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Gabrielle Riedle Roman Die Kehrwoche in den Knochen

Wer alles hat und nicht weiß wohin, endet wie Gabriele Riedles „Überflüssige Menschen“. Ihre Charaktere treten mit Energie auf der Stelle.

15.06.2012 16:11
Steffen Martus
Tschechows „Drei Schwestern“ im Queens Theatre, 1937. Foto: Getty Images

Der Preis für den besten Romantitel geht in diesem Jahr an Gabriele Riedle: „Überflüssige Menschen“. Wer fällt einem dazu nicht alles ein? Zunächst einmal der eine oder andere Mitbürger, Kollege, Verwaltungsbeamte und Fernsehstar. Dann – politisch korrekter – die wachsende Zahl an Menschen, die sich an ihren Arbeitsplätzen nicht gewollt fühlen und darüber krank werden, oder jene, die dort tatsächlich unnötig geworden sind. Schließlich fühlt man sich natürlich selbst überflüssig: Der eine mag dies als Befreiung ansehen, der andere wird an dieser narzisstischen Kränkung leiden. Und vielleicht fragt man sich einfach nur, wann sich das prometheische Selbstbewusstsein der Jugend irgendwie in Luft auflöste und nun einen recht sterblichen fünfzigjährigen Körper mit einem falben Geist hinterlassen hat. So jedenfalls geht es Natalie, der Hauptfigur in Gabriele Riedles neuem Roman.

Abgrundtief sinnlos

Natalie soll für Michael Weber, den neuen Intendanten des Ulmer Theaters, die „Drei Schwestern“ von Tschechow übersetzen. Der „Webermichel“ plant eine glanzvolle und „frische“ Eröffnung seiner ersten Spielzeit. Die Erwartungen auf einen zumindest theatralen Zeitenwechsel sind hoch. Und sie stürzen geradezu ikarisch ab. Denn Natalie versteht sich einfach zu gut mit den Figuren Tschechows, also den Exemplaren aus der Gattung eben jener „überflüssigen Menschen“, die in der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts oblomowhaft herumlungern und denen Tschechow eine gleichnamige Erzählung gewidmet hat. Die Gesellschaft der „Drei Schwestern“ wünscht sich nichts mehr als eine Veränderung. Die Figuren ertragen ihr Dasein in der Provinz nur mit Ekel und sehnen sich nach der Metropole Moskau, die sie von der Ödnis und Müdigkeit ihrer Existenz befreien wird. Aber sie treten mit großer Energie auf der Stelle. Auch wenn das Drama in einer Szene heroischer Duldsamkeit ausklingt, hinterlässt es den Eindruck einer abgrundtief sinnlosen Existenz.

Während für die Tschechow-Figuren Moskau der Ort der Kindheit und damit der Sehnsucht nach einer verlorenen Heimat ist, dreht sich bei Natalie dieses Verhältnis gerade um. Sie stammt aus dem Schwabenland und hat den Eindruck, mit dem Übersetzungsauftrag aus Ulm wieder in die Fänge jener Provinz zu geraten, deren Tentakeln sie vor mehr als dreißig Jahren mit aller Macht durch die Flucht in eine Metropole entkommen wollte. So sitzt sie in einem heißen Sommer in Berlin, brütet über den „Drei Schwestern“ und bestimmt die Lage einer Generation, die in den 1970er-Jahren mit dem stürmischen Geschichtswind der 68er im Rücken aufwuchs und sich als Teil einer Weltveränderungsgemeinschaft fühlen durfte. Hinter sich lassen wollte man die Nazi-Vergangenheit der Großeltern und Eltern, die schwäbischen Kehrwochen, die Furniermöbel aus dem Einrichtungshaus Bock draußen im Industriegebiet sowie das Gerede der Nachbarn. Aber wie tief steckt die Provinz in den Knochen? Wie sehr trägt man am Erbe der Eltern? Und warum vor allem sitzt man so einsam und verlassen da und hat den Anschluss an die Kollektive verloren, die früher die Gewissheit vermittelten, auf der richtigen Seite großer Umbrüche zu stehen?

Zu spät für Entschuldigungen

Natalie holt zum Rundumschlag aus, sinniert über die Veränderungen der Arbeitsgesellschaft, die immer mehr „überflüssige Menschen“ produziert, über den „Kabidalismus“ oder über die Körperkultur, die die überflüssigen Leibeskräfte zur Verpuffung in die Fitnessstudios leitet. Die Verhältnisse werden nicht von denen bestimmt, die aufmüpfig waren, gekifft haben und in revolutionären Schriften blätterten, sondern von jenen Spießern, mit denen man bereits in der Schule nichts zu tun haben wollte, weil man sie „so reich und so blöd“ fand. Auch Natalie und ihre Generation gehören zu den Geschichtsgewinnlern. Aber sie leiden als Teil des Establishments an einer bohrenden Unzufriedenheit. Sie besitzen genug Geld „für jede Spielart von Verzicht“ und haben sich in der „Diktatur des Gemütlichen“ eingerichtet. Weil sie nicht wie ihre Eltern sein wollte, hat Natalie keine Kinder. Nun erwartet die „Dame der Halbbrillenwelt“ einsam die alterstypischen Krankheiten auf dem Weg zum Tod.

Auf Schwäbisch würde man sagen: Natalie „bruddelt“ vor sich hin, assoziativ und nicht immer geistreich, manchmal mit einem Apropos zufrieden oder einer Bemerkung, auf die man auch hätte verzichten können. Riedle schreibt keinen Thesenroman, sondern überlässt sich dem lyrischen Strom von Gedankenketten. An einigen Stellen vertraut sie zu sehr darauf, dass dieser Assoziationsfluss den Text über gedankliche Schwachstellen trägt.

Die Stärke des Romans liegt in den Szenen, die er als typische Lebenssituationen einer Generation aufruft, und in den Stimmungen, die er beschwört. Dies gilt insbesondere für die nicht wiedergutzumachende Härte, mit denen Natalies Generation den eigenen Eltern begegnet ist: Väter und Mütter galten per se als die Schuldigen. Sie hatten die deutsche Geschichte verbockt, saßen nun kleinbürgerlich verschüchtert in ihrem neu möblierten Wohnzimmer und standen ihren Kindern im Weg. Töchter und Söhne räumten die Eltern mit dem guten Gewissen der Unschuld beiseite, skrupellos, unnachgiebig, verständnislos. Während sie ihr Leben lang darüber klagen durften, was die Eltern ihnen angetan hatten, wird ihnen nun klar, was sie ihren Eltern angetan haben. Für Entschuldigungen ist es jedoch zu spät. So bleibt nur die Trauer über verpasste Chancen und jener Tschechowsche Trotz, weiterzuleben und sich „von Neuem ans Werk“ zu machen.

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