Lade Inhalte...

Flüchtlinge Diese Lästigen, die sich nicht gefügt haben

Der Essay „Gib dem Herrn die Hand, er ist ein Flüchtling“ des großen Exilforschers Hans-Albert Walter hat in 25 Jahren nichts von seiner Aktualität verloren.

The statue of German fairy tales writers Jacob and Wilhelm Grimm is seen on the market place of their hometown Hanau
Die Grimms, hier daheim in Hanau. Foto: Kai Pfaffenbach / REUTERS

A ls der couragierte Jacob Grimm – er hatte sich 1867 mit seinen sechs Göttinger Professorenkollegen gegen einen Verfassungsbruch seines Königs empört – aus Amt und Land gejagt wurde, traf er beim Überschreiten der Grenze nach Kurhessen auf eine Großmutter mit ihrem Enkel. „Gib dem Herrn die Hand, er ist ein Flüchtling“, sagte sie zu dem Kind. „Von den politischen Meinungen und Taten des Professors Grimm wird die alte Bauersfrau kaum etwas gewusst haben“, schreibt Hans-Albert Walter über diese von Grimm selbst überlieferte Szene, „und ganz sicher hat sie Leitbilder weder gesucht noch gebraucht. Um Grimm zu ehren, genügte ihr, dass er ein Flüchtling war, ein Mensch im Elend.“

Die gesellschaftliche Wirklichkeit sieht seit Urzeiten anders aus. Die Augenblicke der „Willkommenskultur“ erwiesen sich stets als überaus kurzlebig. Der „Fremde“ wird geächtet und verachtet. Auch in unseren Tagen und in zahlreichen Staaten, die sich in ihren Verfassungen auf Christentum und Menschenwürde berufen, werden Mauern der Abschottung errichtet, und Populisten schwadronieren von einer „Überfremdung“ des eigenen Volkes. Menschen, die vor Krieg, Terror und Hunger unter lebensbedrohenden Umständen aus ihrer Heimat fliehen müssen, stoßen in den westlichen Demokratien auf Abwehr, sie werden in Lager verbannt, auf den Straßen angepöbelt und abgeschoben.

Dieses Heute war bereits deutlich erkennbar, als der im Februar 2016 in Frankfurt verstorbene Doyen der deutschen Exilforschung, Hans-Albert Walter, 1992 seinen schmalen Essay über das Schicksal der Flüchtlinge im gerade wiedervereinigten Deutschland veröffentlichte. „Längst schon ist das Elend der politischen Verbannung auf Zeit oder der politisch erzwungenen Auswanderung auf Dauer dem Schwarzen Tod zu vergleichen, der Menschheitsgeißel des Mittelalters“, konstatierte Walter schon damals, „längst schon ist es genau so unberechenbar und grauenvoll wie seinerzeit jene.“

Es ist gut, dass dieser Essay in einer Neuausgabe erschienen ist, denn Walters Gedanken und Beschreibungen sind aktueller denn je. Sie erinnern nicht zuletzt auch nachdrücklich an die Jahre, als deutsche Flüchtlinge vor Diktatur und Terror in der Fremde vom immer kärglicher werdenden Wohlwollen ihrer Fluchtländer abhängig waren. „Für die vox populi stand fest“, schreibt Walter über die Zeit des deutschen Exils, „dass dieser lästige Ausländer den Einheimischen das Brot wegfraß und die Arbeitsplätze stahl, und für die Behörden stand womöglich noch Schlimmeres fest: dass dieser Mensch sich Ordnung und Gesetzen seines Heimatlandes nicht gefügt hat.“ Sätze, die auch für die Geschichte der Flüchtlinge gelten, die heute bei uns eine Chance zum Überleben suchen.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum