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Fellinis Analytiker Der Weg zu den Traumwelten

Eher zufällig sollen sie sich begegnet sein: Der große itaienische Filmregisseur Federico Fellini hatte jahrelangen Austausch mit dem Psychoanalytiker Ernst Bernhard. Von Regine Igel

15.01.2010 00:01
Regine Igel
Überlebensgroß geträumt: Fellini & ein Fabelwesen. Foto: Getty Images

Federico Fellini hatte die Gewohnheit, allerlei Zettel mit Notizen in seiner Jackentasche aufzubewahren. Eines Tages, im Spätsommer 1960, zieht der Regisseur zufällig einen davon heraus, auf dem nur eine Telefonnummer steht. Die könnte von einer Frau sein. Er wählt sie an. Doch es antwortet Ernst Bernhard.

Der Mann, der ihm kurze Zeit später die Tür in der Via Gregoriana No.12, gleich neben der Piazza Spagna mitten in Rom öffnet, scheint ihm ein orientalischer Geistlicher zu sein, ruhig, warmherzig, strahlend. Der schon weltberühmte Filmkünstler fühlt sich da sofort heimisch. "Er hörte meinen unzusammenhängenden Bekenntnissen, Träumen und Lügen zu. Mit einem freundlichen Lächeln, voll liebevoller Ironie. Er wurde zu dem wichtigsten Menschen in meinem Leben," erzählt Fellini Jahre später.

Beide verbindet sofort mehr als nur die passende Chemie: eine ausgeprägte Sensibilität für die Welt der Bilder und des Traums, für das Unbewusste und dessen Grenzbereiche wie die Parapsychologie und den Spiritismus. Zwei gebildete Anti-Intellektuelle entdecken einander. Fellini ist nur allzu empfänglich für Bernhards Affinität zum Taoismus, zum I Ging und zur Yoga-Philosophie.Schon der kleine Federico lebte in intensiven Traumwelten, war von Zauberern, Hexen und Magiern fasziniert. Am Abend konnte er es kaum erwarten, ins Bett zu gehen. Die vier Ecken seines Bettes hatte er nach den Kinos in Rimini benannt: Fulgor, Savoia, Opera Nazionale Balilla und Sultano. Die Vorführung begann, sobald er die Augen schloss.

Gefühl der Fremdheit den Eltern gegenüber

Doch darüber sprach er mit niemandem. Vertraute gab es nicht. Er befürchtete, man würde ihn für verrückt erklären, und er wollte nicht eingesperrt werden. War sein Vater, Handelsreisender für Olivenöl und Salami, einmal zu Hause, ärgerte der sich, dass sein Sohn zeichnete und nicht Fußball spielte.

In der Traumanalyse mit Bernhard wird er sich gewahr, dass das Gefühl der Fremdheit zu den Eltern keineswegs in allen Familien besteht. Ein Traum:

"Ich war im "Grand Hotel" in Rimini abgestiegen, ging zum Empfang und füllte das Formular aus, das man mir entgegenstreckte. Der Portier blickte auf meinen Namen und sagte: "Fellini? Hier sind schon Leute, die genauso heißen". Er deutete zur Terrasse und sagte: "Schauen Sie, da sind sie." Ich schaute. Es waren mein Vater und meine Mutter. Ich sagte gar nichts. "Kennen Sie sie?" fragte er mich. Ich verneinte, und er sagte: "Möchten Sie sie gern kennen lernen?" Ich sagte noch einmal: "Nein. Nein, danke."

Familiäre Verbundenheit findet der Filmemacher am Set. Mit Bernhard schüttelt er die Vorwürfe der Eltern und Lehrer ab. Auch den Spott der Kinder, die ihm das Gefühl eingruben, unterlegen zu sein, weil er sich anders fühlte.

