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Geschichte der Sexualität Vom Widerspruch her gedacht

Mit der "Geschichte der Sexualität" hat Volkmar Sigusch sein Opus magnum vorgelegt.

18.06.2008 00:06
HANS-MARTIN LOHMANN
Zweimal Tante und Nichte. Hirschfelds "Geschlechtskunde" (Bd.4, 1930).

Sex war nicht immer schon Sex. Das kann man historisch daran überprüfen, dass etwa in der antiken griechischen Kultur, die das Wort "Sexualität" nicht kennt, der "Gebrauch der Lüste" (Michel Foucault) von Interessen, Politik und Wettkampf dominiert war. Für die Griechen hieß Penetrieren siegen, Penetriertwerden verlieren. Das unkontrollierte Sichpreisgeben an die Begierden galt ihnen als Pathologie, weshalb sie streng darauf achteten, den Eros in den Dienst der Gesundheit zu stellen und dafür eine ausgeklügelte Diätetik entwarfen.

Erst als man daranging, die vielen Wonnen und Sensationen, die oft gar keinen Namen hatten, wissenschaftlich zu durchdringen und zu fixieren, was zur Voraussetzung hatte, dass Wissenschaft zur alles beherrschenden Diskursform geworden war, kam der Kollektivsingular "Sexualität" auf. Und erst als dieser sich im Laufe des 19. Jahrhunderts allgemein eingebürgert hatte und in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum "Sex" zusammengeschnurrt war, war der Boden bereitet für die moderne Sexuologie als Wissenschaft, welche die vorher namenlosen und diffusen Lüste klassifiziert und normiert. Seitdem gibt es so etwas wie "die sexuelle Frage" in gesamtkultureller Hinsicht. Das Wort "Sexualwissenschaft" taucht erstmals 1898 in einem Text von Sigmund Freud auf.

Eine Geschichte der Sexualwissenschaft kann also erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ansetzen, als das Wissen rund um den Sex, oder was man dafür hielt, die Gemüter zu okkupieren begann. Vorstufen dieser neuen Ordnung des Wissens waren die ausufernden Antimasturbations-Kampagnen ab dem 17. Jahrhundert, die eine Literatur hervorbrachten, an der sich ablesen lässt, wie sehr die moderne Erfindung der Sexualität in eins ging mit ihrer Regulierung und Disziplinierung durch schwarze Pädagogik und ebenso schwarze Medizin.

Volkmar Sigusch, Arzt und Soziologe, Jahrzehnte lang Inhaber des Frankfurter Lehrstuhls für Sexualwissenschaft, hat eine Geschichte seines Fachs vorgelegt, bei der es schwerfällt, nicht in Superlative zu verfallen. Zum einen steht das voluminöse Werk völlig konkurrenzlos da, es gibt nichts Vergleichbares auf dem deutschen und internationalen Markt. Zum andern konnte der Autor auf einen Reichtum an Quellen zurückgreifen, über den wohl niemand sonst verfügt. In 35 Jahren trug er eine Bibliothek alter sexuologischer Werke sowie die Nachlässe emigrierter oder von den Nazis ermordeter Sexualforscher jüdischer Herkunft zusammen - ein Schatz, der weltweit einzigartig sein dürfte. Schließlich darf man von Sigusch behaupten, dass er ein Autor ist, der wie nur wenige Wissenschaftler hat, was Herder einen "idiotischen Stil" nannte, einen Stil, "der zugleich korrekt und charakteristisch" (Freud) ist. Der Leser hält in jeder Hinsicht ein Opus magnum in den Händen.

Am Anfang standen Paolo Mantegazza (1831 - 1912) und Karl Heinrich Ulrichs (1825 - 1898). Den Italiener nennt Sigusch einen "Poetosexuologen", in dessen Büchern, die auch in Deutschland zu Bestsellern avancierten, noch gar nicht von Sexualität, sondern nur von "dieser Wissenschaft" oder auch von der "Wissenschaft der Umarmungen" die Rede ist. Als glühender Freund des weiblichen Geschlechts erklärte Mantegazza die Frauen als den Männern an Liebes- und Wollustpotenz überlegen und legte eine Phänomenologie der heterosexuellen Liebe vor, die laut Sigusch, "in der Geschichte der Sexualwissenschaft ihresgleichen sucht". Allen Tributen an den wissenschaftlichen Zeitgeist (Darwinismus, Hygienediskurs) zum Trotz dominiert bei Mantegazza am Ende ein erfrischender Hedonismus, der an die Unwägbarkeit der Liebe erinnert.

