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Fred Vargas Gedanken-Leinen los am Quai des Orfèvres

Es kann kein Zufall sein, dass ausgerechnet eine Mittelalterarchäologin Motive, Topoi und Klischees des Kriminal- und des Gruselromans ausgegraben, fein abgestaubt, neu arrangiert hat. Von Sylvia Staude

Es kann kein Zufall sein, dass ausgerechnet eine Mittelalterarchäologin und Archäozoologin Motive, Topoi, Klischees des Kriminal- und des Gruselromans umsichtig ausgegraben, fein abgestaubt, neu arrangiert und mit einer eigenen Deutung versehen hat. Dem Prinzip und der Lust des Entdeckens folgend - sie sprach einmal knapp vom "Finden, Finden, Finden!" als Daseinsgrund -, legt diese Archäologin gleichsam auch in ihren Texten Knöchelchen neben Knöchelchen, Muschelschale zu Schneckenhaus, Fell- zu Hornrest. Und schafft zwischen ihnen einen charmanten Zusammenhang, wie man ihn erst für möglich hält, wenn er einen schon gefangen genommen hat.

Fred Vargas, von ihr ist hier die Rede, ist eine der erfolgreichsten und der scheuesten Krimiautorinnen. Geboren wurde sie am 7. Juni 1957 als Frédérique Audoin-Rouzeau in Paris. Sie hat eine Zwillingsschwester, die bildende Künstlerin ist und sich Jo Vargas nennt, und einen Bruder, Historiker und angeblich Vorbild für den Ersten-Weltkriegs-Spezialisten Lucien in einigen der Vargas-Romane. Man kann über Fred Vargas lesen, dass sie Paris ihr Leben lang fast nie verlassen hat, oder aber, dass sie in der Normandie aufgewachsen ist. Man kann lesen, dass sie nur im Urlaub schreibt oder aber sich hat vor Jahren beurlauben lassen.

Ersteres wäre verschrobener und würde also besser zu ihren Büchern passen. Aber das sind nur durch ihre Schweigsamkeit herausgeforderte Deutungsversuche. Öffentlich gesagt hat Fred Vargas einmal - doch auch das hilft nicht dabei, den Zauber ihrer Romane zu fassen -, dass sie sich nicht als Schriftstellerin sieht: Sie lese doch nur ihre Geschichten und versuche dabei, die "Musik" zu verbessern.

Musik steckt zweifellos in ihnen, auch wenn die Harmonien manchmal ungewohnt sind. Nehmen wir zum Beispiel Kommissar Adamsberg. Seine Ahnenlinie reicht zwar zurück bis zum Einzelgänger-Prototypen Sherlock Holmes, aber im jüngsten Vargas-Krimi "Der verbotene Ort" erlebt ihn die Leserin erst einmal bügelnd - die Schulterpasse ausstreichend und die Knöpfe umschiffend. Trotz einer so bodenständigen Tätigkeit hat Vargas' Kommissar den Kopf oft in den Wolken. Er ist unfähig, fremde Sprachen zu lernen. Er merkt sich keine Namen. Er weiß, nachdem er einer gebärenden Katze geholfen hat, nachher nicht zu sagen, was für eine Farbe das Tier hatte. Und seinen Mitarbeitern ist meist rätselhaft, was er sagt und will. Doch wenn's drauf ankommt, versteht Adamsberg eben, was die Menschen - sprich: die Verbrecher - antreibt.

So wie Joanne Rowling den britischen Internatsroman variierte und erneuerte, indem sie den Paukern einen Zauberstab in die Hand drückte, erneuert Fred Vargas den Mystery-Thriller (und ein wenig auch das Märchen), indem sie ihn auf sehr persönliche Art mit dem Polizeiroman verbindet, mit einem Ort sogar- dem Pariser Quai des Orfèvres -, an dem schon der nüchterne Kommissar Maigret sein Büro hatte.

In "Bei Einbruch der Nacht" hat es Adamsberg mit einem Werwolf zu tun, in "Fliehe weit und schnell" mit der Pest, in "Der verbotene Ort" nun mit Vampiren. Scheinbar. Denn das eben sind Kniff und Kunst der Wissenschaftlerin Vargas, die offenbar in umfassendem Sinn eine Gelehrte ist: Für alle Vorkommnisse, die so alte Ängste wachrufen, dass die betroffenen Menschen Zuflucht suchen zum Aberglauben, gibt es in diesen Romanen natürliche, gänzlich irdische und im Detail penible Erklärungen.

Und man möchte sie wissen, unbedingt. Die Leserin wird also einerseits von ihrer Neugier durch jeden neuen Vargas-Roman getrieben. Andererseits festgehalten und umgarnt von poetischen Spintisierereien. Fasziniert von diesem Vargas-Blick, der immer ein wenig schräg auf die Welt fällt. Der kleinste Marotten und Seltsamkeiten entdeckt. Der auf den Straßen von Paris oder anderswo das Typische ebenso wie das Außergewöhnliche zielsicher aufspießt, als wäre die Autorin auch noch Insektenkundlerin. Der den bügelnden Kommissar in einem Satz mit leiser Ironie auf den blutigen Boden holt, im nächsten seine Gedanken-Leinen löst. Auf dass er, träumend und schlendernd, für uns den Rätselknoten löst.

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