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FR-Rezension "Apostoloff" "Bitte mich zu entbehren"

Sibylle Lewitscharoffs bulgarisches Roadmovie hat es in sich. Ein Vater dankt ab, Zeitebenen umranken sich - und es geht ums Geld. Ein erfrischend schräges Buch. Von Maike Albath

02.03.2009 00:03
MAIKE ALBATH
Gegenwart und Vergangenheit haben in Bulgarien offenbar eine andere Verbindung miteinander als in anderen Weltgegenden. Foto: rtr

Diese Stimme hat es in sich. Sie ist scharf, spitz und unverkennbar weiblich. Eine Tochter hebt zu sprechen an - aber was heißt schon zu sprechen: sie spottet, hetzt, zetert, singt, kichert, schimpft, schwärmt, deklamiert, agitiert und zieht sämtliche Register der aristotelischen Redekunst. Ein Sturm geht auf uns nieder, ein töchterliches Redegeprassel, eine leidenschaftliche Abrechnung mit dem brutal entschwundenen Vater, wie man sie so noch nicht gelesen hat. Die kämpferische Ich-Erzählerin und namenlose Heldin in Sibylle Lewitscharoffs neuem Roman "Apostoloff" absolviert mit ihrer ungleich sanftmütigeren älteren Schwester einen Ortstermin: chauffiert von dem getreuen Rumen Apostoloff aus Sofia - seit Kindheitstagen mit der Familie verbandelt, Namensgeber des Romans und in Abwandlung der biblischen Apostel Verkünder der bulgarischen Heilsgeschichte - durchqueren sie das postsozialistische Bulgarien, das Herkunftsland des toten Vaters. Der Freund zeigt ihnen Burgen und Klöster, führt sie an Industriebrachen und verwahrlosten Städten vorbei bis ans Schwarze Meer und wieder zurück nach Sofia.

Die Reise mit den verschiedenen Stationen bildet die Rahmenhandlung von "Apostoloff" und spannt den Bogen zwischen den Erzählsträngen. In den bulgarischen Roadmovie sind nicht nur mehrere Vergangenheitsebenen eingelassen, sondern auch noch eine zweite Reise, die aus der Retrospektive erzählt wird und von der Hinfahrt nach Bulgarien berichtet, zeitlich also vor der ersten liegt. Das klingt komplizierter als es sich liest.

Das Motiv der Reise überzeugt sofort: Es geht um Geld. Ein wohlhabendes Mitglied der bulgarischen Einwanderergemeinde in Stuttgart hat sich in den Kopf gesetzt, die sterblichen Überreste seiner einstigen Kumpanen gegen ein fürstliches Entgelt für die Hinterbliebenen nach einem hochmodernen Verfahren per flüssigem Stickstoff in feinste Teilchen zu zerlegen, in die alte Heimat zu überführen und dort in einem extra angefertigten Mausoleum erneut beisetzen zu lassen.

Das Unternehmen wird als eine Art Triumphzug inszeniert: ein Tross von Luxuslimousinen transportiert die neunzehn Kästchen voller Bulgaren-Granulat mitsamt der lebenden Angehörigen gen Osten. Man merkt schon, dass sich das Ganze hier zu einer handfesten Satire mausert und Sibylle Lewitscharoff ihr Talent für makabre Szenarien auskostet. Die balkanischen Trauerrituale in den Filmen des Bosniers Kustorica fallen einem ein. Mit der virtuosen Verschachtelung der Erzählebenen und der komplexen Zeitstruktur hat es aber noch eine andere Bewandtnis. Nach der Beisetzung und der Reise, die man als eine Mumifizierung des Vaters auf metaphorischer Ebene deuten könnte, geht die Vergangenheit in einen anderen Aggregatzustand über. Durch die bulgarische Umgebung wird alles in Schwingungen versetzt; die Raum-Zeit-Koordinaten lösen sich auf, die Grenze zwischen dem Reich der Toten und dem Reich der Lebenden wird durchlässig. Ein Vater-Gespenst gibt sich ein Stelldichein und spricht provozierende Sätze, die zum Beispiel "Bitte mich zu entbehren" lauten oder, in verballhornter Humphrey-Bogart-Manier, "Lösch mir meine Augen, Kleines".

