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Françoise Frenkel „Es war grotesk und zugleich erbärmlich“

„Nichts um sein Haupt zu betten“: Die französisch-polnische Jüdin Françoise Frenkel erzählte unmittelbar nach dem Krieg von ihren Jahren in Nazi-Deutschland und ihrer Flucht-Odyssee. Eine einzigartige Flaschenpost, die uns erst jetzt erreicht.

29.07.2016 16:28
Martin Oehlen
Pension in Nizza, in der Frenkel zwischenzeitlich Unterschlupf findet. Foto: Hanser

Eine Flaschenpost aus der Vergangenheit ist das Fundstück der Saison. Entdeckt wurde „Rien où poser sa tête“ auf einem Flohmarkt in Nizza. Dabei handelt es sich um die Erinnerungen von Françoise Henkel, die sie 1945 in dem Genfer Verlag Jeheber veröffentlicht hatte und die im vergangenen Jahr in Frankreich neu aufgelegt worden sind. Nun erscheint dieses einzigartige Zeugnis, das bei seinem ersten Erscheinen in den Wirren der Zeitenwende kaum wahrgenommen worden war, auch auf Deutsch.

Françoise Frenkel, am 14. Juli 1889 als Frymeta Idesa Frenkel in Polen geboren, war von 1921 bis 1939 Leiterin der ersten französischen Buchhandlung in Berlin. Vor den Nazis floh die Jüdin kurz vor Kriegsausbruch mit einem Sonderzug nach Paris. Und floh von dort immer weiter Richtung Süden. Davon wollte sie Zeugnis ablegen. Weniger um ihrer selbst willen, sondern um der Helden des Alltags zu gedenken, die sie versteckt und gerettet haben. Das ist bewegend und lehrreich, das wird anschaulich und erstaunlich gelassen zur Kenntnis gebracht.

Am Anfang steht die Liebe zur Literatur – und diese wird nie vergehen. Früh schon entdeckt Frenkel, die als Kind ihren Büchern eigene Umschläge fertigte, die „Berufung zur Buchhändlerin“. Dass sie diese Berufung ausgerechnet in Berlin nachgeht, kurz nach dem Ersten Weltkrieg, ist auf einen Zufall zurückzuführen. Denn als sie auf der Zugfahrt von Polen, ihrer Heimat, und Frankreich, ihrem Herzensland, einen Zwischenstopp einlegte, entdeckte sie, dass es in der deutschen Hauptstadt keine französische Buchhandlung gab. Das konnte so nicht weitergehen.

Ein französischer Buchladen in Berlin

Frankreichs Verlage, aber auch seine Diplomaten unterstützten das Projekt intensiv. Und bald schon konnte Frenkel im brodelnden Berlin aus dem 1921 bezogenen Zwischengeschoss einer Privatwohnung in die Kleiststraße und danach in die Passauer Straße wechseln – ungefähr dorthin, wo sich heute das KaDeWe befindet. Die Buchhandlung wurde zu einer ersten Adresse für alle Frankophilen.

Ab 1935, da war ihr Mann schon seit zwei Jahren in Frankreich, nahmen die Schwierigkeiten zu. Anfangs ging es um Devisen-Probleme, dann immer öfter um Zensur. Und schließlich um Frenkels jüdische Herkunft. Die Autorin schildert die Dreistigkeiten einer Blockwartin, den Kontakt mit der Gestapo und die Übergriffe auf jüdische Läden. „Es war grotesk und zugleich erbärmlich“, schreibt sie. „Überall begegnete man Menschen, die verlegen, fast beschämt wirkten; doch niemand protestierte frei heraus.“

In der Pogromnacht 1938 hört sie vom Brand der Synagoge. Sie wird zur Augenzeugin: „Die Feuerwehrmänner bespritzten die Nachbarhäuser, um die Ausbreitung des Brandes zu verhindern.“ Und sie vernimmt „eine autoritäre Stimme im Dunkel“, die bestimmt, dass die Synagoge verloren sei. Im Hof stolpert Frenkel über einen siebenarmigen Leuchter, „zerbrochen und verbogen, dort hingeworfen“.

