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Ferdinand von Schirach Poesie und Justiz

Ferdinand von Schirachs neuer Geschichtenband „Strafe“ stellt Verbrechen mit knappsten Worten dar.

Ferdinand von Schirach
Der Eingang zu einem Düsseldorfer Gerichtssaal. Foto: afp

Das neue Buch des Strafverteidigers Ferdinand von Schirach enthält wieder das, womit sein sonderbarer Ruhm vor neun Jahren begann: kurze Erzählungen über Verbrechen. Mit knappsten Worten werden dargestellt: Vorgeschichte, Tat, Verhandlung, Urteil. Meist entlässt er den Leser mit einem unguten Gefühl und einem Satz wie diesem: „Sie bestellten Kaffee und dann aßen sie die Süßigkeiten aus der Tüte, die sie gekauft hatten, bis ihre Münder und Zungen ganz verklebt waren.“ Das ist das Höchstmaß von Abschweifung, das sich von Schirach erlaubt. Mehr literarischen Ehrgeiz gibt es nicht. Betont nüchtern sind auch die Titel seiner Bücher: „Verbrechen“, „Schuld“, „Tabu“.

Das klingt, als bekäme man nicht viel fürs Geld und doch wurden Millionen von diesen Büchern gedruckt, übersetzt wurden sie in vierzig Sprachen. Wie zum Trotz schrieb der Kritiker Ulrich Greiner in der „Zeit“: „Ferdinand von Schirach kann nicht schreiben. Es fehlt ihm die Gabe der Imagination, des Herbeizauberns einer neuen Welt, der literarischen Subtilität.“ Das stimmt insofern, als Schirach mit dem Literarischen geizt wie Dagobert mit den Dukaten. Bei ihm „geht“ einer; er schreitet nicht, er wandelt nicht, er schlurft nicht, er schlendert nicht, er geht. Wegen dieser sprachlichen Knauserei zu behaupten, von Schirach protokolliere nur, ist aber auch falsch. Er nimmt den Menschen als Fall, reduziert seine Taten aufs Sachdienliche; die Psychologie muss sich der Leser denken.

Da das Sachdienliche bei Verbrechen aber fast immer auch Gefühle sind – Hass, Gier, Enttäuschung, Liebe, Eifersucht – ist Reduktion ein abenteuerliches Verfahren. Eine Gefangene bekommt zum ersten Mal Freigang. Sie hat angeblich ihren Säugling erschlagen. Sie kauft ein Seidentuch und geht spazieren. Im Park sieht sie ein etwa fünfjähriges Kind, das ein Eis isst. Das Eis ist „so groß ist wie sein Gesicht. Der Vater kniet vor ihm und wischt mit einem Taschentuch den Mund ab.“ Daraufhin wirft die Freigängerin das Seidentuch in einen Mülleimer und geht zurück ins Gefängnis. Dass die Frau, kaum aus der Haft entlassen, ihren Mann töten wird, hängt auch mit dieser Szene zusammen.

Das funktioniert nicht immer. Nicht alle Fakten, die Schirach anführt, sind vielsagend, andere sind es in zu hohem Maße. Sie wirken dann als Metaphern, als große Literatur, und genau das ist es, was er nicht kann. Deshalb sind seine Geschichten, auch die aktuellen, viel besser als die beiden Romane, an denen er sich zwischendurch versucht hat. Von Schirach ist ein Könner im Weglassen. Gerade seine kürzesten Geschichten besitzen, so hart sie oft sind, die Gnade des erschrockenen Schweigens. Sie frieren den kurzen Moment ein, in dem man versteht, wie leicht es ist, ein Mörder zu werden.

Die Gnade gilt im Rechtswesen als schlüpfriger Begriff, weil sie auf Unsicherheiten fußt, die ein sorgfältiges Strafverfahren ja eigentlich ausschließen soll. Ein perfektes Recht könnte auf Gnade ganz verzichten. Aus einer „vollkommenen Verfassung“, schrieb Kant, müsste solche „Mildigkeit“ ganz verbannt sein. Das perfekte Rechtswesen aber gibt es nicht; von Schirach zeigt mit fast jeder Geschichte wie fehleranfällig das Recht ist, wie selten und kostbar eine gerechte Strafe.

Logisch betrachtet führt fast jeder Gerichtsprozess deshalb ins Herz dessen, was Literatur ausmacht. Es hat seinen Grund, dass so viele Juristen unter den Schriftstellern sind: Franz Kafka war einer, Theodor Storm, Kurt Tucholsky, Heinrich Heine, Georg Heym, E.T.A Hoffmann, Joseph von Eichendorff und natürlich Geheimrat Goethe. Unter den heutigen Autoren zählen Juli Zeh, Bernhard Schlink, Herbert Rosendorfer, Georg M. Oswald, Alexander Kluge und Martin Mosebach zu den Juristen. Das Gericht ist eine Schule der Literatur, und zwar nicht nur, weil es hier um die Wahrheitsfindung geht, sondern weil sie über weite Strecken in Form der Erzählung abläuft. Der Fall wird erzählt und in Gestalt einer anderen Erzählung bestritten. Motive werden eingefügt, Ungereimtheiten kenntlich gemacht, Glaubwürdigkeit hergestellt. Das abschließende Urteil ist oft nur eines über die Güte der Geschichte.

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