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Für einen frauenfreundlichen Islam Der allmähliche Aufstand

Wie lässt sich der Islam im Sinne der Geschlechtergleichheit reformieren? Wer soll das anpacken? Eine Antwort liefert die deutsch-türkische Lale Akgün in „Aufstand der Kopftuchmädchen. Deutsche Musliminnen wehren sich gegen den Islamismus“.

04.01.2011 10:56
Canan Topçu
Lale Akgün: "Aufstand der Kopftuchmädchen", Piper Verlag Foto: Piper Verlag

Frauen in Badeanzügen, die islamische Traditionen und religiöse Feste beachten – ein Widerspruch? Nein, keineswegs, wie Lale Akgün es während ihres Aufenthaltes in einem Ferienort in der Türkei feststellte. Die Begegnung mit Badeanzug-Trägerinnen bildet den Ausgangspunkt für ein Buch, in dem die Autorin sich mit der Frage beschäftigt, wie der Islam modernisiert werden kann. Denn so viel steht fest: Diese Religion ist, so wie sie von vielen praktiziert wird, frauenfeindlich und nicht zeitgemäß. Doch wie lässt sich der Islam im Sinne der Geschlechtergleichheit reformieren? Wer soll das anpacken? Wer eine Umdeutung der als sakrosankt behandelten islamischen Gebote und Verbote durchsetzen?


Eine Antwort liefert Akgün in „Aufstand der Kopftuchmädchen. Deutsche Musliminnen wehren sich gegen den Islamismus“. Zwar ist der Titel irreführend, denn vom Aufstand probenden Kopftuchmädchen ist nicht die Rede. Dass der Titel programmatisch und appellativ gemeint sein könnte, sofern ihn der Verlag nicht bloß zur Verkaufsförderung wählte, wird nach der Lektüre klar.

Anders als in ihren beiden zuvor erschienenen Büchern ( „Der getürkte Reichstag“, „Tante Semra im Leberkäseland“) widmet sich die aus der Türkei stammende und in Deutschland aufgewachsene 57-Jährige den Themen rund um Islam und Integration jetzt in einem ernsten Ton.

Im einführenden Kapitel formuliert Akgün ihre Vision, dass die Reform von den „Kopftuchmädchen“ ausgehen werde, die hier Schulen und Universitäten besuchen. „Die Kopftuchmädchen werden sich nicht mehr länger kleinhalten lassen, sie werden mitreden wollen. Ihr Aufstand gegen die Konservativen und Ultraorthodoxen wird ein allmählicher sein.“


Traditionen antasten


Akgün fordert Muslime und insbesondere Musliminnen auf, sich eingehender mit dem Koran sowie den Geboten und Verboten zu befassen und bei der Interpretation der Suren den eigenen Verstand einzusetzen. Insofern lassen sich Akgüns Buch und ihre Auslegungen durchaus als Starthilfe für eine Rebellion der Musliminnen verstehen. Denn die Autorin, die vor ihrer Karriere als Politikerin lange als Psychologin tätig war, legt ausführlich dar, wie sie selbst etwa die fünf Säulen des Islams, die religiösen Gebote und bestimmte Koran-Suren deutet. Um herauszufinden, „ob die vordergründigen moralischen Regeln auch im echten Zusammenhang mit der dahinterstehenden Ethik stehen“, müsse „jede religiöse Regel auf den Prüfstand“. Akgün zweifelt etwa am Sinn der Verhüllung und ebenso an der Pflicht zum fünfmaligen Beten pro Tag. Das Pflichtgebet, erklärt sie, werde in den älteren Teilen des Korans gar nicht erwähnt und sei späteren Entwicklungen geschuldet und daher wie auch andere Traditionen nicht unantastbar.

Starthilfe für ihre persönliche Auseinandersetzung mit dem Koran bekam Akgün von der türkischen Professorin Beyza Bilgin. Die Gespräche mit der ehemaligen Dekanin der Theologischen Fakultät Ankara, hierzulande bekannt für eine hermeneutische Interpretation des Korans, hätten sie ermutigt, sich der Frage zu widmen, wie der Islam mit den Entwicklungen der Moderne Schritt halten könne.

Wider die Funktionäre


Als Verhinderer der Modernisierung des Islams in Deutschland benennt Akgün konservative islamische Funktionäre. Ihnen wirft sie vor, nicht müde zu werden, vor den Gefahren in diesem Land zu warnen. Sie weiß, wovon sie schreibt; von 2002 bis 2009 war sie für die SPD Mitglied im Deutschen Bundestag und islam-politische Sprecherin ihrer Fraktion; in dieser Zeit hat sie sich intensiv mit den islamischen Verbänden beschäftigt und sie immer wieder kritisiert. Das setzt sie jetzt nicht als Bundespolitikerin fort, sondern als Autorin, die sich „zum islamischen Glauben bekennt“, wie auf dem Schutzumschlag zu lesen ist. Sie erklärt, sie wolle nicht, dass die Funktionäre den Muslimen in Deutschland vorschreiben, wie der Koran gedeutet und gelebt werden muss.

An ausgewählten Beispielen legt Akgün dar, dass vor allem die Verbände eine zeitgemäße Interpretation des Koran verhindern. Daher wundert sie sich, dass deren Funktionäre von der deutschen Politik hofiert werden. Für sie steht fest, dass es eine naive und falsche Vorstellung ist, „dass man über die Schmeichelei gewissen Islamverbänden gegenüber Verbündete im Bereich der Integration bekommen würde“. Akgün möchte, das wird bei der Lektüre klar, nicht nur den Kopftuchmädchen, sondern auch den hiesigen Politikern die Augen öffnen.

Lale Akgün: Aufstand der Kopftuchmädchen: Deutsche Musliminnen wehren sich gegen den Islamismus. Piper Verlag 2011, 240 S., 16,95 Euro.

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