Bald darauf erhält Frenkel von der französischen Botschaft den Rat, die Stadt „einstweilen“ zu verlassen. Im Sonderzug geht es nach Paris. Aber nicht ohne eine letzte Schikane in Köln. Dort wird ihr untersagt, die erlaubte Höchstsumme von zehn Mark gegen französische Francs einzutauschen. Die Begründung: „Nicht Arierin! ... keine Devisen ... der nächste!“

Frenkel schildert auf knappem Raum die allmähliche Verfinsterung in Deutschland. Einer dieser Erinnerungssplitter gilt dem „Besuch einer deutschen Mutter, die über ihr Kind weinte, das gerade vor der ganzen Klasse belobigt und als Vorbild hingestellt worden war, weil es sie wegen ihrer nazifeindlichen Ansichten denunziert hatte“.

Sie ist nicht wütend, sie ist enttäuscht

Frenkel wütet nicht, wie man es unter dem frischen Eindruck der Diktatur nachvollziehen könnte, sondern wirkt vor allem enttäuscht von Land und Leuten. Und vergisst doch nicht jene „Mutigen“, die ihre Stimme erhoben haben und dafür ins Konzentrationslager kamen. „Die Erinnerung an sie kann gewiss nicht ausgelöscht werden.“

Die Erwartung, in Frankreich auf sicherem Gebiet zu sein, trügt. Bald schon nehmen – aus Angst vor einer „fünften Kolonne“ – die Kontrollen der Ausländer im Lande zu. Auch rückt die deutsche Armee näher. Also flieht Frenkel weiter Richtung Süden. Bei allem, was sie aufgibt, ist erstaunlich, wie sie selbst in den schlimmsten Momenten nicht umhin kommt, die Attraktivität der Landschaft zu schildern. Selbst in einem Transporter, der sie in eine Haftanstalt nach Annecy fährt, erfreut sie sich an „die in ihrem Winterkleid überwältigend schönen Berge“.

Gleichwohl verschweigt sie nicht, wie ihr vieles verlorengeht – die Lebenslust, die Habseligkeiten und ihr Beruf sowieso. Als sie in einem Antiquariat in Nizza ihre kostenlose Mitarbeit anbietet, wird ihr das von den Behörden versagt mit dem Hinweis, dass es für Ausländer keine Arbeitserlaubnis gebe. Frenkel kommt zunächst unter in Pensionen, in denen sie andere Flüchtlinge trifft, und muss schließlich untertauchen, weil die Judenverfolgung auch in Südfrankreich wütet. Dabei findet sie heroische Helfer, aber auch erbärmliche Geldabschneider. Eine Odyssee, die schließlich in der Schweiz endet. Zweimal missglückte ihr die Flucht über die geschlossene Grenze. Beim dritten Mal klappte es endlich. Als der Krieg zuende war, scheint Frenkel sofort in ihr geliebtes Frankreich zurückgekehrt zu sein. Über ihr Weiterleben nach der Verfolgung weiß man wenig. Am 18. Januar 1975 ist sie in Nizza gestorben.

Patrick Modiano, der in seinem mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Werk immer wieder die Spuren der Vergangenheit im Heute verfolgt, macht im Vorwort auf eine Leerstelle in dem Buch aufmerksam. Simon Rachenstein, Frenkels Ehemann, kommt in diesen Erinnerungen nicht vor. Dabei hat er mit ihr zusammen das „Maison du Livre français à Berlin“ von 1923 bis 1933 geführt. Dann floh er, viele Jahre vor seiner Frau, vor den Nazis. Aber entkam ihnen nicht. 1942 wurde er nach Auschwitz transportiert. Über ihn: kein Wort.

So umweht das Buch und seine Autorin ein Rätsel. Doch „muss man wirklich mehr wissen“, fragt Modiano. „Dieses Zeugnis über das Leben einer verfolgten Frau im Süden Frankreichs und in der Haute-Savoie während der Besatzungszeit ist umso beeindruckender, als es das Zeugnis einer Anonyma zu sein scheint, so, wie das lange Zeit auch ,Eine Frau in Berlin‘ gewesen ist, ebenfalls in der Schweiz veröffentlicht, in den fünfziger Jahren.“ Eine intime Kostbarkeit ist dieser vermutlich in kurzer Zeit verfasste Text. Er leistet, was Frenkel in einer Vorbemerkung fixiert hat: „Es ist die Pflicht der Überlebenden, Zeugnis abzulegen, damit die Toten nicht vergessen, noch Hilfsbereitschaft und Aufopferung Unbekannter missachtet werden.“

Françoise Frenkel: Nichts, um sein Haupt zu betten. A. d. Franz. v. Elisabeth Edl, Hanser Verlag, München 2016. 288 S., 22 Euro.

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