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Friedenspreis an Liao Yiwu "Verstörender Blick hinter Chinas Fassade"

In seiner Dankrede in der Paulskirche rechnet Liao Yiwu mit der chinesischen Führung ab und mit dem Westen, der mit der Diktatur gemeinsame Sache macht.

Heimatlos im eigenen Land: Liao Yiwu. Foto: dapd

In seiner Dankrede in der Paulskirche rechnet Liao Yiwu mit der chinesischen Führung ab und mit dem Westen, der mit der Diktatur gemeinsame Sache macht.

Der Name des diesjährigen Literaturnobelpreisträgers Mo Yan fiel nicht in der Frankfurter Paulskirche am Sonntagvormittag. Wer etwas anderes erwartet hatte, der bemerkte, wie unerbittlich das sein kann. Der Name von Mo Yans im Berliner Exil lebenden Landsmann Liao Yiwu dürfe in China nurmehr unter Strafe genannt werden, berichtete die Literaturkritikerin Felicitas von Lovenberg in ihrer Laudatio auf den Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 2012.

Liao Yiwu, so Lovenberg, gewähre dem Leser mit seiner eigenen Biografie und den Porträts, mit denen er „China nicht ein Gesicht, sondern viele Gesichter“ gebe, einen „ernüchternden, ja verstörenden Blick hinter die Fassade des großen Landes“: „Der Kontrast zwischen dem Alltag der untersten Gesellschaftsschichten und unserer Wahrnehmung des modernen China könnte nicht größter sein.“

Der Friedenspreisträger verkörpere „einen Widerstand aus dem Gedächtnis heraus“ und fühle sich dabei einer „Poetik der Wahrhaftigkeit verpflichtet“. Es sei „die Angst davor, vergessen zu werden, umsonst gelebt und gelitten zu haben, die er mit allen Betroffenen des 4. Juni“ (dem Tag des Massakers auf dem Tian’anmen-Platz in Peking) teile. Lovenberg wies im Zusammenhang mit Liao Yiwus eben auf Deutsch erschienenem Buch „Die Kugel und das Opium“ (S. Fischer) auf die Effizienz hin, mit der das Regime Kritiker hoffnungslos stumm mache: Sieben Jahre habe der Autor gebraucht, um Gesprächspartner zu finden, die bereit waren, von ihrem Leben nach dem 4. Juni 1989 zu berichten – zermürbt von der „anhaltenden Wirkungslosigkeit ihres Leidens“. Indem er Einzelschicksale sammele, stelle Liao Yiwu „Würde wieder her, die Würde der Unzähligen, die Chinas Machthaber auf der ,Müllhalde‘ der Geschichte unbemerkt entsorgen wollten“.

In China, sagte Liao Yiwu, habe er sich „im eigenen Land heimatlos gefühlt“: „Das Elend wurde immer schlimmer, und die Menschen stumpften immer weiter ab, während die chinesische Wirtschaft zunehmend florierte.“ Die Geschichte des chinesischen Großreiches habe seit jeher „gewaltige Blutspuren durch die Geschichte gezogen“. Reichseiniger Qin Shihuang habe vor mehr als 2?000 Jahren 460 Philosophen lebendig begraben und Bücher aus hunderten Jahren verbrennen lassen. Auf ihn habe sich Mao Zedong berufen und ihn habe er bei Weitem übertreffen können.

Eine geniale Idee

Liao Yiwu sprach Chinesisch, wiederholte aber den Satz „Dieses Imperium muss auseinanderbrechen“ immer wieder zwischendurch auf Deutsch. Das sollte den Gästen im Saal „das Mitlesen der Rede erleichtern“, so der Börsenverein. Es war aber eine geniale Idee, die nicht nur die Überschrift der Rede überhaupt zum Fanal machte – mit einer Forderung, die man sonst nicht zu hören bekommt –, sondern auch speziell zum Fanal der entsetzlich Machtlosen, die gezwungen sind, in einem Land zu leben, dessen Sprache ihnen kaum über die Zunge will. So sprach er seine konkrete und klare Rede zugleich für alle Verfolgten und Heimatlosen der Welt, wie es auch in der Paulskirche nicht in jedem Jahr geschieht.

Am Ende sang er, sich selbst mit Klangschalen begleitend, ein Lied vor, das „Die Mütter von Tian’anmen“ heißt und mit der Zeile endet: „Mutter,/ Was nutzt Dein Klagen?“ Das hier hinzuschreiben, sagt wenig darüber aus, was für ein nie da gewesener Augenblick das bei einer Friedenspreisverleihung in der Paulskirche war. Dass er am Ende noch etwas angefüllt wurde (mit mehr Musik und ein bisschen Hintergrundchor), war fast eine Erleichterung und Milderung der Wucht, die ein sehr Einzelner ausstrahlen kann.

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