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Frankfurter Lyriktage Heimat, dieser Lückentext

Das „Jahrbuch der Lyrik“ zeigt bei der Vorstellung im Hessischen Literaturforum eine erhebliche Vielfalt.

W ie verändert sich die Gegenwart? Gibt es neue Weisen, den Wandel in Sprache zu fassen? Der Ort, an dem in seltener Vielfalt neue Wortklänge und -bilder zusammengeführt werden, ist das „Jahrbuch der Lyrik“, das jetzt zum ersten Mal im Frankfurter Schöffling-Verlag erschienen ist. Hier werden ohne strenge Formvorgaben zeitgenössische lyrische Kompositionen sichtbar. Das aktuelle Werk, das quasi druckfrisch während der Frankfurter Lyriktage im Hessischen Literaturforum vorgestellt wurde, enthält auf 231 Seiten eine komplexe Auswahl aus 600 Einsendungen.

Der Band umfasst Werke unterschiedlicher Generationen und Stilrichtungen, darunter sind auch Gedichte, die nur als Farbdruck oder Typoskript wiedergegeben werden können. Hierzu zählen beispielsweise die handschriftlich um ganze Verszeilen erweiterten Gedichte von Paulus Böhmer, Arbeiten Friederike Mayröckers oder auch ein Werk des Lyrikers Thomas Havlik, das ganz ohne Worte auskommt.

Solcher Art Dichtkunst kann nicht durch Vorlesen erschlossen werden. Mit Hilfe eines Beamers zeigte darum Ulrike Almut Sandig, die diesmal zusammen mit Christoph Buchwald das Jahrbuch herausgegeben hat, die bildnerische Arbeit Havliks. Sein Gedicht „Sprachkurse“ basiert auf Zeichen, die zum Teil in Notenlinien eingefügt sind. Es fehlt ihnen der unmittelbar sinngebende, semantische Bezug. Trotzdem wirken die in vier Abschnitte eingeteilten Zeichen wie konventionell geformte Verse. Sie verweisen auf den Irrglauben, dass semantisch lesbare Gedichte immer spontan verständlich sind. Der „Leser“ muss sich, so Ulrike Almut Sandig, von der Bildlichkeit tragen lassen und bereit sein, das Werk auf andere Art zu lesen.

Immer wieder führen zeitgenössische lyrische Werke an Grenzbereiche von Philosophie, Kunst, Musik und Technik heran. Im Literaturbüro anwesend war Judith Hennemann, die aus ihrem Debütband „Bauplan für etwas anderes“ vortrug. Sie hat beispielsweise ein Gedicht auf der Grundlage von Softwarefehlern erstellt und nimmt auch zu politischen Themen Stellung. „Heimat“ bezeichnet sie in ihrem Gedicht „Es ist so weit“ als „Lückentext“ und fordert: „Ich will dieses Spekulationsobjekt endlich von Menschen erobert sehen.“

Jan Kuhlbrodt, ebenfalls zu Gast im Mousonturm, blickt in seinem Gedichtband „Kaiseralbum. Choräle und Kantaten“ zurück und in die Zukunft. Der aus Chemnitz kommende und in Leipzig lebende Historiker und Philosoph will in seinen Werken die Zeitphase von der Schöpfung bis zur Apokalypse in den Blick rücken. „An Geschichte muss man zwar scheitern“, meint er, „scheitern aber macht Spaß.“

Frankfurter Lyriktage: bis 1. Juli.
www.frankfurter-lyriktage.de

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