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Flagge der Islamisten?

Das Kopftuch in der Kontroverse: Zwei Neuerscheinungen

21.03.2007 00:03
Renate Wiggershaus
Foto: www.marialuisa.de

Kampf der Kulturen, Kopftuchstreit, Entstehung von Parallelgesellschaften, Multikulturalismus, Einwanderungsgesellschaft - so lauten die Schlagworte in einer zunehmend hitziger und kontroverser geführten Debatte. Während die einen die universellen Menschenrechte durch eine kulturelle Minderheit gefährdet sehen, deren Rechtsauffassung sich vom Gottesgesetz des Koran herleitet, glauben die anderen, der kritische Blick, mit dem die dunklen Seiten der islamischen Gesellschaft ins Visier genommen würden, sei blind gegenüber den dunklen Seiten der eigenen westlichen Gesellschaft. In zwei eben erschienenen Büchern wird die Kontroverse von antipodischen Standpunkten aus fortgeführt.

Hiltrud Schröter, Sozialwissenschaftlerin und Leiterin mehrerer Forschungsprojekte zum Thema Islam, hat ihr Buch Die Gesetze Allahs aus der Sorge heraus geschrieben, dass die "Grundwerte unserer Kultur", wie die "Gleichberechtigung von Frau und Mann" oder das "generelle Tötungsverbot", außer Kraft gesetzt werden könnten, wenn sich die - wie sie sie nennt - "Herrschafts- und Gehorsamsreligion" des Islam hier ausbreite. "Der islamischen Politreligion", so ihr Resümee, "im Namen der Religionsfreiheit die Tür zu öffnen, dürfte den Untergang der Demokratie und des Rechtsstaates zur Folge haben, denn der politische Islam ist das dritte totalitäre System." Angesichts dieser apodiktischen Aussage drängen sich Fragen auf: Ist die Demokratie in den USA, wo so viele Todesurteile - oft zu Unrecht - gefällt und vollzogen werden, untergegangen? Hat der 1949 aufgrund des hellsichtigen Einspruchs einer einzigen Frau ins Grundgesetz aufgenommene Gleichheitsgrundsatz wirklich zur Gleichberechtigung von Frauen geführt?

Doch täte man Schröter Unrecht, wenn man ihre Studie auf das Resümee reduzierte. Kenntnisreich referiert die Autorin zunächst über Entstehung und Inhalt der dem Propheten Mohammed geoffenbarten Gottesbotschaft des Koran, über den Hadith, die andere wichtige Quelle religiöser Vorschriften, schließlich die Scharia, das religiös begründete, auf Offenbarung zurückgeführte Recht des Islam, das zugleich eine umfassende Lebensordnung darstellt. In diesen Texten finden sich eine ganze Reihe von Vorschriften, die westlichen Rechtsvorstellungen diametral entgegenstehen. So kann beispielsweise Unzucht, wozu nach islamischem Verständnis Homosexualität und Ehebruch zählen, mit Peitschenhieben oder Steinigung geahndet, Apostasie mit dem Tod bestraft werden.

Obgleich die Scharia in der Mehrzahl der Staaten der islamischen Welt ganz oder teilweise abgeschafft wurde, kommt Schröter auf solche archaischen Bestrafungsaktionen immer wieder zurück. Dabei geht es ihr eigentlich in erster Linie um die Ungleichbehandlung der Geschlechter, wie zum Beispiel die Zwangsheirat oder die Verschleierung der Frau. Im islamischen Kopftuch sieht sie ein kulturelles und politisches "Symbol der Geschlechterordnung des islamischen Patriarchalismus", das Frauen "zum Zweck der Kontrolle und Beherrschung markiert", sie einschränkt und ausgrenzt. Zustimmend zitiert sie Alice Schwarzer, die in der FAZ erklärte, das Kopftuch sei "die Flagge der Islamisten", als Symbol dem Judenstern vergleichbar.

Welch ganz andere Deutung das Kopftuch erfährt, wenn man den Schleier in seinen historischen Zusammenhängen betrachtet, zeigt die breit angelegte Studie der beiden Kulturwissenschaftlerinnen Christina von Braun und Bettina Mathes über die Geschlechterordnung im Rahmen des transkulturellen Austauschs von Orient und Okzident. Der Schleier erweist sich als ein vieldeutiges und wandelbares Symbol, dessen Ursprünge weit hinter die islamische Tradition zurückreichen. So war er Attribut der Muttergottheit Isis, der verheirateten Frauen der Oberschicht im antiken Griechenland, als Gesichtsschleier Attribut der jüdischen Braut (das hebräische Wort für Braut, Kallatu, heißt wörtlich: die Verschleierte), als Kopfbedeckung (wiba) das der verheirateten germanischen Frau (daher der Ausdruck: Weib). Und auch die Christinnen von Korinth wurden lange vor der Entstehung des Islam von Paulus ermahnt, den Kopf zu verhüllen. Noch heute dürfen Frauen dem Papst nur mit bedecktem Haupthaar gegenübertreten.

In weit ausholenden Ausführungen zeigen Braun und Mathes, welchen religiösen und sozialen Stellenwert der Schleier hatte, warum er in Westeuropa als Symbol an Wert verlor, was mit ihm bei nationalstaatlichen Modernisierungen, wie etwa 1926 in der Türkei geschah, oder wie er ins Zentrum politischer Auseinandersetzungen in Westeuropa geriet. "Hinter den Erregungen über das Kopftuch" - so ein Fazit ihrer Überlegungen - "steht die Angst vor dem Terrorismus". Nach den Attentaten des 11. September 2001 erscheint der Schleier als das sichtbarste Symbol für einen unsichtbaren Feind, den so genannten sleeper.

Zu den Fragen, die sich im Hinblick auf Vorurteile und Ängste der eigenen Gesellschaft in den Augen der beiden Autorinnen aufdrängen, gehören: Ist es damit getan, den Islam pauschal der Frauenunterdrückung anzuklagen, wenn beispielsweise mehr als die Hälfte aller im Iran oder in Jordanien Studierenden Frauen sind? Darf, wer sich über türkische Zwangsheiraten empört, über Frauenhandel, Zwangsprostitution und Sextourismus schweigen? Muss man sich mit den Tötungsdelikten von Männern, die ihre auf dem Recht der Trennung bestehenden Frauen umbringen, eher abfinden als mit Ehrenmorden?

Wer sich auf solche Fragen gar nicht erst einlassen mag, verweigert sich dem offenen Blick für die Problemlage und fördert eine Spirale reaktiver Verkürzungen. Dem wirkt das Buch der beiden Autorinnen durch das Bemühen um eine unvoreingenommene Bestandsaufnahme der Stellung der Frau in der islamischen und der westlichen Kultur auf beeindruckende und produktive Weise entgegen.

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