hobsbawm.

Das Beben war von vielen erwartet worden. Alexis de Tocqueville etwa warnte in Frankreich vor dem Umsturz. Karl Marx und Friedrich Engels beschworen ihn wenige Tage vor dem Ausbruch der Revolution in ihrem „Kommunistischen Manifest“. Der Band erstreckt sich bis 1875 und nimmt damit eine historische Zäsur an, die umstritten ist. Hobsbawm glaubte diese in der großen wirtschaftlichen Depression zu erkennen, die zwei Jahre nach der deutschen Reichsgründung von 1871 einsetzte. Sie erreichte ganz Europa und setzte sich bis nach Australien fort. Die Menschen verspürten eine eigentümliche Lähmung allen Handels und der wirtschaftlichen Produktion, sie erlebten gerade eine der klassischen Wirtschaftskrisen. Anders aber als Hobsbawm annahm, legte die Produktivität deutlich früher wieder zu.

Der letzte Band umfasst die Zeitspanne bis 1914, eigentlich aber auch bis 1917, dem Jahr der Russischen Revolution. Der Kriegsbeginn wird bis heute als historische Zäsur betrachtet. Wie alle Bände beginnt dieser mit der Wirtschaft, es folgen Gesellschaftsklassen und Politik, sodann Kultur und Glauben. Im Kern geht es um die Selbstvernichtung des bürgerlichen Europa, was für einen kommunistisch denkenden Historiker wie Hobsbawm eine innere Folgerichtigkeit hatte, da dem Kapitalismus laut Marx das Element der Selbstzerstörung innewohnt. Eine Sichtweise, die allerdings als überholt gelten kann. Denn der Kapitalismus hat sich nicht nur bis heute gehalten. Er kann trotz der von ihm erzeugten massiven Ungleichheiten auch auf Erfolge verweisen, wie eine große Verbesserung der Lebenschancen armer Menschen.

Eric Hobsbawm ist der bekannteste Historiker weltweit. Im Unterschied zu vielen anderen Geschichtsprofessoren wusste er nicht nur viel mehr als diese, er schrieb vor allen Dingen besser. Seine Erzählkunst über die Haupt- und Nebenwege der Geschichte beeindruckte schon Generationen von Lesern. Der Historiker Tony Judt nannte ihn einmal das größte Naturtalent seiner Zunft. Umso mehr möchte man den Lesern sein dreibändiges Werk ans Herz legen. Es ist ein Gewinn für alle Zeiten.

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