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Frankfurter Poetikvorlesung Peter Alexander kennen

Daniel Kehlmann eröffnet seine Frankfurter Poetikdozentur am Dienstagabend brillant und verknüpft Peter Alexander mit Ingeborg Bachmann, Fritz Bauer und der längst schon wieder verdrängten Verdrängung der Nachkriegsjahre.

Daniel Kehlmann. Foto: dpa

Man kann sich im Nachhinein lebhaft vorstellen, findet es auf einmal sogar selbstverständlich, dass Daniel Kehlmann sich sehr genau überlegt, mit welchem Satz er eine Poetikvorlesung eröffnet. Er ist zu folgendem Ergebnis gekommen. „In jedem Film mit Peter Alexander gibt es eine Musikeinlage für junge Leute.“ So dass niemand mehr darüber nachdenken muss, ob es richtig war hierherzukommen. Offensichtlich war es richtig und will nun jeder vernünftige Menschen wissen, wie es weiter geht.

Die Hölle eines Peter-Alexander-Films

Es geht weiter mit einem unerwartet ungemütlichen, allerdings auch sehr brillanten Schlag gegen Peter Alexander und gegen das Verdrängen der NS-Zeit in den Nachkriegsjahren. Weil das Verdrängen offenbar genau das ist, gegen das der Poet angeht: Er liest, er schaut, er denkt, er schreibt. Auch hat sich Daniel Kehlmann zur Vorbereitung offensichtlich erneut mehrere Peter-Alexander-Filme angesehen.

Das bringt ihn in Fahrt und das Publikum bringt es zum Lachen, obwohl entsetzlich ist, was er zutage bringt: Dass die Nachkriegsfilme mit Peter Alexander – und Peter Alexander wird zwar glanzvoll demontiert, nein, zerstückelt von dem Redner und Beobachter Kehlmann, aber er meint  alle deutschen Nachkriegsfilme mit Musikeinlagen für junge Leute –, dass sie also heute noch schauerlicher anzusehen seien als ein Nazipropagandafilm. Dass im Nazipropagandafilm geschwiegen und verdrängt werde, dass in den deutschen Nachkriegsfilm dieses Verdrängen aber „aktiv eingeht“ und erst hier eine „Fratze des Wahnsinns“ sichtbar werde.

Von Peter Alexander aus, von dem der 1975 geborene Kehlmann als Achtjähriger bei einer zufälligen Begegnung auf der Straße ein AUTOGRAMM erbat und bekam, wob er nun ein fabelhaftes Netz: anekdotenreich und belesen und aus Bezügen zu Ingeborg Bachmann, Fritz Bauer, W. G. Sebald, Goethe/Büchner, zur Gruppe 47, der man für berechtigte scharfe Kritik doch wieder Abbitte leiste, sobald man einen Peter-Alexander-Film angeschaut habe. Das Netz war damit geknüpft wie ein Kehlmann-Roman, leicht und abgründig und immer zu interessant, um zu klug zu sein.

Es kam ihm dabei zupass, dass just im Jahr, da Peter Alexanders Film „Peter schießt den Vogel ab“ entstand, Bachmann die allererste Frankfurter Poetikvorlesung hielt, die älteste in Deutschland. Und dass ebenfalls 1959 der Jurrist Fritz Bauer die Weichen für den nachher in Frankfurt stattfindenden Auschwitz-Prozess stellen konnte.

„Schändliche Einträchtigkeit“

Ingeborg Bachmann sprach in Frankfurt und anderswo auch genau über die Verdrängung, mit der die Täter recht ungeniert weitermachten, während die Opfer mit ihnen auskommen mussten. In „schändlicher Einträchtigkeit“, wie es in der von Kehlmann äußerst sorgfältig vorgestellten Bachmann-Erzählung „Unter Mördern und Irren“ heißt. Fritz Bauer sprach in Frankfurt und anderswo lieber nicht darüber, dass er Jude und heimgekehrter Emigrant war (die deutsche Presse merkte es trotzdem und haute es ihm um die Ohren). Aber er sagte und Kehlmann zitierte ihn: Wenn er sein Dienstzimmer verlasse, betrete er Feindesland. Kehlmann fiel auch auf, dass ausgerechnet Géza von Cziffra, Autor liebevoller Erinnerungen an den jüdischen Emigranten Joseph Roth, für Buch und Regie des Kehlmann zufolge letztlich höllischen Filmes „Peter schießt den Vogel ab“ zuständig war.

Mit Poetikdozentin Bachmann, der es gefiel, dass Shakespeare Böhmen ans Meer verlegt hatte (während es Shakespeare vielleicht einfach nur egal war, wie Kehlmann zu Recht anmerkte), interessierten ihn schließlich die Orte der Dichter. Mittelerde, Macondo oder eben „Illyrien“, dem Spielort von „Was ihr wollt“, nach dem er auch seine erste Vorlesung benannte.

Insgesamt heißt sie „Kommt, Geister“, nach „Macbeth“ aus einem für Normalsterbliche wenig wünschenswerten Zusammenhang. Dem Schriftsteller stellt es sich anders dar. Und er sagt uns, was wir vergessen haben oder was vor unserer Nase ist, ohne dass wir es bemerken. Die letzten Worte überließ er Georg Kreislers bösem, ebenfalls federleichten Lied „Der Weg zur Arbeit“.

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