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Frankfurter Poetikvorlesung Bis man anfängt zu schreiben

Silke Scheuermann denkt über Zebras, Zwielicht und Literatur nach.

Silke Scheuermann
Silke Scheuermann. Foto: Andreas Arnold

Von einem noblen Scheitern berichtete Silke Scheuermann zum Beginn des Endes ihrer Frankfurter Poetikvorlesung. Denn ihren Versuch, aus einer Tierperspektive zu erzählen, habe sie einstellen müssen. Als Vorbilder nannte sie: Richard Adams’ „Unten am Fluss“ (1972) und John A. Bakers „Der Wanderfalke“ (1967), eher düstere Annäherungen an unniedliche Tierwelten, die Scheuermann auch sprachlich beeindruckten – das dezent auftretende Kaninchisch bei Adams, die immer befremdlichere, sich vom Boden der vertrauten Dinge quasi abhebende Wortwahl bei Baker. Es sei ihr, betonte Scheuermann, nicht darum gegangen, den Menschen als Tier zu zeigen oder dem Menschen durch den Blick eines Tieres etwas über sich zu erzählen. Vom Menschen weg habe sie gewollt. Es ging nicht.

Als Problem nannte sie: Alles was sie versucht habe, sei entweder unverständlich oder albern oder beides gewesen. Erstaunt habe sie: So viel wisse man heute über die Tierwelt – wie das Hirn eines Dachses auf den Geruch einer Nacktschnecke reagiere –, so viele Details, so viele Zusammenhänge, und doch sei es praktisch unmöglich, die menschliche Perspektive zu verlassen. Hier sprach sie also ein überwältigendes Problem an, nämlich die Frage, wie – und wann – sich neue wissenschaftliche Erkenntnisse in Literatur bringen lassen. Und ob (s. Baker und Adams) neue Erkenntnisse der Literatur überhaupt immer behilflich sein, sie voranbringen können.

Man kann aber nicht sagen, dass Silke Scheuermanns Poetikvorlesung theoretisch orientiert gewesen wäre. Also packte sie ihre Unterlagen mit dem Material zur Tierforschung ärgerlich in einen Umzugskarton und ging mit ihrem Hund spazieren. Auch die Vorlesung „Zwielicht. Träumen Zebras von karierten Löwen?“ – stilvoll im gestreiften Kleid abgehalten – entwickelte sich zur Erzählung einer Nacht. Dass es eine Offenbacher Nacht war, machte sie hell genug, um als Zwielicht zu gelten, dazu tummelten sich zwielichtige Gestalten am Mathildenplatz. Scheuermann, als Studentin aus dem Dorf in die Stadt gekommen, weiß, dass Nächte in echt so dunkel sind, wie es sich der Städter nicht vorstellen kann. Auch diesmal war es eine beiläufig mitgehörte Kneipenunterhaltung – warum haben Zebras Streifen? –, die ihre Überlegungen in Gang setzte. So auffallend sie sind, erklärte sie, so sei doch das Streifenmuster durchaus eine Tarnmöglichkeit. Eine Tarnung in der verschwimmend gemusterten Menge. Aber ein Zebra in der Stadt würde doch auffallen? Kaum, meinte sie, in einer Gegend, in der Autos still in Flammen aufgingen und tiefgefrorene Puten auf der Straße lägen.

Und während sie davon erzählte und mit ihrem Hund in die ewig dämmrige Offenbacher Nacht spazierte und über Zebras nachdachte, löste sich das Vertraute im Halbweltlichen langsam auf. Und es war gar nicht detailliert und kompliziert. Und nach halb 2 konnte Silke Scheuermann anfangen zu schreiben und las zwei Stücke davon vor, Zwitter zwischen Prosa und Gedicht – „Die Möwe“ und „Der Hund“. Und es war weder unverständlich noch albern noch beides. So entsteht also Literatur.

Der Band zur Vorlesung „Gerade noch dunkel genug“ erscheint bei Schöffling, wurde aber nicht wie angekündigt zum Ende der Vorlesung fertig. Er ist jetzt für Mai angekündigt.

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