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Franz Dobler "Ein Bulle im Zug" Der Kommissar fährt rum

Franz Doblers Polizisten-Psychotrip „Ein Bulle im Zug“. Mit einer ungewöhnlichen Hauptfigur geht der Leser auf Verbrecherjagd.

Wirkt planmäßiger, als es ist: Auf Schienenwegen mit Franz Dobler. Foto: Alex Kraus

Franz Dobler:Robert Fallner hat Probleme. Die versucht er im Roman „Ein Bulle im Zug“ von Franz Dobler in den Griff zu bekommen. Der Leser wünscht ihm, dass das gelingt, aber eigentlich will man mit Fallner nichts zu tun haben, denn ein sympathischer Mensch ist er nicht. Eigentlich ist er alles andere als das.

Kommissar Fallners größtes Problem ist der libanesische Junge in seinem Kopf. Er besucht ihn regelmäßig, um ihn zu beschimpfen und zu verhöhnen. Ursprünglich befand sich der Junge nicht im Kopf des Polizisten, sondern in unübersichtlicher Situation in einer Wohnung. Die Polizei wird dorthin gerufen, Fallner und sein Kollege sind zufällig in der Nähe, die unübersichtliche Situation eskaliert und endet damit, dass der junge Libanese an drei Kugeln stirbt, die ihm Fallner in die Brust schießt. Ob der Tote zuvor selbst eine Pistole in der Hand hatte, ob es also Notwehr war oder nicht, das ist hier die Frage.

Der Antwort nähern sich der bayerische Autor und sein Münchner Ermittler einerseits zögernd, andererseits derb. Fallner ist nicht der zimperliche Typ, er mag keine halben Sachen, sein Wesen ist eher ungehobelt. Aber das Ding mit dem toten Jungen hat ihn völlig aus der Bahn geworfen – beziehungsweise in die Bahn. Wochenlang beobachtet der suspendierte Bulle die Züge, die in die Stadt rollen. Er nennt den ICE den weißen Hai, in seiner Tasche wartet eine Bahncard 100 darauf, dass er endlich einsteigt und losfährt, irgendwohin, ohne Ziel, einer besseren Zukunft entgegen.

Diverse Erzählstränge

Bevor die Therapie im Zug beginnen kann, ist Fallner aber schon längst auf einem Trip. Verwirrt, übergeschnappt, versucht er seine Vergangenheit zu bewältigen. Die Gespräche mit der Therapeutin führen nicht weiter. Es gibt viel Rahmenhandlung im groben Milieu. Mitunter blitzt kurz so etwas wie eine Perspektive für einen Krimi-Plot auf. Aber auf der nächsten Seite wird schon wieder weiterfantasiert.

Franz Dobler, 1959 geboren, Schriftsteller, Disc-Jockey, Musikfachmann, schreibt seit vielen Jahren Geschichten, Bücher, Theaterstücke. Er ist nicht direkt als Krimi-Autor bekannt, und auch „Ein Bulle im Zug“ ist nicht direkt ein Krimi. Was ist es sonst? Ein Psychogramm, ein abgedrehtes Rail-Movie, rauer Kerl kriegt Psycho-Krise. Ein Polizist, der sich mit Punk und HipHop auskennt, reist durch die Lande, geht dabei erstaunlich offen mit seiner Identität als Cop um, mischt sich überall ein und zeigt bei jeder sich bietenden Gelegenheit wildfremden Leuten unaufgefordert seinen Dienstausweis.

Die diversen Erzählstränge zucken durcheinander. Dobler spielt mit der Sprache, besonders mit der Sprache der Eisenbahn. Der ICE hebt ab, der ICE läuft ein – der Zug schießt „zwischen den ekelhaften Phobien Agoraphobie und Klaustrophobie hindurch und macht beide erträglich“. Das Reisen im Zug, das der traumatisierte Polizist für sich entdeckt: Es ist eine Lösung für jene, die „den Blick in die Weite mögen – aber nicht in der Weite draußen sein mögen“, beschreibt Franz Dobler. „Die Weite nur mögen, das heißt, ihren Anblick ertragen können, wenn man sich in einem relativ kleinen Raum befindet, der in Bewegung ist und durch die Weite fährt. Damit sie dich nicht verschlingen kann.“

Eine der schönsten Szenen ist die Bordrestaurant-Szene, als der schräge Kommissar im Zug einen alten Mann trifft, der mit seiner Kartoffelsuppe unzufrieden ist. „Man bestellt sich etwas, das einem auf der Karte gefallen hat“, sagt der alte Mann, „und wenn es dann da ist, will man es nicht mehr.“ Und zur besseren Einordnung: „Ich bin im Grunde kein komplizierter Nahrungsmensch, falls Sie das vermuten.“

„Ein Bulle im Zug“ ist insoweit ein Krimi, als es einen Fall und eine Auflösung gibt. Dieses Buch ist aber auch speziell ein Buch für Leser, die es nicht abstößt, wenn ständig neue umgangssprachliche Bezeichnungen für männliche und weibliche Geschlechtsorgane auftauchen und für das, was man damit macht. Das wollen wir mal nicht verschweigen.

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