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Flüchtlinge und Migration Grenzlinien

Die Bilder von den Flüchlingen, die es nach Lampedusa schafften, gehen jedem, der sie sieht, sehr nah. Legitim ist deshalb die Frage: Wie gehen Künstler, Schriftsteller und Wissenschaftler mit dem Thema um? Ein aufschlussreiches Beispiel ist die Publikation "Grenzlinien". 

Lampedusa ist mittlerweile weltweit das Symbol für geschlossene Grenzen und gefährliche Grenzüberschreitungen. Foto: gutleut verlag / Ursula Schmidt

Die aktuelle Auseinandersetzung mit dem Themenbereich Grenzen, Grenzlinien und Migration dokumentiert das Buch, das im Frankfurter Gutleut Verlag erschienen ist. "Grenzlinien" vereint mehr als 40 Beiträge und behandelt die verschiedenen Bedeutungen des Grenzbegriffs. Exemplarisch wirft die Publikation einen Blick auf ein Problem, das als Schlagzeile die Medien beherrscht. "Grenzlinien" ist in enger Zusammenarbeit mit der Menschenrechtsorganisation Pro Asylentstanden, die durch mehrere Beiträge vertreten ist.

Von Grenzüberschreitungen

Seit 2002 publiziert der unabhängige Frankfurter Independent-Verlag Kunstbücher und Dokumentationsbände, die meist verschiedene Genres und Disziplinen miteinander vereinen. Der Künstler und Verleger Michael Wagener arbeitet immer schon interdisziplinär und medienübergreifend, wobei er sich im Schwerpunkt mit den Erscheinungsformen von Raum beschäftigt.

Er bildet Raum in Installationen, Fotografien oder Büchern ab, weshalb Wagener nicht lange gezögert hat, das Konzept zu "Grenzlinien - von Grenzen, Grenzüberschreitungen und Migration" von den Herausgebern Christine Taxer und Raul Gschrey umzusetzen. Das künstlerisch gestaltete Buch vereint Arbeiten von zeitgenössischen Künstlern, Autoren, Wissenschaftlern und Lyrikern, die alle auf ihre ganz persönliche Art etwas zum Thema beizutragen haben. Neben den Texten, Interviews und Reportagen finden sich dokumentarische Collagen, Fotografien, Filme oder Performances.

Diese subjektiven und komplexen Auseinandersetzungen stellen eine vielschichtige Verbindung von Kunst, Wissenschaft und Politik her. Grenze wird in dem Buch nicht nur als geografischer Parameter begriffen, sondern gleichsam als Abgrenzung und Ausgrenzung thematisiert. Identitätsbildungen im Kontext der Grenzüberschreitung spielen eine Rolle, und ebenso der Einfluss auf die individuelle Wahrnehmung, die sich nicht nur durch geographische, sondern auch soziale Grenzen verändert. So begreift Bernd Metz die Grenze als eine Wand, die in seiner Performance Papierflieger an ihrer Freiheit hindert. Der Versuch, jene Wand (Grenze) zu überwinden, scheint genauso zum Scheitern verurteilt, wie das Überqueren eines Natodrahtzauns.

Permanente Eingrenzung

Den wichtigsten Beitrag leistet das Buch in der Abbildung von individuellen Schicksalen, die die Grenzlinien nicht überschreiten dürfen, wenn sie in Lampedusa oder an ähnlichen Orten stranden. Es ist eine Auseinandersetzung mit Menschen, die mit Repressionen und Diskriminierung zu kämpfen haben und denen nur noch das Gefühl des Ausgegrenztseins bleibt. So schreibt die Kulturwissenschaftlerin Ursula Schmidt über Lampedusa als ein Ort jenseits der Wahrnehmung, der für viele Menschen den Fluchtpunkt aus ihrem Elend bedeutet.

Texte und Interviews zur europäischen Migrationspolitik, wie derjenige von Bernd Kasparek, der die Grenzschutzagentur Frontex thematisiert, entlarven die Doppelzüngigkeit der Politiker, die die Toten an den Grenzen beweinen und gleichzeitig alles dafür tun, Europa gegen Flüchtlinge abzuschotten. Es ein ungewöhnliches Buch, das viele Aspekte der Thematik abdeckt. Durchzogen mit Fotografien gewinnt der Leser einen Einblick in die unterschiedlichen Schicksale. So zeigt der Fotograf Alex Wolf soziale und politische Brennpunkte in Europa, wo Migranten darauf warten, ihr eigenes gelobtes Land zu erreichen.

Die Ästhetik, die der Buchgestaltung innewohnt, stellt keinen Widerspruch zum teils bitteren Inhalt dar. Im Gegenteil bekommen die Menschen ein Gesicht, die häufig nur als Masse wahrgenommen werden.

Grenzlinien. Von Grenzen, Grenzüberschreitungen und Migration. Hrsg. v. Christine Taxer und Raul Gschrey, mit Beiträgen von u.a. Melanie Gärtner, Özlem Günyol und Mustafa Kunt, Marie-Hélène Gutberlet, Tom Holert und Mark Terkessidis, John Hutnyk, Dietmar Kammerer, Bréhima Kassibo, Thomas Kilpper, Karl Kopp, Lisl Ponger, Marcus Roloff, Jula-Kim Sieber, Katrin Ströbel, Michael Wagener, Marc Wrasse. Erschienen im Gutleut Verlag. Frankfurt a. M. 2013.

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