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Franzen in Frankfurt Der Umgängliche

Jonathan Franzen ist ein friedfertiger Komiker. Bei seiner Lesung im Frankfurter Schauspielhaus zeigt er sich als routinierter Meister der Koketterie und der Kunstpause. Einen Moderator will er nicht, einen Übersetzer braucht er nicht.

Jonathan Franzen: Seit seiner Zeit in Berlin Anfang der achtziger Jahre spricht er sehr gut Deutsch.

Zwar taucht in Georg Kleins Erzählungsband „Die Logik der Süße“ Minuten vor der Veranstaltung ausgerechnet der Satz auf: „Wer von uns weiß schon, was im Gemüt amerikanischer Kerle wirklich vor sich geht?“ Dennoch ist Jonathan Franzen der netteste Amerikaner von nebenan. Er ist zugleich ein weltberühmter Autor. Aus dieser Mischung, die stärker prickelt, als man sich jetzt beim Lesen vielleicht vorstellen kann, macht der 51-Jährige noch mehr als erwartet.

Jonathan Franzen ist ein friedfertiger Komiker. Seinen neuen Roman „Freiheit“ nimmt er aus der dafür extra noch einmal auf den Schoß gestellten Tasche, wie Schüler ihr Mathebuch herausziehen. Oder Zauberer, die Tiefstapelei mögen, das erste Dutzend weißer Tauben. Er ist so lässig, dass er seine etwaige Verlegenheit ins Zentrum seines Alleinunterhaltungsprogramms schiebt. Im Studium tauchten solche Amerikaner als Austauschstudenten auf: Unseren Nachfahren werden wir davon erzählen, ebenso wie die Eltern damals über die sich in den Hüften wiegenden Besatzer sprachen, die ihnen grinsend ein Kaugummi schenkten.

Franzen spricht unterdessen darüber, wie müde er ist. Die 90 Minuten aber, die wir mit ihm haben, darf sich jeder angelächelt und angesprochen fühlen. Das Frankfurter Schauspielhaus, mit dem das Literaturhaus für die Großlesungen im Zuge der Buchmesse seit Jahren zusammenarbeitet, ist seit Wochen ausverkauft. Später, als Franzen es noch einmal nett findet, dass so viele gekommen sind, sagt er: „Es ist doch kein Film. Es ist ein Roman.“ Einen Moderator will er nicht, einen Übersetzer braucht er nicht. Seit seiner Zeit in Berlin Anfang der achtziger Jahre spricht er sehr gut Deutsch.

Während er auf seine zu erwartenden Fehler hinweist, zeigt er sich als routinierter Meister der Koketterie und der Kunstpause. Er liest dann aus dem zweiten Kapitel, es geht um die jugendliche Sportlerin Patty, deren Vergewaltigung von den Eltern zwar entsetzt zur Kenntnis genommen, dann aber doch lieber übergangen wird. Die Eltern des Vergewaltigers sind demokratische Parteifreunde. „Du hättest nur zu schreien brauchen, dann wäre dir nichts passiert“, sagt ihr Vater. Franzen liest das mit milder Untertreibung und zugleich Freude an der Stimmenvielfalt vor.

Er stolpert über die Aussprache von Wörtern wie „umgänglich“, „herzog“, „Fazit“. Das lenkt aber die Aufmerksamkeit mehr auf die Schönheit und Rätselhaftigkeit von Sprache, als dass es ablenkt.

Franzen ist also sehr müde, aber ein paar Fragen dürfen wir stellen. Zum Beispiel: Ist erst die Situation da oder der Charakter? Der Charakter. Fünf Jahre, sagt Franzen, habe Patty, die Sportlerin, in der Schublade gelegen, bis andere Figuren dazukamen. Oder: Warum reist er nicht mehr mit professionellem Vorleser? Nun, sagt Franzen, schon bei „Unruhezone“ sei es ihm „einigermaßen gelungen, ein Publikum zu unterhalten“. Es komme ihm komisch vor, als Autor zu schweigen: „Ich bin in Deutschland, um zu arbeiten.“ Findet er es bedauerlich, dass wieder kein US-Amerikaner den Literaturnobelpreis bekommen hat? Er sei sehr froh über die Wahl von Mario Vargas Llosa, erklärt Franzen. Dass der Peruaner „nicht sooo politisch korrekt“ sei, scheine ihm zudem ein Fortschritt: „dass es wieder mehr um Literatur geht und weniger um Politik.“

Am Ende joggt er von der Bühne. Er hat noch viel zu tun. Auch für das Publikum wird es nun richtig anstrengend. Nicht alle Zuschauer, aber sagen wir mal: 650 von ihnen bemühen sich, im Foyer des Schauspiels eine Schlange zu formen, um sich Bücher signieren zu lassen. Ein Ding der Unmöglichkeit.

Jonathan Franzen auf Lesereise: 11.10. München, 12.10. Köln, 13.10. Hamburg, 14.10. Leipzig, 16./17.10. Berlin.

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