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Garry Disher "Bitter Wash Road" Eine Patrone im Briefkasten

Der Australier Garry Disher schreibt Krimis, die ganz auf der Höhe der Kunst sind. Jetzt erscheint der famose „Bitter Wash Road“.

Auch weggetrunken wird die Langeweile im australischen Busch. Foto: REUTERS

Paul Hirschhausens Freunde nennen ihn „Hirsch“ – sagt er. Aber welche Freunde sollen das sein? Bestimmt nicht seine ehemaligen Kollegen in Adelaide. Bestimmt nicht seine Ex-Frau. Sogar seine Eltern scheinen nicht restlos davon überzeugt zu sein, dass er sich fernhielt von den krummen Deals, die in seinem alten Revier liefen. Die internen Ermittler trauen ihm nicht und möchten ihn auch noch drankriegen, unbedingt. Und die normalen Cops hassen ihn, denn er ist in ihren Augen ein Nestbeschmutzer, ein Verräter. „Sie hatten Hirsch die Patrone in den Briefkasten geworfen, als er nicht hingeschaut hatte.“ Eine Drohung.

Einmal geblinzelt ...

Der 1949 geborene, äußerst vielseitige australische Autor Garry Disher – er schreibt Kinder- und Jugendbücher, Sachbücher zur Geschichte seines Landes, Kurzgeschichten, Kriminal- und andere Romane – hatte offenbar Lust auf eine nagelneue Figur. Und während sein Inspector Hal Challis vor allem im städtischen Milieu in und um Melbourne unterwegs ist (in bereits sechs Bänden), versetzt er Paul Hirschhausen, „Hirsch“, nun in ein Kaff namens Tiverton: „Einmal geblinzelt, schon war man durch.“ Es ist eine der letzten Ein-Mann-Dienststellen, auch wenn die Polizei mit dieser Tatsache nicht gerade hausieren geht, „nicht heutzutage, nicht in aller Öffentlichkeit“. Denn es ist weit bis zur nächsten Verstärkung.

Wie sein (in Südafrika geborener) Landsmann Peter Temple versteht sich Disher meisterhaft auf Sparsamkeit, Nüchternheit, auf Verankerung des Geschehens mittels weniger, prägnanter Details, auf vielschichtige Personenzeichnung. Man wird beide nicht dabei erwischen, Versatzstücke des so genannten Spannungsromans bedenkenlos zu verwenden, den Effekt zu suchen. Man wird sie auch nicht dabei erwischen, dass sie schwarz und weiß malen. Hirschhausen ist keine heroische Figur, kein unerschrockener Whistleblower; sondern einer, der gerade so viel Anstand besaß, nicht mitzumachen.

Disher lässt ihn vom Regen, Adelaide, in die Traufe, Tiverton, kommen. Da ist der Hass, mindestens aber die herzliche Abneigung der drei Kollegen im vierzig Kilometer entfernten Redruth. Da ist die Patrone in seinem Briefkasten. Da ist, nach drei Wochen, der erste Einsatz: Eine Autofahrerin hat Schüsse gehört an der Bitter Wash Road. Vor Ort glaubt Hirschhausen plötzlich, in einen Hinterhalt geschickt worden zu sein. Gerade noch hält er die Panik im Zaum. Aber es sind nur zwei Kinder, die Schießübungen machen. Er fährt sie nach Hause, er mahnt die Mütter, die Waffen besser wegzusperren.

Bald wird er, wie alle hier, jeden und jede kennen. Das Land – „nichts außer Weizen und Wolle“ – ist weit, die Siedlungen aber sind übersichtlich, manchmal wie ausgestorben: „Ganz nach einheimischer Sitte hob Hirsch einen Finger vom Lenkrad, um die entgegenkommenden Autos zu grüßen. Beide.“ Der Polizist versucht, in seinem Dienst-Kaff und dessen Umgebung Wurzeln zu entwickeln. Vertrauen aufzubauen. Aber es dauert, bis er ein erstes Grummeln hört: Dass nämlich die Redruth-Kollegen besonders die jungen Leute schikanieren, die eine dunklere Haut haben. Dass sie sexuell übergriffig sind. Da hat er den Salat schon wieder.

Und, schlimmer, es gibt auch zwei Tote. Eine junge Frau, 16 und schon zu viel trinkend, wird tot am Straßenrand gefunden; und alle außer Hirsch scheinen fest an einen Unfall mit Fahrerflucht zu glauben. Eine Ehefrau, eine der Mütter vom Anfang, begeht Selbstmord. Und nur Hirsch wundert sich – denn hatte sie nicht gerade ihren gewalttätigen Mann verlassen?

Nicht unbedingt sind in einem Disher-Krimi die Dinge anders, als sie scheinen. Auch das ist seine hohe Kunst, dass er der Glaubwürdigkeit den Vorzug gibt vor dem Spektakulären.

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