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Frank Schätzing "Breaking News" Schreiben nach Zahlen

Viereinhalb Jahre Zeit nahm sich Frank Schätzing für seinen neuen, gut gemeinten Bestseller „Breaking News“. Mit einer üppigen Verschwörungsgeschichte rund um ein Komplott gegen Ariel Scharon verwischt die Trennlinie zwischen Fiktion und Tatsache.

Ariel Scharon ist in Frank Schätzings Roman der Ausgangspunkt für künstlerische Spekulationen. Foto: REUTERS

Viereinhalb Jahre nahm sich Frank Schätzing Zeit zwischen „Limit“ (1328 Seiten) und „Breaking News“ (966 Seiten). Vom Showdown auf dem Mond, im mörderischen Kampf um dortige Energiequellen, wechselte er in den Staub des Nahen Ostens und zu dessen leider nur zu irdischen politischen Dauerspannungen. Was im einen Roman der fliegende Wechsel zwischen Erd- und Mondschauplätzen war, ist nun das Verflechten eines politischen Thrillers mit einem Jahrzehnte israelischer Geschichte umspannenden Familienroman. Ähnlich bleiben sich der Erzählton und die Fülle an Details und Abschweifungen. Da hat einer gründlich recherchiert, er scheint auch keinen Zweifel zu haben, dass man ihm als Leser folgen will.

Beides, Familiengeschichte und Thriller, basiert nicht nur in hohem Maße auf tatsächlichen Ereignissen, sondern auch stark auf realen Personen. Schätzings erfundene Familie Kahn ist befreundet mit der Familie Scharon, schon die Kinder Arik (Ariel Scharon), Jehuda und Benjamin spielen zusammen; der Autor legt den Beginn der Freundschaft ins Jahr 1935. Und sie zerbricht erst, als Jehudas Sohn Uri nach einem besonders schrecklichen Militäreinsatz Selbstmord begeht. Es geht um das Massaker in den Flüchtlingslagern Sabra und Schatila, September 1982, als israelisches Militär zusah, wie libanesische Milizionäre palästinensische Flüchtlinge abschlachteten. Jehudas Frau spricht danach nicht mehr mit dem Politiker und „Kriegshelden“.

Zu viele Hintergrundberichte

Scharon, der Umstrittene, der nach Sabra und Schatila als Verteidigungsminister zurücktreten musste, aber ein Comeback bis zum Premierminister schaffte, ist das eigentliche Zentrum der Thrillerhandlung, obwohl man das erst nach mehr als der Hälfte des Buches merkt. Dem (fiktiven) Reporter Tom Hagen, Spezialist für heikle Geschichten in den Krisengebieten der Welt, fliegt der Ankauf zweier CDs mit geheimen Daten erst so richtig um die Ohren, als er die Story mit einer (wie er glaubt) dicken Lüge aufpeppt: Am Telefon raunt er von einem Anti-Scharon-Komplott – und weil es stimmt, scheucht er die Verschwörer auf. Die haben 2005 dafür gesorgt, dass der Politiker ins Koma fällt.

Ausdrücklich weist Schätzing darauf hin, dass die „Ereignisse auf den Seiten 880 bis 937“ seiner „freien Fantasie“ entspringen. Ganz unheikel ist seine Art der Vermischung von jüngster Geschichte (Scharon ist im Januar dieses Jahres gestorben) mit einer üppigen Verschwörungsgeschichte freilich nicht. Die Trennlinie zwischen Fiktion und Tatsache kann gar nicht immer scharf sein.

Dies scheint Schätzing bewusst gewesen zu sein. Er versucht das Problem, unglücklicherweise für seinen Roman, durch Ausführlichkeit und Ausgewogenheit zu lösen. Dauernd führen zwei oder mehr Personen lange politische Gespräche, erklären die Lage. Sie tun das „im Tonfall eines Dozenten“ und „paritätisch verteilt“, sie holen aus, wie sie das einem Freund gegenüber nie tun würden, auch wenn ihnen angeblich ein solcher gegenübersitzt. Lässt sich nicht schon wieder eine Erklärsituation herstellen, schaltet sich die auktoriale Stimme ein.

„1919, Pariser Friedenskonferenz“ beginnt dann ein Absatz. Oder die Geographie wird, ein ums andere Mal, beschrieben, obwohl im Buch doch vorne und hinten eine Landkarte abgebildet ist. Es ist, als versuche sich der Bestseller-Autor an einer Kreuzung zwischen Roman und Wikipedia-Einträgen zu „Staatsgründung“, „Sechstagekrieg“, „Besetzte Gebiete“, oder „Wasserknappheit“. Breaking News? Eher viele, zu viele Hintergrundberichte.

Verwirrung klein halten

Das gibt dem Roman eine äußerst zähe Konsistenz. Auf diesem Grund schwimmen dann wie wüste Inseln die Kriegs- und Action-Passagen. Teils sind sie durchaus berührend erzählt, teils ist Schätzings Sprache von unangemessener Lässig- und Schnoddrigkeit. Zahlreiche Kursivierungen und Großschreibungen geben einem zudem das Gefühl, dauernd angeschrien zu werden. Es muss stilistische Hilflosigkeit sein; sie setzt sich fort in abgedroschenen Bildern und Klischee-Beschreibungen emotionaler Ausnahmezustände. Wasser ist, na klar, kostbarer als Gold und Reporter Hagen „glaubt schier verrückt zu werden“, mehrfach. Wenn er nicht gerade Sex hat, dessen Beschreibung direkt aus einem Groschenroman kommen könnte.

So wie es das Malen nach Zahlen gibt, ist „Breaking News“ Schreiben nach Zahlen. Man merkt das Bemühen Schätzings, Abwechslung zu schaffen, gleichzeitig die Verwirrung klein zu halten, indem er Kapitel mit Jahreszahlen und Ortsangaben beginnen lässt – allein, es gibt nicht eine Figur, für die man sich interessieren würde. Weil eben – und das ist beim gewaltigen Umfang des Buches wirklich eine Kunst – alles an der Oberfläche bleibt, weil einem Geschehnisse, politische Positionen, Namen, Orte nur so durchs Hirn schwirren. Der Stakkato-Stil Schätzings hinterlässt einen Eindruck von Atemlosigkeit, einerseits. Andererseits kämpft man mit der Ödnis endlosen Geplappers.

Ach. Seit „Der Schwarm“ ist ein neuer Schätzing ein Selbstläufer, Kiepenheuer & Witsch hat gleich eine halbe Million Exemplare gedruckt. Aber bereits „Limit“ war, da gibt es kein Herumreden, ein schlechter Roman, und „Breaking News“ ist es auch. Minutiös recherchiert, schlampig geschrieben. Dass es im Zweifelsfall besser wäre, es wäre umgekehrt, vielleicht begreift das Frank Schätzing bis zu seinem nächsten Buch.

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