Lade Inhalte...

Frauenrechtlerin Anneke Baumeister Oithono

Mathilde Franziska Anneke, frühe Frauenrechtlerin, Demokratin, alleinerziehende Mutter, hat ein einziges Theaterstück geschrieben. Ihre Kollegin Annette von Droste-Hülshoff fand „Oithono oder Die Tempelweihe“ bei der münsterschen Uraufführung 1842 erbärmlich. Lange blieb der Text verschollen. Die Geschichte einer Recherche.

22.04.2015 16:55
Von Enno Stahl
Mathilde Franziska Anneke (1817-1884). Foto: ?Der Märker?, 1840

Annette von Droste-Hülshoff war nicht amüsiert: „Die Tabouillot hat neulich ein Stück auf die Bühne gebracht, (…) es soll über alle Beschreibung erbärmlich gewesen seyn (…) Das Haus füllte sich zum Ersticken, – ihre besten Freunde nahmen hinter dem armen Schafskopf Platz, und wurden fast ohnmächtig vor Entzücken … .“

Wen die Droste hier mit geradezu Heine’scher Bosheit beschrieb, war niemand anderes als Mathilde Franziska Anneke, damals noch „Giesler verheiratet gewesene Tabouillot“. Und ihr hämischer Kommentar galt deren erstem und einzigem Theaterstück „Oithono oder Die Tempelweihe“, das am 25. November 1842 in Münster uraufgeführt wurde.

Annette als wohlsituierte Aristokratin hatte leicht spotten über eine Frau, die aus damaliger Sicht ein Sakrileg begangen hatte: Mathilde Franziska war der Ehe mit dem gewalttätigen Weinhändler v. Tabouillot durch Scheidung entflohen und hatte sich so der sozialen Ächtung ausgesetzt. Das Schreiben war für sie die einzige Möglichkeit, sich und ihre Tochter durchzubringen.

Gerade der Ausschluss aus der guten Gesellschaft machte sie zu dem, was sie nach ihrer neuerlichen Verheiratung mit dem Radikaldemokraten Fritz Anneke wurde, nämlich eine frühe Verfechterin weiblicher Emanzipation in Deutschland. Mit „Das Weib in Conflict mit den socialen Verhältnissen“ (1846/47) veröffentlichte sie das vielleicht erste Manifest der deutschen Frauenbewegung.

Es folgte die Herausgabe der „Neuen Kölnischen Zeitung“ 1848 und die aktive Beteiligung an der Reichsverfassungskampagne als Ordonnanzoffizierin, erst kurz vor dem Fall der Festung Rastatt floh sie ins US-amerikanische Exil. Auch in der neuen Heimat blieb Mathilde Franziska Anneke politisch aktiv, als prominente Frauenrechtlerin und entschiedene Gegnerin der Sklaverei.

Eine engagierte Autorin

All dies schien Grund genug, ein Lesebuch herauszugeben, das einen Querschnitt durch das literarische und publizistische Wirken dieser engagierten Autorin präsentiert. Alle Genres, derer sich Anneke befleißigt hatte, sollten darin Berücksichtung finden – doch just besagtes Theaterstück „Oithono“ wurde zum Problem. Nirgendwo fand sich eine Spur des Dramas, das 1844 beim Weseler Verlag Ch. Rönne gedruckt worden war. Zweijährige Recherchen weltweit, in Archiven und Bibliotheken, blieben ergebnislos.

Im Nachlass Fritz und Mathilde Franziska Anneke, der im Archiv der State Historical Society of Wisconsin bewahrt wird, war das letzte Exemplar bei einem Teilverlust der Bibliothek vor Jahrzehnten verloren gegangen, über eine deutsche Handschrift war nichts bekannt. Einzig eine Übertragung ins Englische, besorgt von Fred Townsend 1873, lag dort vor. Es gab also keine Alternative unbefriedigenden Entscheidung, einen Auszug daraus zu publizieren, versehen mit einer „Rückübersetzung“, um so wenigstens einen Eindruck von dem ominösen Stück zu vermitteln.

