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Feminismus Aufstehen statt abnehmen!

Laurie Penny hat mit „Fleischmarkt“ eine Art feministisches Manifest vorgelegt. Sie will ihre Geschlechtsgenossinnen zur Widerborstigkeit gegen Diäten und Willfährigkeit ermutigen.

20.04.2012 17:13
Sabine Rohlf
Laurie Penny hat mit ihrem Buch „Fleischmarkt“ ein feministisches Werk vorgelegt. Foto: privat

Wenn derzeit über Feminismus debattiert wird, so geschieht dies ja oft anlässlich der Statements von Frauen, die – wie gerade unsere Bundesfamilienministerin Kristina Schröder in ihrem viel beachteten Buch – dieses Thema nur mit viel Distanzierungsrhetorik ertragen. Zu ideologisch erscheint vielen die Klage über Frauenunterdrückung, ja geradezu peinlich – für die Frau, versteht sich. Denn wie drückt es die Ministerin es in ihrem flotten Buchtitel aus? „Danke, emanzipiert sind wir selber!“

Drecksarbeit umsonst

Wer regt sich da noch über Schlankheitswahn, nackte Frauen auf Werbeplakaten oder hausarbeitsscheue Männer auf? Viele neuere Geschlechter-Theorien setzen sowieso lieber auf die Verschiebung oder Umarbeitung überkommener Phänomene statt auf Radikalopposition. Und Mädchen, die bei Heidi Klum hart an ihrer vermarktbaren Weiblichkeit arbeiten, werden auch von progressiven Menschen eher mit kulturtheoretisch fundierter Ironie bedacht als mit blankem Entsetzen oder Hohn. Frauen, besonders junge, heißt es immer wieder, sind heutzutage so abgeklärt und frei, dass sie mit den sexistischen Vorgaben unserer Kultur spielen können.

„Fleischmarkt. Weibliche Körper im Kapitalismus“ – der Titel des frischübersetzten Buches Laurie Pennys klingt daher wie aus einer anderen Zeit. Er wurde aber nicht von einer sturen Altfeministin ersonnen, sondern von einer 25 Jahre jungen Britin. Anstatt sich an akademischen Debatten zu beteiligen, über die Doppelbelastung von Vorzeigefrauen im schicken Blazer nachzudenken oder subkulturelle Gender-Praktiken zu analysieren, nimmt sie den Mainstream in den Blick: Sie beschreibt eine Welt, in der pralle Brüste für alles werben, Falten und Speckröllchen konsequent wegretuschiert werden und T-Shirts mit Playboy-Bunny ein Verkaufsschlager sind, am besten in „Size Zero“.

Sie fragt, warum so „öde Interpretationen von Pornographie“ die Medien prägen und wie zwischen Bilderfluten mit klinisch glatten Leibern eine beglückende Sexualität gelebt werden kann. Sie nennt weibliche Selbstzerstörung via freiwilliges Hungern die „größte Niederlage des Feminismus in der westlichen Welt“ und sie schreibt drastische Seiten über weibliche Drecks- bzw. Hausarbeit. Ihr Fazit: „Marginalisierte Körper verrichten marginalisierte Arbeit.“

Weiblichkeit muss erarbeitet werden

Laurie Penny arbeitet als Journalistin und Bloggerin für den New Statesman. Sie hat schon von Berufs wegen das Talent, Sachverhalte auf den Punkt zu bringen. Sie nutzt es, um angesichts endloser Debatten – zum Beispiel über die Legalisierung von Sexarbeit – an den Kern des Problems zu erinnern: „Nur wenn man anerkennt, dass Sex theoretisch auch ohne Ausbeutung verkauft werden könnte, kann man fragen, warum genau das so selten passiert, auch in den reichsten Gesellschaften dieser Erde.“ Und sie ist zornig – auch aus eigener Betroffenheit als Ex-Anorektikerin. Doch statt die Hände über plastische Chirurgie, kotzende Teenies oder Fick-mich-Fotos zu ringen, fordert sie Widerstand – „riot, don’t diet!“

Sie wünscht sich widerborstige Geschlechtsgenossinnen und versucht zu verstehen, was sie so nachhaltig bremst. Ihre Antworten haben immer mit Ausbeutung, Geld und Macht zu tun: Im autoaggressiven Verhalten von Frauen, die unentwegt ihre Weiblichkeit optimieren, dafür viel Geld ausgeben und außerdem unbezahlt den Dreck wegmachen, sieht sie einen Grundpfeiler der globalen Ökonomie – und der mit ihr verknüpften, uns permanent prägenden Kultur.

Manches in ihrem Buch liest sich wie in den 80er-Jahren, doch mit Blick auf Transsexualität stellt Penny klar, dass sie nicht (wie damals so manche), eine irgendwie natürliche Weiblichkeit retten will. Niemand wüsste besser als Transsexuelle, dass Weiblichkeit immer erarbeitet und erkauft werden muss: Mit den richtigen Körpermaßen, Klamotten, Accessoires, Posen, Blicken, Verhaltensweisen. Pennys Traum ist es, dass keine sich mehr um die Bilder und Vorgaben, Zwänge und subtilen Anrufungen eines „patriarchalen Kapitalismus“ schert.

Hungern im Kapitalismus

„Wenn alle Frauen dieser Erde morgen früh aufwachten und sich in ihren Körpern wirklich wohl und kraftvoll fühlten, würde die Weltwirtschaft über Nacht zusammenbrechen“ – was für eine verheißungsvolle Vision! Sie ist witzig und eingängig, klammert aber aus, dass (wie z. B. schwarze Feministinnen längst klarstellten) „alle Frauen“ nie das gleiche fühlen und wollen. Was ist mit Rassistinnen? Oder überzeugten Kapitalistinnen? Doch gleichzeitig liegt in dieser Vereinfachung ein großer Reiz: Hier ist eine junge Frau, die den Nerv für klare Worte hat und sich eine bessere Welt immerhin vorstellen kann.

Sie erfindet den Feminismus nicht neu, lenkt die Aufmerksamkeit aber auf Probleme, denen auch 60 Jahre Frauenbewegung nichts anhaben konnten. Und sie tut es so, dass sie viele Leser/innen erreichen und so manche Diskussion anstoßen wird – vielleicht vor den Zelten der Occupy-Leute oder aber unter Frauen – zum Beispiel denen, die es satt haben, Kalorien zu zählen und denen, die wirklich nichts zu essen haben.

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