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Gedichtband Die Stille, in der es keine Zeit gibt

Das Hessische Literaturforum widmet sich dem neuen Gedichtband von Oleg Jurjew und einem doppelten Gedenken.

Das Foto von Oleg Jurjew zeigt ihn tief nach innen gewandt. Die Augen, auf ein Buch gerichtet, sind fast geschlossen. „Die Stille, die aus dem Text aufsteigt, ist eine Stille, in der es keine Zeit gibt“, hat Jurjew einmal gesagt. Dieser Gedanke prägt nun die Erinnerung an den außergewöhnlichen russischen Dichter, der im Juli unerwartet in Frankfurt gestorben ist. Vor diesem auf eine Leinwand projizierten Foto hatte Paulus Böhmer während der Gedenkfeier am 12. Juli im Hessischen Literaturforum im Mousonturm gelesen. 

Jetzt, wenige Monate später, wird am gleichen Ort wieder an Oleg Jurjew erinnert. Postum ist sein neuer Gedichtband „Von Arten und Weisen. Ein Poem“ im Gutleut Verlag publiziert. Wieder sind Angehörige und Freunde von Jurjews Werk im Literaturforum versammelt, um diese Premiere zu feiern. Ein Video zeigt zu Beginn Paulus Böhmer lesend vor Jurjews Bild, der selbst soeben gestorben ist. Es ist nun ein doppeltes Gedenken an diese auch im Leben eng verbundenen Dichter.

Der Tod ist nah an diesem Abend. Freunde von Oleg Jurjew, Ehefrau Olga Martynova und Sohn Daniel Jurjew lesen aus dem neuen Buch und auch aus früheren Werken. Ihre Auswahl zeigt, wie intensiv sich Oleg Jurjew seit langer Zeit mit der Bedeutung des Todes befasst hat. 

Die Autorin Eva Demski setzt sich zuerst an den Platz, an dem im Juli noch Böhmer gelesen hat, um aus seinem Werk vorzutragen. „Man kann gar nicht glauben, dass man noch lebendig ist“, sagt sie nachdenklich. Themen, die Jurjew in seinen Gedichten anspricht, führen jedoch schnell zurück in die Gegenwart. „Über die öffentlichen Verkehrsmittel auf dem Main“ heißt eines der Gedichte, die Demski liest. Es gehört zu der besonderen Kraft von Oleg Jurjews Denken, dass er einfache Momente des Alltags in feinste Sprachbilder überträgt und diese mit existenziellen Fragen verbindet. Der ihm eigene poetische Blick lässt alltägliche Gegenstände zunehmend „durchsichtig“ erscheinen, Ungreifbares wie das Vergehen der Zeit wird beispielsweise im „Ticken der Zikaden“ unvermutet ahnbar. 

Von Klaus Reichert ausgewählte Gedichte führen zurück nach Petersburg. Hier war die Heimat des 1991 nach Deutschland umgesiedelten Autors. Mehrfach wurden Werke Jurjews für den Andrej-Bely-Preis nominiert, der als „russischer Booker-Preis“ gilt. Nachdem die Autorin Katharina Schmidt und Robert Stripling, Herausgeber des Bandes „Verpasste Hauptwerke“, ihre Werkauswahl vorgetragen haben, endet die Premiere mit einer Videoinstallation, die anlässlich der Gedenkfeier in Petersburg entstanden ist. 

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