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Fridolin Schley „Die Ungesichter“ Das ist Europa, du dummes Kind

„Die Ungesichter“: Fridolin Schleys eindringliche Geschichte eines Flüchtlingsmädchens aus Somalia.

29.08.2016 14:57
Susanne Lenz
Verschleierte Studentinnen in Mogadishu, Somalia. Foto: Reuters

Hundert Seiten, kein Punkt. Auf einem Punkt könnte man innehalten, sich ausruhen, aber dazu gibt es in diesem Buch, in der Geschichte, die es erzählt, keine Gelegenheit. Stattdessen wirkt sie wie ein Strudel, der einen erfasst und nicht loslässt.

Das Buch handelt von der 15-jährigen Amal aus Somalia, von ihrer Flucht nach Europa. Dieses Mädchen gibt es wirklich, der Autor des Buchs, Fridolin Schley, ist einer der Münchner Schriftsteller, die vergangenes Jahr zu Aktivisten wurden, und sich mit Flüchtlingen trafen, um ihre Lebensgeschichten aufzuschreiben. Ob ihrer Aktion Diskussionen über die Rolle des Künstlers in diesen Zeiten vorausgegangen sind? Fridolin Schley ist jedenfalls nicht zum Sprachrohr geworden, sein Buch ist keine Reportage, es ist Literatur, auch wenn es keine Fiktion ist. Oder man nicht weiß, was daran Fiktion ist. Beim Lesen stellt sich einem diese Frage nicht. Man hat vor allem das Gefühl, eine Kostbarkeit in den Händen zu halten.

Somalia, das weiß man aus der Zeitung, ist mit Syrien und Afghanistan eines der Länder, aus denen die meisten Menschen nach Europa flüchten. Islamistische gewalttätige Milizen beherrschen Teile des Landes, immer wieder gibt es Hungersnöte. Fridolin Schley beschreibt die Machtübernahme durch die Islamisten als eine Dunkelheit, die sich allmählich in Amals Leben ausbreitet. Und wie alles, das sich langsam anschleicht, braucht es eine Weile, bis es dessen Wahrnehmung ins Bewusstsein geschafft hat.

Die neuen Herren im Dorf machen sich dadurch bemerkbar, dass Brüder und Cousins nicht mehr Fußball spielen, die Jugendlichen nur noch heimlich HipHop hören, immer mehr Frauen Schleier und Abayas tragen statt ihrer bunten Kleider. Amal fällt zum ersten Mal auf, dass der Vater einen spärlichen Haarwuchs im Gesicht hat. Andere Männer haben keine Mühe, sich buschige Vollbärte wachsen zu lassen. Das Kino macht dicht. Der Vater, der für ein internationales Schulprojekt als Dolmetscher arbeitet, wird ermordet. Amal gerät in die Gefangenschaft der „Patronenmänner“, muss einem als Frau dienen, kann fliehen. Der Mutter gelingt es, Geld für einen Schleuser aufzutreiben.

„Das ist jetzt Europa, du dummes Kind“, sagt der erste von ihnen, als sie in Kiew gelandet sind. Es liegt Schnee. Amal zittert vor Kälte, und Cariim, den sie auf der Flucht kennengelernt hat, ist barfuß in seinen Turnschuhen. Aber das ist nur der harmlose Anfang des furchtbaren körperlichen und seelischen Leidens, von dem ihre Flucht von Kiew in das richtige Europa, den Ort ihrer Hoffnung, gekennzeichnet ist.

„Europa“, dieses Wort ist ihr Kompass. Doch es ist ein Kompass ohne Nadel, die ihnen die Richtung weisen könnte. Sie können nicht fragen, sie dürfen nicht fragen. Es ist, als stünden sie inmitten eines Dickichts, in dem ein falscher Schritt das Ende bedeuten kann: das falsche Land, das gefürchtete Zurück. Sie sind abhängig, doch es gibt kaum einen, der sich dieser Abhängigkeit würdig erweist. Höchstens schenkt ihnen mal ein Imbissbesitzer das Essen. Ansonsten immer wieder Schleuser, die sie gegen Geld ins Unglück schicken. Grenzbeamte, Polizei, deren Gesichter sich für Amal alsbald in Ungesichter verwandeln, von denen sich die Haut schält, bis man das blutige Fleisch darunter pulsieren sehen kann.

Es ist ein Beispiel dafür, wie Fridolin Schley einen mit Amal erleben lässt, wie er sich diesem Menschen anverwandelt, auch wenn er in der dritten Person über ihn schreibt. So wie ihr Herz stolpert, so stolpern Schleys Sätze, stolpert der Leser in den Zeilen, die inmitten des für sie vorgesehen Platzes enden. Immer enden diese Sätze bei „bis“, diesem Wort, das das Erreichen eines Endpunkts ankündigt. Doch dann kommt nur Leere.

Nichts ist für einen Geflüchteten bedeutsamer als seine Geschichte. An jeder Grenzstation muss Amal sie einem „Uniformmann“ erzählen. Von ihr hängt es ab, ob sie weiterkommt, ins Gefängnis muss oder in ein Lager. Ob Kettenabschiebung droht. Es ist eine Geschichte, die Namen, Orte, Zeiten enthalten muss und in einem Aktenordner abgeheftet wird. Übermittelt wird sie in einem Verhör. Was für eine Koinzidenz, dass das Wort „verhören“ einen Vorgang beschreibt, mit dessen Hilfe die Wahrheit herausgefunden werden soll, und es zugleich bedeuten kann, dass man etwas falsch versteht.

Fridolin Schleys Geschichte von Amal ist das Ergebnis einer Begegnung. An manchen Stellen führt sie über Stromschnellen, das ist der Teil des Flusses, an dem das Wasser reißend fließt, über Felsblöcke hinweg, an denen man sich schmerzhaft stößt. Das mag pathetisch klingen, das Buch ist es nicht. Angesichts von Amals Geschichte versteht man, dass jeder einzelne, der gekommen ist, eine solche hat, und keine wichtiger ist als diese. Man sollte sie unbedingt lesen.

Fridolin Schley: Die Ungesichter. allitera Verlag, München 2016, 100 Seiten, 14,90 Euro.

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