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Festanstellung verblödet

Ein Lob der "digitalen Bohème"

08.11.2006 00:11
LENZ JACOBSEN

Während der akademische Nachwuchs über schlecht bezahlte Praktika und prekäre Beschäftigungsverhältnisse jammert, bejubeln Holm Friebe und Sascha Lobo das Ende der Angestelltengesellschaft. Wir nennen es Arbeit. Die digitale Bohème - intelligentes Leben jenseits der Festanstellung lautet der Titel ihres Buchs, mit dem sie eine neue Form der intelligenten, webbasierten Arbeit ausrufen.

Die Kernthese ist recht simpel: Die Festanstellung ist die Hölle und dank des Internets lässt es sich auch auf eigene Faust ganz gut leben. "Sobald die Tinte unter dem Festanstellungsvertrag getrocknet ist, beginnt ein schleichender Prozess der strukturellen Verblödung", schreiben die Autoren über den Horror der Angestelltengesellschaft. Dagegen setzen sie das Bild vom selbstbestimmten Netzwerker, der mit vielen eigenen Projekten zwar nicht die Sicherheit und den Komfort eines Vollzeitjobs genießt, aber in seiner Arbeit zumindest nicht fremdbestimmt ist. Es sei möglich, so die Autoren "nicht zu verhungern, während man das tut, was man am liebsten tut".

Eine schöne Vision, die aber eines riesigen theoretischen Unterbaus bedarf. So eröffnen die beiden im ersten Teil des Buches ein wahres Zitatfeuerwerk: Sie prophezeien mit Richard Florida den Aufstieg der kreativen Klasse, analysieren mit Pierre Bourdieu und Jeremy Rifkin den Zustand der Arbeitsgesellschaft, erkunden mit Honoré de Balzac die Geschichte der Bohème und philosophieren mit Niklas Luhmann über Subkultur. Im Hintergrund drängen sich die unvermeidlichen Fußnotenkönige Marx, Adorno und Diedrich Diedrichsen. Das lässt sich alles gut lesen, bleibt aber doch Zitat.

Richtig spannend wird es erst, wenn Friebe und Lobo sich der "Mikroökonomie" des Web 2.0, der "Währung Respekt" und "Aufmerksamkeitsströmen" widmen. Sie berichten von Online-Spielen, in denen sich neue virtuelle Geldwirtschaften entwickeln. Sie geben Einblicke in die Welt von MySpace und YouTube, die sie auch als riesige Selbstvermarktungsplattformen verstehen. Dank der nicht-hierarchischen, assoziativen Strukturen des Netzes könne man auch ohne Kapital, nur mit einer guten Idee, schnell viel Aufmerksamkeit gewinnen, die sich irgendwann in Geld ummünzen ließe.

Ähnlich wie das Web selbst funktioniere auch die "digitale Bohème": Sie bildet riesige Netzwerke, deren Schmierstoffe eben "Aufmerksamkeit" und "Respekt" sind. Sie findet sich in losen Projekten zusammen, die nicht unbedingt erfolgreich, aber immer kreativ sein müssen. Irgendwann, so die etwas diffuse Hoffnung der Autoren, werde sich das ganze Bloggen, Flickern und Verlinken schon auszahlen, spätestens, wenn es die Laptop-Generation in die Chefetagen geschafft hat. Und wenn nicht, dann lebt es sich als armer, aber selbstbestimmter Internet-Poet immer noch glücklicher als in der Tretmühle großer Unternehmen.

Friebe und Lobo geben selbst das beste Beispiel für digitale Bohèmiens ab: Die beiden gehören der "Zentralen Intelligenzagentur" (ZIA) an, einem Zusammenschluss freier Kreativer, die mit "Agenten" und "inoffiziellen Mitarbeitern" operiert. Außerdem betreiben sie das Weblog "riesenmaschine", das erst kürzlich mit den Grimme Online Award ausgezeichnet wurde. Zwischendurch schreiben sie für Zeitungen und Magazine oder basteln an Web- und Werbeauftritten. Genug Zeit zum Feiern bleibt trotzdem. Für den Spiegel-Chefpatrioten Matthias Matussek ist Holm Friebe gar "der König der Berliner Nachtszene".

Ob das Leben als digitale Bohème, von dem Lobo hofft, "dass es für mehr als 17 Leute in Berlin-Mitte attraktiv ist", wirklich so glücklich macht, darf allerdings bezweifelt werden.

Die Bloggerin und Chefredakteurin des Berliner Zitty-Magazins Mercedes Bunz zumindest malte im Februar dieses Jahres unter dem Titel "meine Armut kotzt mich an" ein viel düstereres Bild. Die digitale Bohème ist für sie nur das unterbezahlte Fußvolk der Kulturwirtschaft, Opfer von prekären Arbeitsverhältnissen und der allgemeinen Jobmisere. Selbstbestimmung hin oder her - solange niemand die "diffuse Kreativität" bezahlt, bleibt der digitale Bohèmien bloß ein "urbaner Penner".

Holm Friebe / Sascha Lobo: Wir nennen es Arbeit. Die digitale Bohème oder: Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung. Heyne, München 2006, 303 Seiten, 17,95 Euro.

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