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„Garten, Baby!“ Eine hippe Lindenstraße

Im Roman „Garten, Baby!“ lässt Christine Zureich Menschen und Pflanzen wachsen.

Neue Balkone, Häuser aus der Gründerzeit
Klein aber Behelfsgarten in Frankfurt. Foto: Michael Schick

Ein eigener Garten, das wäre doch was! Aber mitten in Frankfurt? Dachgeschosswohnung, ungedämmt, Mehrparteienhaus, unsaniert, Baujahr: irgendwas vor 1975 – mehr Großstadt ist kaum möglich – der Raum knapp. Doch in der fiktiven Drübkestraße 13 haben Doro Blum, Übersetzerin von Schwedenkrimis, und ihr Freund Rob, Architekt, ihren Traum vom grünen Glück wahr gemacht: sie haben einen Urban Garden – ein Stück Stadt als Garten, vorne und hinten am Haus. 

Kennzeichnend für den urbanen Gartenbau sind, wie die Berliner Cousine Pippa weiß, die vertikale Ausrichtung der Beete und eine gewisse Guerilla-Optik: es muss aussehen wie selbst gemacht. Auf keinen Fall jedoch darf man beim Urban Gardening den Anschein von „Schöner Wohnen“ erwecken – mit Doros Garten ist Pippa noch nicht zufrieden, auch wenn sie gar nicht weiß, dass die Schneckenkrägen aus dem Gartencenter sind. 

In „Garten, Baby!“, dem ersten Roman von Christine Zureich, wachsen nicht nur Salbei, Lavendel und Thymian, Tomaten, Karotten und Zucchini, sondern auch die durch das Gärtnern miteinander verbundenen Menschen. Die Autorin, die heute mit ihrem Mann und Kind am Bodensee lebt, war zuvor als Übersetzerin, Sprachtrainerin und Museumspädagogin in Frankfurt tätig. Ihre Protagonisten lässt sie in vielen witzigen, meist telegrammartigen Dialogen auftreten und es kommt einem so vor, als hätte man den einen oder anderen Charakterkopf selbst schon mal getroffen. Bald entsteht beim Lesen des 176-seitigen, in Kurzkapiteln verfassten Romans das Gefühl, dass sich die Erzählung als Film auch gut machen würde. 

Die im Urban Garden begrenzt zur Verfügung stehenden Erdflächen beackern und bebauen skurrile und sehr unterschiedliche Nachbarn, die sich alle auf ihre eigene Art, mehr oder weniger, in das Gemeinschaftsprojekt einbringen. Die treibende Kraft ist der Texaner Fred aus dem Halbparterre rechts, ein Ex-GI, der als Hobbygärtner ganz in seinem Element aufgeht. Die kettenrauchende, den Körper optimierende Sibel hat immer ein offenes Ohr und streitet oder liebt sich, die dünnen Wände durchdringend, lautstark mit ihrem Freund Zeus, und die alleinerziehende Zoé freut sich über den regen Kontakt im Haus. Über allem, was dort vor sich geht, wacht der Hausdrachen, die 82-jährige Lore Dittrich, bei der es Doro manchmal mit ihren Schwedenkrimi-Phantasien durchgeht. 

Die Gärtnerinnen und Gärtner dieser hippen Lindenstraße sind mal kreativ, mal pragmatisch und viel seltener ökologisch korrekt, als es sich ein Veganer wünschen würde. Doch in erster Linie sollte es schon Bio sein – auch wenn die Zehennägel grün lackiert sind – und so ist man stolz darauf, samstags Unkraut zu jäten, statt shoppen zu gehen. Wie nachhaltig die Zucchini allerdings sein kann, erfährt man spätestens dann, wenn man immer noch ein halbvolles Glas selbiger Marmelade aus dem Vorjahr auf dem Tisch stehen hat. 

Die Autorin hat für ihr, wie sie es nennt, Urban-Gardening-Manifest den Leitsatz „Wachsen und wachsen lassen“ gewählt. Beim Urban Gardening gehört es dazu, sich aufzureiben: „da denkst du, du bist es, der den Boden umgräbt, dabei ist es das Leben, das dich umgräbt“, so die Lektion für Doro und Rob. 

„Garten, Baby!“ ist ein leichtes und menschliches Buch, gut geeignet für die sommerliche Lektüre in einem kühlen Garten. Und wer selbst einen Garten in der Stadt pflegt, kann vielleicht noch etwas lernen, oder hat zumindest einiges zu lachen. 

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