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Französische Literatur Liebe und großes Leid

Claire Gondors dunkel-dramatischer Debütroman „Ein Kleid aus Tinte und Papier“.

Claire Gondor
Claire Gondor. Foto: Heloise Jouanard

Eine „wunderschöne, sinnliche Liebesgeschichte“ verspricht die Verlagswerbung für diesen bemerkenswerten Debütroman. Doch die Schönheit ist von etwas Dunklem und Dramatischem durchzogen, spürbar schon auf den ersten Seiten. Die Französin Claire Gondor malt darauf eine Landschaft mit purpurroten Bäumen, die unter einem transparenten Himmel flackern. Ein Kanal, ein leerstehendes Haus, wilder Wein breitet seine blutroten Hände über leichenblasse Mauern aus. Ein Herbst, der in Flammen steht. Vor dieser Kulisse eine Braut, die Hauptfigur Leïla. Ihre Konturen und die Natur verschmelzen zu einer symmetrischen Komposition. Fast schon zu symmetrisch, findet der Fotograf, der von der jungen Frau das perfekte Foto schießen will. Später ist er dann doch sehr zufrieden mit dem Zusammenspiel von Feuer, Weiß und Schwarz auf dem Display.

Feuer, Weiß und Schwarz – diese Gegensätze sind Teil der Romankomposition. Sie erzeugen die Spannung: Man möchte das Buch schnell lesen. Und zugleich ganz langsam, um in seine berührenden Alltagsszenen und poetischen Sprachbilder einzutauchen.

Die Handlung beginnt im Sommer – Juli, Hitzewelle, schwerfällige Bewegungen in einer schwülen Wohnung. Leïla fühlt sich „tausend Jahre alt, als trüge sie in den Füßen und Oberschenkeln alle Verbrennungen der Vergangenheit“. Aber sie hat ein geheimes Vorhaben: Sie will ein Hochzeitskleid schneidern aus den Briefen von Dan, ihrem Verlobten. Sechsundfünfzig Liebesbotschaften gilt es zusammenzunähen. Es sind Briefe aus einem Land, in dem es noch viel heißer ist als in Paris, wo Leïla, Tochter afghanischer Einwanderer, lebt. Wie ein Flammenmeer stellt sie sich diese Gluthitze vor. Sie ist auf ihr Vorstellungsvermögen angewiesen, denn Dan hat kaum etwas Konkretes über sein Leben in der Ferne geschrieben. Nie hätte er ihre Liebesgeschichte mit blutigen Worten beschmutzt, heißt es im Roman.

Leïla näht nachts, im bernsteinfarbenen Licht der Schreibtischlampe, so wie früher ihre Mutter, der sie nach dem Abendessen beim Stopfen und Nähen zugesehen hat. Die Nacht ist für sie keine Zeit, sondern ein unermesslich weiter Raum, den sie füllen kann, wie sie will. Ein Raum wie für sie gemacht, „klein, aber grenzenlos“. Sie füllt ihn mit den Erinnerungsbildern, die Dans Briefe in ihr aufsteigen lassen – Bilder, die in ihrem Kopf etwas Traumhaftes bekommen, „ungeheuerlich und zauberhaft zugleich“. Die grünen Augen des Geliebten beispielsweise, in denen sich Wasser spiegelt. Oder sein Geruch: ein Himmel aus Milch, ein Garten mit raschelnden Gewürzpflanzen.

Unter die Erinnerungen an Dan mischen sich andere – an Familientreffen etwa, bei denen Loblieder auf die verlassene Heimat Afghanistan gesungen wurden: „Jedes Jahr wurden die Äpfel aus Kabul süßer und der Himmel blauer.“ Über die Zeit unmittelbar vor dem Exil jedoch wurde meist geschwiegen. Das ändert sich im Verlauf des Romans ein wenig – einmal erzählt Leïlas Tante von einem Teppichhändler, der von den Taliban gefoltert wurde. Und man begreift langsam: Der Raum, in dem Leïla das Kleid näht, verloren zwischen Traum und Wirklichkeit, reicht bis zu den Bomben und Ruinen Kabuls. Und bis in ein anderes Krisengebiet: den Sudan, das Land von Dans Auslandseinsatz.

Welche Farbe wird Leïla, wenn sie alle Erinnerungen durchlebt hat, der Vergangenheit geben? Schwarz oder Weiß? Noch einmal treffen wir sie an dem Kanal, an dem das Fotoshooting stattgefunden hat – eine „Frau aus Fleisch und Papier“ in einem taghellen, nachtdunklen, schneeweißen, rußschwarzen Kleid.

Es ist die Kunst von Claire Gondor, die Spannung zwischen den Polen Glück und Leid bis zum letzten Moment aufrechtzuerhalten.

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