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Georgische Literatur Widmung an die russische Poesie

„Du bist in einer Luft mit mir“ ist das romantische Romandebüt von Ruska Jorjoliani.

Ruska Jorjoliani
Blick auf Russlands Geschichte: Ruska Jorjoliani. Foto: Marico Panzarella

Du bist in einer Luft mit mir. / Wie eine Stadt kann ich dich spüren, / Wie dieses Kiew vor den Türen, / Getaucht in Stille, / heißes Flirrn ... “ – mit diesen Zeilen Boris Pasternaks beginnt der Debütroman der Georgierin Ruska Jorjoliani. Im Dorf Miroslaw, wo Pferdemistinseln die schlammige Hauptstraße zieren, wachsen zu Beginn des 20. Jahrhunderts die beiden Freunde Viktor und Dimitri auf. Beim alten Diakon lernen sie das kyrillische Alphabet, später besuchen sie gemeinsam die Universität in Moskau. Viktor wird Ingenieur und Dimitri Lehrer. Beide Nachwuchs erwartend, treffen sie sich, zurück im Heimatdorf, regelmäßig in der Abstellkammer des Schulhauses zu einer Partie Schach. Dort rauchen und diskutieren sie, doch über die Revolution sind sie geteilter Meinung. Als Dimitri eines Tages vor seiner Schulklasse das Leninporträt aus dem Fenster wirft, wird sein Freund gegen ihn aussagen. Eine Tat, die nicht nur das Schicksal der beiden, sondern auch das ihrer Söhne, Sascha und Kirill, besiegelt.

Jorjoliani gelingt es auf nur 216 Seiten spielerisch, prägende Elemente der russischen Geschichte zu inszenieren: das Ende der Zarenzeit, die Revolution unter Lenin, Stalin und die Sowjetunion. Was macht es mit dir, wenn Repressionen dein ganzes Leben bestimmen? Welcher Mensch wärst du geworden, wäre es anders gekommen? Welcher Mensch bist du geworden, weil es so kam? In jedem Kapitel findet eine Auseinandersetzung mit diesen Fragen aus einer anderen Perspektive statt: in Briefen, Erinnerungen, aus der Sicht der Söhne Sascha und Kirill, in Träumen oder in Dialogen. Das erzeugt einen wunderbaren Spannungsbogen, und sukzessive findet eine Annäherung an das Leben der Protagonisten statt.

„Du bist in einer Luft mit mir“ ist ferner noch eine Familiensaga über vier Generationen hinweg, über Ur-/Großeltern, Kinder und Kindeskinder. Woran glaub(t)en diese Menschen? Können sie verzeihen? Warum haben sie gelogen? Ruska Jorjoliani nimmt den Leser mit auf eine Reise zwischen Krieg, Verrat, Hoffnungslosigkeit und Stagnation. Das geschieht sehr menschennah und dabei ganz fein gesponnen. Als verstünde sich die 33-Jährige selbst als ein „Homo poeticus“, ist ihr metaphernreicher Text voller Romantik, Melancholie und charmantem Witz, gänzlich in der Tradition großer russischer Literatur. Neben Pasternak sind es hier Turgenjew und Tschechow, Puschkin, vor allem Puschkin, und Lermontow. Tolstoi und Dostojewski werden im Buch nicht einmal erwähnt.

Ruska Jorjoliani wurde 1985 in dem auf 1500 Meter Höhe gelegenen Bergdorf Mestia im Großen Kaukasus geboren. Im Alter von Sieben flüchtete sie, ausgehend von „ethnischen Säuberungen“, mit ihrer Familie nach Tiflis. Dort besuchte sie das italienische Gymnasium und war regelmäßig bei einer Gastfamilie in Sizilien. 2007 zog sie nach Palermo, wo sie Philosophie studierte. Mit ersten auf Italienisch verfassten Gedichten gewann sie einen Literaturwettbewerb, daraufhin widmete sie sich dann ganz der Schriftstellerei.

Dimitri unterdessen wird nach seinem Wutanfall im Klassenzimmer in das Arbeitslager auf die im Weißen Meer gelegenen Solowezki-Inseln gebracht; ein Symbol russischer Geschichte, denn das dort befindliche Kloster war lange Zeit Gefängnis und galt in der Sowjetunion als zentrale Stelle des Gulag.

Viktor kann sich zeit seines Lebens den Verrat am Freund nicht verzeihen. Er zieht deshalb Dimitris Sohn Kirill groß, der zum Dichter geboren wurde, und beginnt unbewusst damit, sich „antisowjetisch“ zu verhalten. In einer Nacht will er die altehrwürdige Dorfglocke vor der Munitionsfabrik retten, dann wieder ignoriert er die Bestimmungen des Kolchoseleiters. Ein einziges Mal schreibt er dem gefangenen Freund einen Brief, in dem er ihm die berühmte „Capablanca-Löwenfisch“-Schachpartie notiert, die er 1935 in Moskau sah. Doch der Brief wird nie im Gefangenenlager ankommen, „weil er es nicht durch die ‚Kontrolle antisowjetischer Praktiken und Aktivitäten‘ schaffte“. Ein emsiger Beamter, der schon lange auf eine Beförderung wartete, erkannte in der Buchstaben- und Zahlenabfolge der Schachpartie einen „Geheimplan (...) gegen die Sowjetmacht.“

Was ist es, das Menschen verbindet? Ist es der Staat? Die Familie? Freundschaft? Oder ist es die Luft, die man sich teilt? Jorjolianis Schilderungen der Heimat sind stimmungs- und sehnsuchtsvoll, sind sanft und stark. „Du bist in einer Luft mit mir“ ist eine romantische, keinesfalls unrealistische, Widmung an die russische Poesie.

Ruska Jorjoliani: Du bist in einer Luft mit mir. A. d. Ital. v. Barbara Sauser. Rotpunkt, Zürich 2018. 216 S., 22 Euro.

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