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Gemäßigte Terrororganisation

Helga Baumgartens Gesamtdarstellung der Hamas in Palästina wendet sich gegen islamophobe Vorurteile

22.11.2006 00:11
GEMMA PÖRZGEN

Helga Baumgarten:Hamas.Der politische Islamin Palästina.Diederichs Verlag,München 2006,256 Seiten,19,95 Euro.

Es kam einem politischen Erdbeben gleich, als die radikal-islamische Bewegung Hamas vor knapp einem Jahr bei den palästinensischen Parlamentswahlen siegte. In Washington, in Jerusalem und in den europäischen Hauptstädten hatte niemand damit gerechnet, dass die dort als Terrororganisation eingestuften Islamisten so gut abschneiden könnten. Selbst die Hamas-Führung schien von ihrem Erfolg überrascht. Dabei hatte schon im Wahlkampf viel darauf hingedeutet, dass die Palästinenser einen längst überfälligen Machtwechsel wünschten.

Trotz dieses klaren Wählervotums versäumten die EU-Staaten einen möglichen Kurswechsel und folgten der Linie Israels und der USA, die Hamas weiter zu isolieren und ihre Regierungsarbeit zu boykottieren. Seither verfolgt der deutsche Zeitungsleser angesichts der dramatischen Lage in Nahost eher mit Unverständnis, warum die Hamas auf scheinbar naheliegende Forderungen nach Anerkennung Israels und Abschwören von Gewalt nicht eingehen will.

Geduldete Fatah-Konkurrenz

Wer sich jenseits dieser breiten Ablehnungsfront für ein differenzierteres Bild der umstrittenen Organisation interessiert, sei die Lektüre von Helga Baumgartens Hamas - Der politische Islam in Palästina empfohlen. Die angesehene Politologin lehrt als eine der wenigen deutschen Wissenschaftler seit Jahren an der Birzeit-Universität in Ramallah und beschäftigt sich schon lange mit der Geschichte der palästinensischen Nationalbewegung. Deshalb sind vor allem die historischen Betrachtungen über das Entstehen der Muslimbruderschaft in Palästina und die spätere Gründung der Hamas-Bewegung 1987 kenntnisreich und interessant geschrieben. Manch ein Leser dürfte überrascht sein, von der anfänglichen israelischen Politik einer "freundlichen Duldung" der Hamas zu erfahren. Schließlich lag es zunächst im israelischen Interesse, eine religiöse Konkurrenz zum langjährigen Palästinenserpräsidenten Yassir Arafat und dessen Fatah-Bewegung zu fördern. Erst mit den bewaffneten Angriffen der Hamas gegen das Besatzungsregime änderte sich diese Haltung, 1989 wurde die Bewegung in Israel zur Terrororganisation erklärt.

Auch eröffnet die Autorin den Zugang zu einem besseren Verständnis, warum sich die im Westen gängige Sicht der Dinge aus Sicht eines palästinensischen Hamas-Anhängers ganz anders darstellen. Wer sich darauf einlässt, kann nachvollziehen, warum die Autorin die Hamas-Leute anders als die "Dschihadisten" als moderate Islamisten ansieht. "Organisationen, die sich auf die Muslimbruderschaft berufen, repräsentieren heute die gemäßigte und zur Integration in die Politik bereite Variante des politischen Islam", schreibt sie in ihrer Einleitung und weist nach, dass die Radikalisierung der Bewegung vor allem eine Reaktion auf die Politik Israels war. "Der entscheidende Beweggrund jedoch, der die Hamas immer wieder in extremistische Reaktionen trieb, war der sture, unflexible Kurs der israelischen Regierung, die weder bereit war, die Besatzung aufzugeben, noch mit dem Abbau der Besatzung zu beginnen, sondern im Gegenteil gerade in diesen Jahren israelische Siedlungen weiter massiv auszubauen." Im Anhang finden sich als ergänzende Dokumente die umstrittene Charta der Bewegung von 1988 sowie das bereits moderatere Wahlprogramm von 2006 in deutscher Übersetzung.

Dass Baumgarten in ihrer Darstellung sehr stark der innerpalästinensischen Sicht des Nahost-Konflikts folgt und ihre Hamas-Beschreibung deshalb für manchen Leser zu positiv ausfallen könnte, liest sich als interessanter Kontrapunkt zu den in Deutschland verbreiteten pro-israelischen Stereotypen. Zu Recht klagt die Politikwissenschaftlerin über die verbreitete "Islamophobie", die dazu führt, dass Europas Einstellung zur Palästina-Frage zunehmend von Vorurteilen gegen den Islam bestimmt werde.

Kriegsverbrechen auf beiden Seiten

Es mag angesichts der Haltung der Bundesregierung politisch nicht korrekt erscheinen, dass die Autorin die Hamas an keiner Stelle als "Terrororganisation" kennzeichnet. Als Wissenschaftlerin hat sie die Freiheit, der von Israel propagierten Sicht nicht zu folgen. Die Autorin macht aber in ihrem Buch keinen Hehl daraus, dass sie die von der Hamas in der Vergangenheit verübten Selbstmordattentate in Israel genauso ablehnt wie die andauernde Gewalt der israelischen Armee gegen die Palästinenser. "Beides sind keine Verteidigungsstrategien, egal welche Rechtfertigungskonstrukte vorgelegt werden, sondern illegitime Angriffe, die Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen", schreibt sie unmissverständlich.

Leider fällt der aktuelle Teil des Buches gegen die erste Hälfte mit zeithistorischen Betrachtungen sehr stark ab. Hier wurde offenbar zu schnell zusammengeschrieben und eine gründlichere Recherche bis zur Drucklegung versäumt. So fehlt eine Darstellung und Bewertung des komplizierten Machtgefüges innerhalb der Hamas. Schließlich gibt es mit den Hamas-Führern in Gaza, im Westjordanland, in den Gefängnissen und im Exil mindestens vier Machtzentren der Bewegung, deren Strukturen und Interessengegensätze eine Analyse verdient hätten. Auch die heutige Politik Israels gegenüber der Hamas wäre ein eigenes Kapitel wert gewesen, denn obwohl die israelische Regierung Kontakte zur Hamas ablehnt, gibt es längst auch andere Stimmen in Regierungskreisen und in der Öffentlichkeit.

Gerade auf der kommunalen Ebene hat sich angesichts der vielen Hamas-Bürgermeister eine erstaunlich pragmatische Haltung auf beiden Seiten zur israelisch-palästinensischen Zusammenarbeit herausgebildet. Trotz des zumeist sehr trockenen, nüchternen Erzählstils bleibt es Baumgartens Verdienst, dass nun auf dem hiesigen Buchmarkt eine erste, längst überfällige Gesamtdarstellung der Hamas-Bewegung vorliegt.

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