Wohl gab es in der Kindheit Freunde. Einsam blieb er trotzdem. Fellini lernt, seine Träume zu beachten, darüber sein Blickfeld zu erweitern, sie als lebendige Realisierung seines Selbst zu sehen. Durch die Sitzungen nehmen "8 ½" und "Julia und die Geister" in seinen Gedanken Form an: "Die Idee war, das Innenleben der Protagonisten auf eine Weise zu behandeln, dass das Bewusstsein und das Unbewusste sich ausbreiten wie Rauchringe."

Traumtagebuch von 600 Seiten

Bis zum Tode des Psychoanalytikers im Juni 1965 treffen sie sich fast fünf Jahre lang jede Woche, auch schon mal wie Freunde im Café unten am Platz. Erst 2008 wird das fast 600 Seiten umfassende Traumtagebuch Fellinis veröffentlicht. Angeregt von Bernhard, hat er seine Träume skizziert und kommentiert. Ein kostbares Kaleidoskop nicht nur seiner Seele, Leiden und Gelüste, auch seiner gesellschaftlichen Kreise.

Anders als in deutscher Geisteswelt äußern sich bekannte Persönlichkeiten in Italien ohne Scheu öffentlich über ihre Psychoanalyse. So wie Fellini gegenüber seinen Biographen sprachen auch die Schriftsteller Natalia Ginzburg und Giorgio Manganelli über Bernhard voller Wertschätzung.

Doch wer war dieser Magier, der so viele zum Blühen brachte und ihnen innere Welten öffnete?

Ernst Bernhard emigriert 1936 mit seiner zweiten Frau von Berlin nach Rom. Mit sich bringt er die Ideen C.G. Jungs, hält Vorträge über den therapeutischen Effekt der Traumanalyse und die Unterschiede zu Sigmund Freud. 1940 wird er aus dem Einleben in Italien abrupt herausgerissen. Die von Mussolini übernommenen Rassegesetze zwingen ihn, ein Jahr in einem Internierungslager in Kalabrien zu verbringen.

Durch Beziehungen befreit, kann Bernhard nach Rom zurückkehren. Er erleidet aber einen plötzlichen Gedächtnisverlust, muss sich versteckt halten, in einem Verschlag neben der Wohnung. Dort erfährt er vom Tod des Vaters in einem Konzentrationslager in Polen und vom Selbstmord der Mutter in Paris. Nach Kriegsende melden sich neue Patienten. Er wird zum Geheimtipp in der römischen Kultur- und Intellektuellenwelt.

Psychoanalyse mit Italienern

Notizen Ernst Bernhards zu seinem Leben und seine ganz eigenen Gedanken zum "Individuationsprozess" werden posthum, auch übersetzt, in dem kleinen Band "Mythobiografie" veröffentlicht.

Darin findet sich ein kleines Juwel: ein Essay, wie eine Psychoanalyse mit Italienern abzuhalten sei. Er fühlte sich heimisch im "Land der großen Mittelmeer-Mutter". "Hier konnte ich meine preußische Erziehung abstreifen und jüdisch-mediterrane Wurzeln aufleben lassen."

Patienten von Bernhard hörten schon von der ersten Analysestunde an, dass die Seiten, die sie in ihrer Persönlichkeit als die problematischsten, schwierigsten in ihrer Lebensgeschichte empfanden, sich als Lichtseiten erweisen können. Daran gelte es, zu arbeiten und die eigene Individualität wieder zu finden, den eigenen individuellen Kern. Auch gegen die Macht des Kollektivs.

Nach dem Tod Bernhards schlägt Fellini sich zwei Jahre lang mit Albträumen herum, steckt fest in einer Schaffenskrise. Das geplante Filmprojekt "Mastorna" wird nie realisiert. Später dann singt der Regisseur ein Hohelied auf die Psychoanalyse. Schulfach solle sie werden: "Denn welches andere Abenteuer könnte so faszinierend sein wie die Reise in unsere inneren Dimensionen, die Erforschung des unbekannten Teils an uns?"

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