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Gedichte Rom ist ein gutes Versteck

„Zündkerzen“: Durs Grünbein als Dichter der Übergänge.

Die Steine sind gut erhalten. Die Inschriften mit verstümmeltem Latein nahezu. „Von allen Seiten stürmt Rom auf dich ein,  /  Und du, mittendrin, liest überall  /  Die alten Majuskeln SPQR in Metall /  Oder Marmor, je nach dem Alter der Schrift.“ Die verwirrende Fülle römischer Baukunst, die in ihr verwobenen Jahrhunderte eines Imperiums und nicht zuletzt die katholische Opulenz – das sind viele Vergangenheiten auf einmal. Die Ewige Stadt ist schön, ohne Rechtfertigung in dieser von Nebenwirkungen zerrissenen Welt. „Und an diesem Tag, der die Sonne  /  Aufgehen sah über Rom,  /  Offene,  vom Denken verlassene Stadt,  /  Steinbruch der alten Imperien, Schauplatz // Von Staat und Kirche und musealer Kunst,  /  An diesem antiken Tag wurde ihm klar:  /  Er war ein Dichter der Übergänge.“

Aber der neue Gedichtband von Durs Grünbein heißt nicht „Rom ist ein gutes Versteck“, sondern „Zündkerzen“. Das gehört zur „Allgemeinen Verschärfung“: „Aufgepaßt! Wir verschärfen jetzt das Gedicht.  /  Alles was Sie schreiben, kann gegen Sie verwendet werden,  /  Alles was Sie nicht schreiben, auch ... .“ Grünbein setzt sein gleitendes Ich als Vergewisserung, als Erbe und als Projekt. Hin- und hergerissen zwischen Selbstfindung und Selbstzweifel und Vergänglichkeit ohnehin: „... Wir sterben /  Unmerklich, und plötzlich macht es uns Freude,  /  So zu leben, als ob wir unsterblich wären,  /  Während Schrift uns eindämmt, und jedes  /  Einzelne Wort ist zentral. Nun fang an,/ Schreib ein Buch deiner täglichen Schwächen.“

In Rom lässt sich der Dichter keine Szene entgehen. Auf Wirkung verzichten: Das wäre ja der Tod. Er übernimmt die Geschwindigkeit der Stadt, rings rauscht ein ungezügeltes Leben, wie am Campo de’ Fiori – laut und farbig ein Platz, der nie schläft. Die rasante Gleichzeitigkeit des Verschiedenen wird zum kulturellen Übergangswert. Antike Projektionen unter Vespa-Pegel. „Rom zeigt jedem die Zähne. Zu viele  /  Autos, zu viel Gedränge in den Straßen,  /  Baugerüste, in Staub gehüllt, zu viele  /  Obdachlose in allen Ecken, in den Parks,  /  Auf den Kirchenstufen, in dreckigen Schlafsäcken,  /  Zu viele Pilgernonnen, die selig schwatzend / Vorübertrippeln. Zu viele Kirchenstufen:  /  Das Elend hat einen langen Bart.“

Als seien alle Verse unterwegs entstanden. Ein Flaneur, ein Fernfahrer, ein Fluggast im Wettlauf mit der Zeit. „Die Sonne heizt den Asphalt. Sie kocht  /  Die Suppe der Armen im Staub der Subura,  /  Dieser ältesten Vorstadt, wo ein neuer  /  Populus Szenen aufführt – des einzigen Films,/ Der keine Proben kennt, nichts wiederholt  /  Oder alles. Hier zeigt sich Völkerwanderung,  /  Die jeweils jüngste, zuerst ...“ Beschwichtigungen nirgends, Idyllik noch weniger. Grünbein kennt sein Rom, er durchlebt und abstrahiert, was er sieht. In dieser Unmittelbarkeit von Welteinlassung und Denkungsart, von Gemüt und Eros, von Traum und Weltende scheint das wahre Leben vorüberzulaufen, zum Greifen nahe. Der Grundsatz: nichts auslassen. Kein Wissen wird von der Wahrnehmung getrennt.

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