Sein kongenialer Gegenpart war der deutsche Gelehrte Ulrichs, ein "historisch vorzeitiger Schwuler" und Pionier der modernen Schwulenbewegung, der auch die erste einschlägige Zeitschrift Uranus gründete. Sein Kampf für die Anerkennung der mannmännlichen Liebe machte ihn einerseits zum Außenseiter, andererseits zum Propheten einer Sache, der erst hundert Jahre später der gesellschaftliche Durchbruch gelang. Zum Glück erliegt Sigusch hier wie auch sonst nicht der Versuchung, seine "Helden" zu idealisieren - immer bedenkt er mit, in welchem Maße und mit welchen Konsequenzen sie zugleich teilhatten an den szientifischen Verirrungen ihrer Zeit.

Auf der einen Seite kämpfte die sich vor allem außeruniversitär etablierende Sexualwissenschaft, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Havelock Ellis, Albert Moll, Magnus Hirschfeld, Sigmund Freud, Helene Stöcker, Iwan Bloch, Max Marcuse und Alfred Kinsey ihre bekanntesten Vertreter hatte, für mehr Freiräume, Toleranz und Aufklärung in Sachen Sexualität. Ob es um die Frauen, "freie Liebe" und Prostitution, um Homosexualität, "Perversionen", Verhütung oder Hygienefragen ging: Der jungen Sexualwissenschaft gelangen mit ihren Zeitschriften, Kampagnen und Kongressen eindrucksvolle Erfolge. Bis 1933 war sie in auffälligem Maß eine deutsche Sache, ihre Protagonisten waren hauptsächlich deutsch-jüdische Gelehrte.

Wie sehr dies heute in Vergessenheit geraten ist, zeigt Sigusch am Beispiel von Max Marcuse, der nach 1933 nach Palästina emigrieren musste. Gäbe es nicht den von Sigusch geborgenen wissenschaftlichen Nachlass Marcuses, wüssten wir kaum Zuverlässiges über die Biografie dieses bedeutenden Gelehrten. Die von den Nazis als "jüdisch" und damit als schmutzig und abartig disqualifizierte deutsche Sexualwissenschaft wurde am 6. Mai 1933 durch die gewaltsame Demolierung des Berliner Instituts für Sexualwissenschaft real und symbolisch vernichtet.

Auf der anderen Seite kämpfte die Sexualwissenschaft, die sich nach dem Krieg in Deutschland mühsam neu erfinden musste, stets auch an einer Front, die von Medizin, Eugenik und Psychiatrie besetzt war (heute vor allem von Biologie und Hirnforschung). Wie Marcuse suchten einige ihrer Vertreter die Nähe zu rassenhygienischen Vorstellungen, denen sie als Juden dann selber zum Opfer fielen. Unschuldig war die Sexualwissenschaft nie, ihre Bündnisse mit dem jeweiligen Zeitgeist und den dominanten Wissenschaftsdiskursen belegen das.

So wie ihr Gegenstand sozial codierten Transformationen unterliegt, so ergeht es auch der Wissenschaft von der Sexualität. Es gehört einige Courage zum Bekenntnis des Autors, jede Sexualforschung sei letztlich subjektiv und könne nicht auf eine vermeintliche "Objektivität" rekurrieren - das macht sie einerseits risikoanfällig, eröffnet ihr aber zugleich auch Chancen. Die von Sigusch angemahnte kritische Sexualwissenschaft "denkt vom Widerspruch her, geht beidem nach, Licht und Schatten, auch in sich selbst". Dieses Postulat hat der Autor mit seinem Buch, das man auch als opulentes Nachschlagewerk nutzen kann, mustergültig eingelöst.

Volkmar Sigusch:

Geschichte der Sexualwissenschaft. Campus Verlag, Frankfurt a. M. / New York 2008, 720 S., 210 Abb., 39,90 Euro.

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