Da tat sich eine neue Fährte auf, die amerikanische Germanistin Maria Wagner hatte in einer unscheinbaren Fußnote ihrer Anneke-Biographie von 1984 angemerkt, dass die Anneke-Nachfahren Hildegard Blackwell und Ingeborg Smith ihr Einsicht in ein deutschsprachiges Typoskript des Stücks gewährt hätten. War es nicht sehr wahrscheinlich, dass Wagner irgendeine Kopie des seit mehr als hundert Jahren verschollenen Theatertextes angefertigt hatte? Doch Wagner, Ex-Professorin des Rutgers College, hatte bereits 1944 promoviert, falls sie überhaupt noch leben sollte, wie wäre sie in der kurzen Zeit bis zur Drucklegung zu erreichen? Hildegard Blackwell war anscheinend vor einigen Jahren in England verstorben, eine Ingeborg „Smith“ in den USA aufzutreiben, erschien aussichtslos.

Ein magischer Zufall

Doch nun kam es zu einem dieser magischen Zufälle, die das Leben so reichhaltig und schön machen: Ein letztes Mal nach der Inventarbeschreibung des Anneke-Nachlasses googlend, eigentlich ohne Aussicht auf neue Erkenntnisse, wurde plötzlich ein ganz anderer Bestand ausgeworfen: „Maria Wagner Anneke Research Papers“. Die Forscherin hatte ihre Recherchematerialien also ebenfalls im Archiv der Wisconson Historical Society deponiert. Darin fanden sich zur großen Überraschung aller Beteiligten zwei deutschsprachige Textvarianten des verlorenen Stücks, die Kopie eines Originalmanuskripts in Korrentschrift und eine typografische Transkription.

Wie ein Brief Ingeborg Smiths von 1978 belegt, erhielt Wagner beides von ihr. Dass Anneke selbst die Schreiberin des Autographs gewesen sein könnte, ist zwar nicht auszuschließen, aber fraglich. Die Handschrift ähnelt der einiger Anneke-Briefe, weist indes gewisse Eigenheiten auf, die sich unterscheiden.

Ein gar nicht so schlechtes Stück

Nun zeigte sich: Das Stück ist beileibe nicht so schlecht, wie Annette von Droste-Hülshoff es gemacht hat. Es handelt sich um ein klassisches Künstlerdrama, Anleihen bei Goethes „Tasso“ und Grillparzers „Der Traum ein Leben“ sind augenfällig: Der Baumeister Oithono erschafft in Jahren der Entbehrung eine Kathedrale, deren Statik durch das intrigante Wirken von Neidern kurz vor der Einweihung ruiniert wird. Oithono verschwindet gebrochen in der Einsiedelei, kehrt schließlich krank und halluzinierend in die Stadt zurück, rechtzeitig um noch die späte Einsegnung des Domes zu erleben. Sein Schüler Bardello hat die Sabotageakte aufgedeckt, das Gebäude wieder stabilisiert, die Widersacher sind ihrer gerechten Strafe zugeführt worden. Erlöst verscheidet Oithono auf den Stufen des Gotteshauses.

Sicher ist die Sprache pathetisch – die Edlen reden in Reimen, die Schurken in Prosa –, doch darin unterscheidet Annekes „Oithono“ sich nicht allzu sehr von Stücken berühmterer männlicher Kollegen ihrer Zeit. Dramaturgie und Durchführung dagegen sind recht stringent, generell verdient es der Text zumindest, wahrgenommen zu werden.

Denn dass es zwar viele Theaterautorinnen im 18. und 19. Jahrhundert gab, ihre Namen und Dramen jedoch – möglicher Weise zu Unrecht – weithin vergessen sind, hat die Forschung längst herausgearbeitet, ohne damit an dem Faktum etwas zu ändern.

Wie ist dieser Fund also einzuschätzen? Ein gewisses Gewicht besitzt die Kenntnis des Stücks für die Droste-Forschung, so kann das Urteil der Dichterin vielleicht besser eingeschätzt werden. Anneke war nämlich nicht die einzige Autorin, die ein solch gnadenloses Verdikt ereilte. Für Mathilde Franziska Annekes Werkkontext, der an längeren belletristischen Texten lediglich einen Roman und mehrere Feuilletonnovellen aufweist, ist das Drama ein wichtiger Baustein. Auch wenn ihre politische Publizistik das Stück wohl an Bedeutung überragt, gibt es keinen Anlass, „Oithono“ der Öffentlichkeit vorzuenthalten.

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum