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Gazprom Putin und seine Komplizen

Gazprom ist Putin. Jürgen Roths investigativer Bericht legt die unheimlichen Geschäfte des russischen Gas-Riesen offen - und legt dar, was Gazprom von normalen Unternehmen unterscheidet.

Schröder und Putin im Führerhaus eines Mähdreschers auf der Hannover-Messe. Foto: ddp

Die Straßen waren abgeriegelt, die Menschen weggesperrt, als Wladimir Putin am vergangenen Montag durchs menschenleere Moskau fuhr zu seiner Inthronisierung als Russlands neuer alter Präsident. Derweil machten im Kreml 3000 handverlesene Gäste dem Herrscher ihre Aufwartung. Aus Deutschland dabei war der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder, der sich als Putins Freund bezeichnet. Andere hochrangige deutsche Ex-Politiker dürften dem Präsidenten, dem sie lukrative Geschäfte verdanken, ein persönliches Glückwunschschreiben übersandt haben.

Freundschaft? Filz? Oder ein geheimes russisch-deutsches Kartell? Erstaunlich selten werden diese Fragen in deutschen Medien gestellt, wenn es um die Geschäftsbeziehungen ehemaliger Politiker in das Putin-Reich und hier vor allem zum Staatskonzern Gazprom geht. Jetzt aber nimmt sich ein sehr spannendes und erhellendes Buch dieser Thematik an. „Gazprom – Das unheimliche Imperium“ heißt es. Für Jürgen Roth, Experte für mafiöse Praktiken und Organisationen aller Art, ist der mehrheitlich in Staatsbesitz befindliche Gazprom-Konzern, der seinen Aufstieg zu einem der mächtigsten globalen Unternehmen vor allem seinem Mitaktionär (4,5 Prozent!) Putin verdankt, „die wirtschaftliche und politische Waffe eines undemokratischen Regimes“. Nach der Lektüre der gut 300, mit vielen Details und Namen vollgestopften Seiten über die undurchsichtigen, mitunter schamlos kriminellen Methoden des Milliarden-Konzerns kann man sich Roths Urteil nur schwer entziehen.

Putins persönliches Projekt

Gazprom ist Putin, er hat es nach seinem Machtantritt 2000 zu seinem persönlichen Projekt gemacht. Der Gewinn lag 2010 bei 23,8 Milliarden Euro. Gazprom fördert und transportiert nicht nur Erdgas und Erdöl, ihm gehören Banken, Investment- und Fluggesellschaften, Versicherungen und Baufirmen, das Unternehmen ist Miteigner unzähliger nationaler Gasunternehmen weltweit, darunter in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Frankreich. Auch die Medienlandschaft wird vom Konzern und damit vom Kreml mitbeherrscht: Gazprom gehören Zeitungen wie Iswestija und Komsomolskaja Prawda, NTV, TNT und andere Fernsehsender sowie die Hälfte vom Radiosender Echo Moskwy.

Ein prosperierendes Unternehmen also, das sich seinen Aufstieg mit legalen wie illegalen Methoden erkämpft. Wobei viele der Praktiken auch von anderen global operierenden Unternehmen der westlichen Welt angewendet werden: Bestechung von Politikern und Managern etwa, Strohfirmen in Steueroasen, Manipulation der Medien, Einschüchterung von Kritikern und unwilligen Geschäftspartnern, das „Einkaufen“ von Verbündeten durch Preisnachlässe und so weiter.

Konzern mit quasi eigener Armee

Allerdings gelingt es Roth überzeugend, das Unheimliche an Gazprom herauszuarbeiten, was das Unternehmen von „normalen“ Konzernen unterscheidet. Etwa dass der Konzern quasi eine eigene Armee und einen Nachrichtendienst unterhält, dass er in entscheidenden Positionen mit Verbündeten und Günstlingen des Kremls – also Putins – aus Geheimdienst und Politik durchsetzt ist, dass seine Entscheidungsträger innerhalb kürzester Zeit zu sagenhaftem Reichtum gelangen, dass einige der Zwischenfirmen des Konzerns Verbindungen ins Milieu der Organisierten Kriminalität in Russland unterhielten. Roth schreibt vom „goldenen Dreieck“: Das Fundament bilden die mafiösen Machtstrukturen im St. Petersburg der neunziger Jahre, die Putins Aufstieg begünstigten; die Seitenwinkel bilden Putin und seine Amigos auf der einen Seite, Gazprom und seine Manager auf der anderen Seite.

Das alles glaubt man irgendwie zu kennen und mal gehört zu haben. Der Verdienst von Roth ist es, dass er diese Zusammenhänge detailliert analysiert und nachvollziehbar darstellt. Seinen Mut und auch den seines Verlages gilt es zu loben, denn im Buch tauchen viele Namen von zwielichtigen Personen und Firmen auf. Sogar ein Personenregister findet sich, was bei solchen investigativen Reports, die sich mit Politikern, Unternehmen und White-Collar-Kriminellen anlegen, längst nicht mehr üblich ist aus Furcht vor teuren Prozessen.

Viele deutsche Ex-Politiker sind Gazprom verbunden

In dem Register sind auch die Namen der deutschen Ex-Politiker zu finden, die Putin und seinem Gazprom-Konzern wirtschaftlich oder sonst wie verbunden sind: Gerhard Schröder, Vorsitzender des Aktionärsausschusses bei der Gazprom-Tochter Nord Stream AG; sein Parteifreund, der frühere Hamburger Bürgermeister Henning Voscherau, der jetzt Aufsichtsratsvorsitzender des Gasprojekts South Stream ist; Ex-Verteidigungsminister Volker Rühe (CDU), Lobbyist der Boston Consulting Group, die einen Beratungsvertrag mit Gazprom hat; Helmut Kohls einstiger Kanzleramtschef Horst Teltschik, der für Putin Reden geschrieben haben soll. Sie stehen zwischen den Namen anderer deutscher Staatsbürger: frühere Stasi-Offiziere und –Spitzel, die heute wichtige Positionen bei Gazprom einnehmen.

„In Politik und Wirtschaft, ob in Russland oder beispielsweise auch in Deutschland …, (sind heute) nicht einmal ansatzweise ethische Grundsätze von Bedeutung“, schreibt Jürgen Roth. „Auch das lässt sich am besten am Beispiel von Gazprom und den direkten und indirekten Helfershelfern – wäre man bösartig, würde man sie Komplizen nennen – in Europa und Deutschland dokumentieren.“

Jürgen Roth: Gazprom - das unheimliche Imperium. Westend, Frankfurt am Main 2012. 317 Seiten, 19,99 Euro.

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