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Frankfurter Literaturhaus Zu 84,9 Prozent über die Liebe

Und alle singen mit: Rainer Moritz’ Vortrag zum Schlager im Frankfurter Literaturhaus.

Der Mann ist ein Entertainer. Sein Vortrag ist kabarettistisch, gerne reißt er Witzchen und kommt auch mal vom Hundertsten in Tausendste. Ganz ohne ironische Distanz geht es wohl nicht, wenn man sich mit dem deutschen Schlager beschäftigt. In seinem Bändchen „Schlager“, das in der Reihe „100 Seiten“ bei Reclam erschienen ist, spricht Rainer Moritz, Leiter des Hamburger Literaturhauses, Essayist und Literaturkritiker, von „einer Art Ekelfaszination“; zugleich bekundet er, dass „der geschichtlich interessierte Zeitgenosse an Peter Rubin und Cindy & Bert nicht achtlos vorbeigehen“ dürfe.

An diesem Abend im Frankfurter Literaturhaus, an dem er Teile seines Buches – überwiegend frei – vorträgt, sagt Moritz, dass der Schlager immer mit einer Erinnerung an die Kindheit verbunden sei. Das Publikum stammt fast ohne Ausnahme aus der Generation, der auch Moritz mit dem Jahrgang 1958 angehört und die die große Schlagerzeit der siebziger Jahre miterlebt hat. Bei den Musikbeispielen singt man textsicher im Chor.

Es ist natürlich äußerst amüsant, wenn der fröhliche Wissenschaftler Stilblüten vorstellt, etwa beim Thema Emanzipation „Heut Abend hab ich Kopfweh“ von Ireen Sheer aus dem Jahr 1991 mit den denkwürdigen Zeilen „Und heut’ Abend/hab’ ich Kopfweh/wenn Du sagst/komm doch mal her/Ich hab’ Migräne/weil ich mich sehne/Ich will geliebt sein/ich will mehr“. Anstatt aber auch ernstzunehmendere Belege für ein neues, emanzipatorisch selbstbewusstes Frauenbild etwa bei Gitte Haenning, Daliah Lavi und Vicky Leandros anzuführen, ist dem Pointenfreund ein wenig geistreicher Kalauer in Richtung eines angeblichen sexuellen Untertextes in „Oh, wann kommst Du?“ (Lavi) und „Dann kamst Du“ (Leandros) als Beitrag zum Thema Erotik im Schlager wichtiger. Ärgerlich.

Davon abgesehen jedoch gelingt dieser Plaudertasche fast schon en passant ein recht triftiger Abriss zur Kulturgeschichte des deutschen Schlagers der Nachkriegsjahrzehnte. Einer zitierten älteren Untersuchung nach handelt er zu 84,9 Prozent von der Liebe, ohne Unterschied in Ost und West. Einige weitere markante, oft mit der Liebe verknüpfte Motive sind die Seemanns- und Hafenmetaphorik mit der – voremanzipatorisch – in Ungewissheit treu wartenden Geliebten und der Sehnsucht nach der Ferne.

Prägend für die wissenschaftliche Rezeption des Schlagers – mit Nachwirkung bis heute – war selbstredend Adorno. Die Schlager, erklärte er in einem Vortrag, „rechnen mit Unmündigen; solchen, die des Ausdrucks ihrer Emotionen und Erfahrungen nicht mächtig sind“. Erstaunlich im Grunde, dass für ein solch populäres Thema das kleine Lesekabinett des Literaturhauses genügt – oder eben auch, siehe Adorno, nicht erstaunlich an einem solchen Ort.

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