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Gartenbücher Die Versprechen der Samenkörner

Bücher über Heilkräuter, botanische Wunder und Gärtner als aufmerksame Liebhaber.

Wespe
Eine bienenfleißige Wespe. Foto: afp

Hilfe, die Brombeeren werden reif! Damit fängt das Ende des Sommers an. Die Wespen, die Pflaumen und Äpfel, dann ist es September und der Herbst ist da, ein bisschen Oktober noch und schon ist wieder ein Jahr rum. Höchste Zeit, ein paar Gartenbücher zu lesen. Fangen wir unten, quasi erdverbunden an: So praktisch wie der schmutzabweisend lasierte Umschlag – die zupackende Gärtnerin hat schließlich gerne mal dreckige Hände – stellt der Ratgeber „Heilkräuter“ über 70 in Mitteleuropa wachsende Heilpflanzen vor.

Übersichtlich wie ein gutsortiertes Kellerregal voller Einmachgläser, vorbildlich unprätentiös, dabei lebensklug und umfassend gebildet in Bauernregeln, Kräuterweiberei, Volksmedizin und historischen Naturkunden versammelt die Autorin Elfie Courtenay „überliefertes Wissen für Hausapotheke und Küche“ . Die „Kräuterpädagogin“ führt seit über zwanzig Jahren durchs Freilichtmuseum Glentleiten in Großteil sowie zu Wildkräuter-Expeditionen im bayrischen Murnau am Staffelsee, wo auch der Mankau-Verlag beheimatet ist. Motto: Bücher, die den Horizont erweitern. Neben solchen Büchern bietet der Verlag auch webinare an zu so tollen Themen wie „Stimmgabeltherapie für Einsteiger“ oder „Heilen mit Zahlen“.

Das abwaschbare Heilkräuterbuch in Flexobroschur kommt aber zum Glück ganz ohne solch esoterischen Schnickschnack aus. Jedes Kraut ist übersichtlich mit Fotos, botanischem Grundwissen zu Herkunft und Standorten, chemischen und medizinisch wirksamen Inhaltsstoffen, Anwendungsgebieten und Nebenwirkungen dargestellt. Als Fußnote wird meist eine prima Anekdote aus Geschichte, Mythologie oder der Ethymologie erzählt. So steckt im lateinischen Namen des Eisenkrauts, „Verbena“, das Wort Verbum drin, das für „gilt“ = Ehrenwort, steht, weshalb die Römer wichtige Verträge mit dem Eisenkraut besiegelten. Römische Diplomaten sollten Eisenkraut am Körper tragen, das lateinische Verbenarius heißt Botschafter.

Aber zurück zur bodenständigen Praxis: Das Buch liefert einfache Rezepturen zu Teemischungen, Badezusätzen, Tinkturen, Umschlägen oder Ölauszügen und erklärt, warum welches Kraut wogegen helfen soll. Man erfährt, wie man sich die in vielen Pflanzen vorkommenden Saponide, also Seifenstoffe, zunutze machen kann: Direkt als Waschpulver, indem man ein Dutzend Efeublätter zerschnibbelt und in die Trommel zur Wäsche gibt, oder zur körpereigenen Reinigung, indem man die ersten Gänseblümchen und Vogelmieren als blutreinigende Frühjahrskur futtert.

Die pilz-, viren-, bakterien- und somit entzündungshemmenden Eigenschaften der Saponide wirken schleimlösend (hust, röchel) oder stimulieren die Schweißdrüsen, sodass man die Gifte ausschwitzt. Und wo wir schon dabei sind: das Gänseblümchen, Bellis perennis – die Immerschöne, gilt wegen seiner adstringierenden, deshalb schmerz- und juckreizstillenden Wirkung, neben dem Spitzwegerich, als Erste-Hilfe-Pflanze bei Insektenstichen. Und die, also die Schnaken z.B., gibt es derzeit, jedenfalls bei mir im Schrebergarten, noch im Überfluss.

Wenn es in der Mimose funkt. Wenn die Kräuter nicht mehr helfen, muss die Wissenschaft ran. Die basiert auf Beobachtung, Analyse und Systematisierung, um das Fantastische plausibel zu machen. Weil Pflanzen sich aus eigenem Antrieb nur sehr langsam bewegen, braucht ihre Erforschung Geduld und Ausdauer. Um das Gras wachsen zu sehen – ein Hopfenstengel schafft eine Runde, immer rechtsdrehend übrigens, schon in zwei Stunden – muss der Botaniker die Ruhe weg haben und ein langmütiger Zuschauer sein.

Der in Potsdam lehrende Biologe Ewald Weber erklärt zu Beginn seinen nun neuaufgelegten Büchleins die Artenvielfalt von der kleinsten Wolffia microscopica bis zum größten Mammutbaum, vom seltensten Inselkraut bis zur weltweit verbreitetsten Primel, von der einfachsten Flechte bis zum kompliziertesten Symbiotiker. Dann beschreibt er die Absonderlichkeiten pflanzlichen Wachstums. So geordnet er dabei vorgeht, so emphatisch ist sein Plädoyer für das kindliche Staunen. Schließlich geht es ihm um die botanischen Wunder. Richtig wunderlich wird’s beim Kapitel Vermehrung und dem daraus folgenden Zusammenleben.