Der Vater, es deutet sich schon in den ersten Zeilen des Romans an, ist ein Selbstmörder. Sein Vorname klingt wie der reinste Hohn: er heißt ausgerechnet Kristo, ist aber das Gegenteil von einem Erlöser. Vielleicht liegt darin der indirekte Erkenntnisgewinn der Reise. Dieser Mensch entzieht sich jeder Annäherung, seine Tat ist weder zu rechtfertigen, noch zu entschuldigen, es bleibt ein sinnloser Tod, der für die Familie eine zerstörerische Wirkung entfaltet. Mit den Väterromanen aus den siebziger Jahren von Bernward Vesper, Christoph Meckel und Peter Härtling, die um die Aufarbeitung des Nationalsozialismus kreisten, hat "Apostoloff" nichts zu tun. Der literaturgeschichtliche Bezugsrahmen ist viel weiter gespannt. Wenn die Heldin riesige Burgareale durchstreift, schauerliche Industrieruinen inspiziert, sich mit dem Vater-Gespenst herum schlägt oder in der Villa eines bulgarischen Mafioso durch Kammern und Säle wandelt, fühlt man sich eher an Mary Shelley und die gothic novels der englischen Romantik erinnert.

Das Schwesternpaar ließe sich als Variation des Doppelgängermotivs aus dem Repertoire jener Epoche deuten. Auch der Wechsel zwischen schrecklichen und erhabenen Momenten entspricht dieser Traditionslinie. Jean Paul und E.T.A. Hoffmann sind nicht weit; und Meyrinks Golem, der an einer Stelle sogar erwähnt wird, passt zur Figur des Vaters, der oft kaum mehr als eine Luftspiegelung zu sein scheint, eine Hohlform des Bösen.

Sibylle Lewitscharoff ist in der deutschsprachigen Literatur nicht nur durch ihre kultur- und religionsgeschichtlichen Verankerungen fast so etwas wie eine Einzelgängerin. Sie pflegt auch eine sehr eigene Form der Komik, mit der sie die allgemeine Düsternis der Geschehnisse immer wieder abmildert. Das Komische ist einerseits die rettende Lebenshaltung ihrer Protagonistin, und es ist zugleich ein ästhetisches Verfahren - es wirkt wie ein Zerrspiegel, der einen überraschenden Blickwinkel auf die Welt freigibt.

Lewitscharoff tritt als eine Art weiblicher Buster Keaton in Aktion und erzählt mit besänftigendem schwäbischem Unterton die absurdesten Dinge. An manchen Stellen sind die Beschreibungen zu ausführlich geraten; da hätte man sich mehr Interaktion gewünscht. Aber vermutlich musste sich die Autorin einiges vom Leib schreiben.

Offenkundig verarbeitet Sibylle Lewitscharoff in "Apostoloff" ihre eigene Familiegeschichte. Mit untergründigem Furor peitscht sie ihre Heldin durch die Geschichte. Wie in allen anderen Romanen Lewitscharoffs klingt auch hier eine theologische Bedeutungsebene an. Neben den beiden Namen der männlichen Hauptfiguren gibt es die berückende Ikone des Erzengels Michael, der in der Offenbarung des Johannes schließlich den Satan vertreibt und der auch hier etwas Tröstliches ausstrahlt. Der Nimbus der Schwermut, der über dem Vater liegt, wird durch die von den Schwestern im Museum bewunderte zart geflochtene Goldkrone einer thrakischen Prinzessin ausgehebelt.

"Apostoloff" ist ein erfrischend schräges Buch. Eine leise Eintracht deutet sich am Ende an - sicherlich nicht mit dem Vater, aber vielleicht mit dem schwierigen Erbe. Trotz der Dichte der Bezüge liest sich "Apostoloff" leicht und vergnüglich. Man muss die Anspielungen auch nicht allesamt dechiffrieren, sondern kann sich der Lewitscharoffschen Worterfindungslust und dem Rhythmus der assoziativen Schlenkerbewegungen überlassen.

Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2009, 248 Seiten, 19, 80 Euro.

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