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Friedrich Lehne „Grabgeläute des Glückes“

Der Dichter und Journalist Friedrich Lehne war eine der zentralen Figuren der Mainzer Republik. Erinnerung an einen Demokraten und deutsch-französischen Grenzgänger.

Mainzer Republik
Tanz um den Freiheitsbaum während der Mainzer Republik. Im kurzlebigen Freistaat wurden 1793 demokratische Prinzipien gelebt. Foto: epd

Donnerhall in Deutschland. Als am 14. Juli 1789 die Pariser Bastille stürzt und das französische Volk sich seinem König widersetzt, klingt die Nachricht in Deutschland wie ein Donnerhall und elektrisiert in den folgenden Monaten und Jahren die deutsche Bildungselite im Norden wie im Süden. Der Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock besingt die Ereignisse als „des Jahrhunderts edelste Tat“ – für die deutschen Intellektuellen ist die Revolution der Nachbarn der Sieg des Lichts über die Finsternis. Besonders die Studenten sind euphorisiert. Sie wünschen sich eine deutsche Revolution, um das klapprige dynastische Konstrukt des Heiligen Römischen Reichs zum Einsturz zu bringen, das nur noch lose seine hunderte Staaten und Staatchen mit Fürsten und Fürstlein, Kürfürsten und Bischöfen zusammenhält. 

Einer von ihnen ist der junge Mainzer Philosophiestudent Friedrich Lehne, der diesen Wunsch 1792 im Gedicht „Ruf eines Deutschen an die Freiheit“ in Verse fasst: „Wer nicht schwörte, frey zu leben / Und der Wahrheit treu zu sein / Trinke nie den Saft der Reben / An der Seine an dem Rhein“. 

Lehne ist Realist genug zu wissen, dass die Deutschen allein den Politikwechsel nicht schaffen und so dichtet er hoffnungsfroh „Bringe deine Franken-Söhne / Uns zum Bruderkusse mit!“ – nicht ahnend, dass sich sein Wunsch bereits kurz darauf erfüllt, als die siegreichen Franzosen vor den Mainzer Stadttoren erscheinen. 

Bei dem folgenden Experiment der Mainzer Republik, als 1792/93 erstmals auf deutschem Boden die Demokratie ausprobiert wird, spielt Friedrich Lehne trotz seiner Jugend eine wichtige Rolle. Er entscheidet sich sofort „für die Sache der Freiheit“ und kämpft zeitlebens unter deutscher und unter französischer Flagge für Demokratie, Pressefreiheit und einen sozialen Kapitalismus.

Blau-weiß-rote Gesinnung. Geboren wird Johann Friedrich Franz Lehne am 8. September 1771 im rechtshreinischen Gernsheim. In dem kleinen kurmainzer Städtchen verlebt er in bürgerlichen Verhältnissen eine kurze unbeschwerte Kindheit, die jäh endet, als binnen eines Jahres Vater und Mutter sterben. Der zehnjährige Vollwaise kommt nach Mainz zu seinem Onkel Franz Damian Friedrich Müllenkampf, seines Zeichens Professor an der hiesigen Universität, die in diesen Jahren unter dem Kurfürsten Friedrich Karl von Erthal im Geiste der Aufklärung reformiert wird und schillernde Geistesgrößen anzieht. Neben dem Gelehrten Georg Forster, der bei den Zeitgenossen wegen seiner großen Weltumseglung mit James Cook geradezu Kultstatus genießt, lebt hier etwa der Dichter Wilhelm Heinse oder der Arzt Samuel Thomas Soemmerring. Just im Revolutionsjahr 1789 beendet Lehne seine Gymnasialzeit. Mit mehreren Mitschülern wechselt er an die Mainzer Universität, an der unter den Studenten ein profranzösischer, revolutionärer „corps d’esprit“ herrscht, den die freigeistigen Professoren noch befördern. Als im Oktober 1792 Kurfürst, Adel und hohe Geistliche panisch vor den Revolutionstruppen aus Mainz fliehen, sind es ebendiese Professoren und Studenten die sofort nach französischem Vorbild im verwaisten Mainzer Schloss einen politischen Klub ins Leben rufen. 

Lehne ist einer dieser Avantgardisten, er zählt zu den Anhängern um seinen Philosophieprofessor Andreas Joseph Hofmann, der unerschrocken vor Hunderten von Zuhörern das alte Regime des Kurfürsten kritisiert, aber auch die Fehler und Vergehen des französischen Militärs brandmarkt. Dieser Wesenszug, ohne Rücksicht auf persönliche Nachteile zu sprechen und zu handeln, wird auch für Lehne in späteren Jahren kennzeichnend.

Der politische Machtwechsel setzt bei Lehne Energie frei. Er hält temperamentvolle Reden im Klub, arbeitete in der neu errichteten Verwaltung mit und beteiligt sich bei der Organisation der ersten freien Wahlen zum Rheinisch-deutschen Nationalkonvent, dem ersten deutschen Parlament. Dessen Präsidenten wird Lehnes politisches Vorbild Hofmann, der am 18. März 1793, dem Freiheitsdatum der deutschen Geschichte, vom Balkon des Mainzer Deutschhauses die Republik ausruft.

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