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Frank Nonnenmacher: Du hattest es besser als ich Zwei zerrissene Leben

Die Traumata des 20. Jahrhunderts: Der Frankfurter Didaktikprofessor Frank Nonnenmacher legt in seinem Buch "Du hattest es besser als ich" eine Doppelbiografie von Vater und Onkel vor. Zwei vom 20. Jahrhundert bitter gebeutelte Leben.

Der jüngere Bruder: Gustav Nonnenmacher. Foto: privat

Irgendwann sitzen die beiden ungleichen Brüder zusammen und werden sich nicht einig, wen von ihnen beiden das Schicksal härter getroffen hat. War es einfacher, einsam, aber einigermaßen versorgt in einem Waisenhaus groß zu werden – oder war es erträglicher, in größter materieller Bedrängnis, aber immerhin bei der Mutter aufzuwachsen? Die Konfrontation führt zu keinem befriedigenden Ergebnis, sie kann es nicht, zu unterschiedlich und traumatisch sind die Lebenswege, die da verhandelt werden. Zu lange hatten die Brüder keinerlei Kontakt. Und so enden die Gespräche, in denen mehr verschwiegen als ausgesprochen wird, stets mit derselben Klage, die sie gegeneinander erheben: „Du hattest es besser als ich!“

Es ist diese starke Schlüsselszene, die beim Lesen unmittelbar hängenbleibt und die dem Buch daher zu Recht als Titel dient. Frank Nonnenmacher, emeritierter Professor für Didaktik und Politische Bildung an der Frankfurter Goethe-Universität, hat mit „Du hattest es besser als ich – Zwei Brüder im 20. Jahrhundert“ eine lesenswerte Doppelbiographie seines Vaters, des Wormser Bildhauers Gustav Nonnenmacher, und seines Onkels Ernst Nonnenmacher vorgelegt.

Mit beiden Männern, Anfang des 20. Jahrhunderts unter schwierigen Bedingungen als uneheliche Kinder in Stuttgart aufgewachsen, hat der Autor narrative Interviews geführt, als Quellen konnte er zudem auf historische Dokumente, Briefe und Zeitzeugen zurückgreifen. Sein Material hat er zu einem biographischen Bericht verdichtet, in dem er versucht, Leben und Entwicklung beider Männer gerecht zu werden – und sie zugleich als Produkte gesellschaftlicher Verhältnisse, als Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts, konkret des Nationalsozialismus und des Holocaust zu lesen.

Es ist mehrfach zerrissenes Leben, von dem Frank Nonnenmacher in nüchterner, nicht immer eingängiger Prosa erzählt. Sein Vater Gustav, Jahrgang 1914, von der aus subproletarischem Milieu stammenden Mutter aus schierer Not zuerst in eine Pflegefamilie, dann in ein Waisenhaus gegeben, lernt aus Mangel an Alternativen den Beruf des Holzbildhauers. Er versucht gerade noch, mit seinem tief empfundenen Mangel an Zuwendung und Zugehörigkeit umzugehen, als der Krieg ihn als Pilot an die Front bringt.

Gustav, den der Autor als traumatisierten, naiv-unpolitischen Träumer porträtiert, wird zu einem hochdekorierten „Fliegerhelden“, bekommt im Laufe des Krieges immer stärkere Zweifel an Krieg und Nationalsozialismus und wird sich bis ins hohe Alter vorwerfen, dass er den Massenmord an den europäischen Juden all die Jahre nicht wahrnehmen wollte – ein Motiv für seine spätere Arbeit als pazifistisch orientierter Bildhauer.

Sein Bruder Ernst, Jahrgang 1908, bleibt bei seiner Mutter und gerät als junger Mann in ein halbkriminelles, kommunistisch geprägtes Milieu. In der Weimarer Zeit wandert er unstet umher, erlebt bitterste Armut. Er beteiligt sich in den dreißiger Jahren kurzzeitig an antifaschistischen Aktionen und wird 1941 als „Asozialer“ ins Konzentrationslager Flossenbürg und schließlich ins KZ Sachsenhausen verschleppt, wo er schwere Zwangsarbeit im Steinbruch leisten muss. Nur durch glückliche Umstände und die Hilfe klandestiner KPD-Strukturen überlebt er die systematischen Misshandlungen und Erniedrigungen.

Ernst wird nie offiziell als Nazi-Opfer anerkannt. Ebenfalls schwer traumatisiert und als ehemaliger „Asozialer und Berufsverbrecher“ auch nach dem Krieg argwöhnisch beäugt – etwa von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) –, entwickelt er sich zu einem resignierten, undogmatischen Linken. Erst über die Studentenbewegung der 60er und die Debatten der 70er Jahre wagt er sich wieder an ein politisches Engagement heran – und schweigt über seine Zeit im Konzentrationslager dennoch fast ein Leben lang.

Ein Resultat sozialer Kräfteverhältnisse

Es ist die große Stärke von Nonnenmacher, dass es ihm in seinem Buch gelingt, den vielfach gebrochenen Lebensweg der so unterschiedlichen Brüder nicht nur als individuelles Schicksal, sondern auch als Resultat sozialer Kräfteverhältnisse darzustellen. Er verwebt intime Details über Familienstreits und Ehebruch mit politischen Entwicklungen, ohne dabei seinen Erzählstrang aus dem Auge zu verlieren – und ohne, dass seine Rolle als Sohn und Neffe ihn am Erzählen hindert.

Das Scheitern der deutschen Arbeiterbewegung, den Aufstieg der Nazis und die Gräuel ihres antisemitischen Wahns, die (linke) Auseinandersetzung um die DDR und die Rote Armee Fraktion thematisiert Nonnenmacher wie beiläufig mit. So entsteht nicht nur das Bild zweier Lebenswege, sondern ein streitbarer Blick auf das, was das kurze 20. Jahrhundert in Europa bedeutet hat.

Indem der Autor am Ende noch sich selbst als zornigen, anklagenden Sohn ins Spiel bringt, wirft er in Bezug auf seinen Vater, den „Kriegshelden“, die Frage nach individueller Schuld für die deutschen Verbrechen auf – ohne eine abschließende Deutung anzubieten. Viele angeschnittene Themen bleiben am Ende offen liegen, passend zu den zwei zerrissenen Leben.

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