Neben den erstaunlichen Kunstwerken der Samenverschleuderung per Fallschirm, Propeller, Sprungfeder, Regentropfen oder besonders originellen Flugapparaten mit hygroskopischer Mechanik – sie reagieren auf Feuchtigkeit... – wird auch das Klonen oder, wie man früher sagte, die ungeschlechtliche Fortpflanzun gebührend mit spektakulären Beispielen gewürdigt. Über 8000 Jahre ist das sich selbst permanent klonende Schilf in der Donaumündung alt. Die Keimung eines bestimmten Strauchs in der Mojaw-Wüste geht sogar 11 000 Jahre auf das Ende der letzten Eiszeit zurück.

Bei der Sache mit den Bienen ist weniger der Akt der Fremdbestäubung interessant, als das Vorspiel dazu. Die Methoden der Anbahnung, Verlockung, Werbung und die Verfeinerungen der Wettbewerbsvorteile sind höchst einfallsreich. Orchideen haben bekanntlich die meisten Tricks drauf, potentielle Freier mit der Vorspiegelung falscher Tatsachen zu täuschen. Zu höherer Kommunikationsstrategie hat es eine tropische Kletterpflanze im kubanischen Regenwald geschafft.

Die nach dem deutschen Forschungsreisenden Georg Markgraf (1610-1644!) benannte Marcgravia evenia wird nur durch eine bestimmte Fledermausart besamt. Das Aufplustern mit Farbe, Form oder verführerischen Parfums würde das fast blinde Nachttier nicht ansprechen: Um dennoch wahrgenommen zu werden, bildet die Pflanze über ihrem Nektarkelch ein Blatt in Form eines Hasenohrs oder eines Pantoffels aus. Wie ein Resonanztrichter oder eine Satellitenschüssel wirft dieses die Echopeilung der Fledermaus zurück. Gegen so ausgefuchste Sonartechnik sieht doch jedes humanoide Lipgloss blass aus.

Das Territorium der Ungewissheiten. Und wo die Wissenschaft nicht hinreicht, muss man träumen. Für Gilles Clément ist der Garten das Reich der Träume, das Territorium der Ungewissheit und der Veränderungen. In seinem „Garten in Bewegung“ ist der Gärtner mehr denn alles andere ein Zuschauer. Es genügt, sich zu bücken und das „Observatorium der Zeit“ offenbart seine Wunder und Schönheit. Dabei ist die Kategorie einer ökonomischen Zeit, die verloren oder gewonnen werden kann, im Garten nichtig.

Der ideale Gärtner ist für den französischen Philosophen und Landschaftsarchitekten ein Amateur, das kommt vom lateinischen Wort amare und bedeutet, er ist ein Liebhaber. Im besten Falle hat er immer eine Lupe in der Tasche, um die Erscheinungsformen der Pflanzen zu betrachten. Er studiert, wie der unreglementierte Garten wächst, sie die Natur wuchert, er entschlüsselt die Bedingungen und die Vergangenheit des Bodens, des Standorts, des Klimas, er greift stets nur behutsam ein, um die vorhandenen Energieströme sanft zu leiten und Grenzen zu definieren. Denn der Garten ist auch das eingefriedete Paradies, schon sein deutscher Begriff enthält das Wort „Gerte“, aus der dem man einst die Zäune flocht. Der Hortus conclusus, die Schutzzone, ist für Clément auch ein Reich der Tiere.

Obgleich sie wie die Vögel keine Zäune und Grenzen kennen, gehören sie wie die Nattern der Alhambra und die Maulwürfe von Babylon in den Garten der immerwährenden Transgression dazu, bei Clément selbst haben die Nutria, die im Dachstuhl lärmende Steinmarderfrau und der die Beete leerknabbernde Rehbock Eigennamen. Doch wie macht man sie wieder zutraulich, die man so lange verjagt hat? In seiner Antrittsvorlesung für eine Gastprofessur am College de France sagte Gilles Clément, der sich selbst dabei als Student der Natur bezeichnete, die Landschaft sei das Bild, das wir erinnern, etwas Subjektives, im Gegensatz zur Umwelt, die objektiv messbar sei.

Im Sinne seiner schon da formulierten These, dass die Welt, unsere Erde, als ein einziger planetarischer Garten zu betrachten sei, ist Cléments kleines Traktat über „Die Weisheit des Gärtners“ nun eine Einladung an die Müßiggänger, die Nutzlosen, die Geschwindigkeitsgeschädigten, an die Trödler und die Tagträumer. Eine Einladung in eine Zukunft, in der jedes Samenkorn ein Versprechen ist und alle Ökonomisierung des Lebendigen ein Verbrechen.

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