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Gedichte Demütig, ratlos und rasend

Ibn Arabis großartige Liebesgedichte bringen Fundamentalisten zur Weißglut und Liebhaber zum Schwärmen. Ein Gedichtband überträgt die Werke ins Deutsche.

29.05.2016 13:36
Martin Oehlen
Muslimischer Pilger nahe Mekka: In den Werken, die Ibn Arabi rund 800 Jahren zuvor schrieb, wird selbst die Wallfahrt zur Annäherung an die Geliebte. Das dürfte nicht jedem Imam gefallen. Foto: rtr

Der Kölner Autor Stefan Weidner, Islamwissenschaftler und Übersetzer aus dem Arabischen, sagt es mit erfrischender Klarheit: „Wer wissen will, was Salafisten, Fundamentalisten, Terroristen, Saudis und andere Kleingeister zur Weißglut bringt, echte arabische Intellektuelle jedoch inspiriert wie kaum etwas aus der islamischen Tradition, der findet es – hier!“ Wo findet er es? Im Werk des großen arabischen Lyrikers Ibn Arabi, der 1165 in Murcia, im damals islamischen Andalusien, geboren wurde, der Wanderungen quer durch Arabien unternahm, von Fes bis Mekka, und der 1240 in Damaskus gestorben ist. Das Grab des Dichters befindet sich noch heute in der syrischen Metropole, die aktuell im Zeichen des Krieges steht.

Ibn Arabi selbst hat vor allem von der Liebe gedichtet. Wie er es tat, war einzigartig und ist eben eine Provokation für orthodoxe Glaubenskrieger. Selbst heute noch, 800 Jahre später. Ibn Arabi nämlich machte nicht vor der Religion halt, wenn es darum ging, von der Liebe zu singen. Zumal von der Liebe zur Perserin Nizam, die es tatsächlich gegeben haben soll. Der Autor vermischt religiöse und erotische Motive „ohne Schere im Kopf“ – und das war zu seiner Zeit und lange danach völlig neu. Selbst die Pilgerfahrt nach Mekka mutiert hier zur Annäherung an die Geliebte. Da ahnt selbst ein Nicht-Moslem, dass das nicht jedem Imam recht sein könnte.

All das erfahren wir aus dem schönen, auch schön gestalteten Band „Der Übersetzer der Sehnsüchte – Liebesgedichte aus dem arabischen Mittelalter“. Weidner hat sie ins Deutsche übertragen, ausführlich eingeleitet und kommentiert. Die persischen Giganten Rumi und Hafis mögen berühmter sein als Ibn Arabi, meint Weidner. Doch sei dieser gleichwohl „einer der größten Schriftsteller der Weltgeschichte“.

Ein Riesenwerk habe er hinterlassen, aus dem die nun vorgelegten Liebesgedichte nur ein Mosaikstein sind. Mit einigen Versen über die Götter der Liebe geht es los: „Wüsste ich nur ob sie schätzen/ welches herz sie besitzen/ wüsste mein herz/ welchen pfad sie beschreiten/ ob sie ihn meistern/ oder eher scheitern/ selbst der liebe götter irren/ verlieren sich in liebeswirren“.

Ibn Arabi ist aufgewachsen mit dem Studium des Korans und kannte diesen vermutlich auswendig. Allerdings war er nach Weidners Einschätzung kein Hardliner, sondern favorisierte die lebendige Religionslehre der Sufis. Diese hielten sich für Gottes Stellvertreter auf Erden und sprachen und handelten, so Weidner, „mit der Autorität, göttlich inspiriert zu sein.“ Ibn Arabi selbst kann ihnen zur Seite gestellt werden: Seine umfangreichen „Mekkanischen Erleuchtungen“, versicherte er, seien ihm von Gott selbst diktiert worden.

Wer es streng mag unter den Glaubenshütern, der empfindet so etwas als Ketzerei. Sagt Weidner. Wer aber zu den Fortschrittlichen zähle, einen zeitgemäßen Glauben schätze, wisse Ibn Arabi zu würdigen: Seine Texte „sind vielleicht das beste aus der islamischen Tradition selbst stammende Antidot gegen die von Saudi-Arabien verbreitete religiöse Engstirnigkeit.“

Die Originaltexte bergen freilich einige Schwierigkeiten – sie machten den Übersetzer, so Stefan Weidners Beobachtung in eigener Sache, „demütig und ratlos, gelegentlich auch rasend“. Es ist ja nicht nur kompliziert genug, einen mittelalterlichen arabischen Text zu entziffern und seine mystische Bildlichkeit zu verstehen. Da haben selbst Fachleute Probleme, deren Muttersprache das Arabische ist. Zudem ist es eine Herausforderung, ein „Abenteuer“, sich für eine Deutung zu entscheiden: Wo das Arabische zuweilen mehrere Lesarten erlaubt und die Entscheidung dem Rezipienten überlässt, muss sich der Übersetzer festlegen. Und dann gilt es noch, die sich reimenden Langverse in eine ansprechende Form für die Leser im digitalen Zeitalter zu gießen.

Da nimmt sich Weidner manche Freiheit (und begründet dies). Wie weit das geht? Statt beispielsweise Ostrom, also Byzanz, schreibt er Rom, weil ihm der „emotionale Gehalt“ dieses Ortsnamens besser zu dem Vers zu passen scheint.1125

Die Einführung in das Werk ist geprägt von den Erfahrungen unserer Tage. Ja, Weidner weist geradezu leidenschaftlich darauf hin, dass der Islam nicht auf den Religionsterror reduziert werden dürfe: „Wer wissen will, was uns die islamische Kultur jenseits der aktuellen, nur noch bedrückenden Nachrichten aus der arabischen Welt zu bieten hat, findet es hier, auch wenn er dabei nur die Spitze des Eisbergs sieht.“ Das glauben wir nicht nur, das wissen wir auch nach Lektüre dieses Bandes.

Ibn Arabi: Der Übersetzer der Sehnsüchte. Eingeleitet und übersetzt von Stefan Weidner. Jung und Jung, Salzburg 2016. 178 S., 25 Euro.

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