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Felix Kucher Die Ruhe im Auge des Hurrikans

Der Kärntner Felix Kucher erzählt in „Kamnik“ eine höchst aufgeladene Geschichte erstaunlich spannungslos.

Klagenfurt
Der Wörthersee in Klagenfurt. Foto: rtr

Anton, ein verwaister Bauernsohn aus Kärnten, ist nach Argentinien ausgewandert und hat die Armut, aber auch die „Volkstumskämpfe“ seiner Heimat hinter sich gelassen. Aber die vertrackte Geschichte folgt ihm bis ans andere Ende der Welt.

Antons österreichische Frau, eine Österreicherin, die er in Buenos Aires kennengelernt hat, trifft durch einen Zufall einen deutsch sprechenden Einwanderer, einen höflichen Mann mit guten Manieren, und lädt ihn nach Hause ein. Anton passt das nicht, schon gar nicht, da der fremde Herr sich ebenfalls als Kärntner erweist. Plötzlich muss er, slowenischer Muttersprachler, mit dem Fremden wieder Deutsch reden, wo er doch zu Hause nur Spanisch spricht und die „Sprachangelegenheiten“ hinter sich lassen wollte. Aber nach einigen Treffen stellt sich doch eine gewisse Nähe ein. Könnte dieser distinguierte Herr Steiner ihm, dem slowenischen Bauernjungen, vielleicht etwas wie „ein Bruder“ sein, „zu dem man aufblicken, von dem man Kultur lernen konnte“?

Der Roman des Kärntners Felix Kucher entstammt einer hoch literaturträchtigen Gegend, die neben Peter Handke, Ingeborg Bachmann, Josef Winkler auch große slowenischsprachige Talente wie Maja Haderlap und Florjan Lipuš hervorgebracht hat. Hier, rechts und links der Drau, überschneiden und überlagern sich Sprache, nationale Identität, soziale Schicht. Deutsch war im Süden Kärntens die Kultur- und Slowenisch die Kuhstallsprache; Deutsch sprach man in der Stadt, auf dem Amt, in der Schule, Slowenisch nur mit der Oma. „Kamnik“ ist sozusagen eine Geschichte aus dem Auge des Hurrikans. Der feine Herr Steiner kommt 1945 nach Argentinien, als Anton schon zwanzig Jahre dort ist und seinen Weg gemacht hat. Man ahnt sehr früh, was es mit dem Einreisedatum des Neuen auf sich hat und kriegt es am Ende dann ganz gründlich erklärt: Dieser Steiner ist ein Nazi-Verbrecher. Antons und Steiners Vorgeschichte rundet sich aus vielen kleinen Rückblicken nach Klagenfurt, in Antons Heimatdorf Podgora, nach Hamburg, wo Anton sich nach Amerika einschiffte, aber auch nach München und Berlin, Stätten von Steiners Nazi-Karriere.

Antons Bruder Josl ist in Kärnten geblieben, dem Alkohol verfallen und landet, als er im Suff den „Führer“ schmäht, im KZ. Dort begegnet er dem grausamen Kärntner SS-Mann Kamnik, der ihn am Ende erschießt. Kamnik heißt Steiner, wie jeder weiß, der einmal in eine slawische Sprache hineingeschnuppert hat, und wie jeder andere Leser früh ahnt. Die letzten Worte, die der Mörder seinem Opfer ins Ohr flüstert, sind slowenisch. Die mit den slowenischen Namen sind die größten Germanen und die mit den deutschen mitunter die größten Slawen; diese alte Kärntner Alltagsweisheit gilt es zu exemplifizieren.

Der Roman wurzelt in der Familiengeschichte des Autors; Anton (der eigentlich Franz hieß) und Josl hat es wirklich gegeben. Nur Kamnik ist frei erfunden. Im Auge des Hurrikans herrscht bekanntlich Ruhe. Daran mag es liegen, dass alle Figuren so steif, papieren herüberkommen. Den Gestalten des Romans wirklich auf die Spur kommen, hieße für den Nachfahren, sich selbst verstehen. Das aber trauen sich im hoch elektrischen Kärnten nur ganz große Autoren.

Kucher holt sich Pappkameraden aus dem Geschichtsbuch. Etliche dramatis personae tragen historische Klarnamen – die Priester etwa, die den SS-Mann Kamnik über die „Rattenlinie“ nach Amerika entkommen lassen, oder Hans Steinacher, Haupt des „Volksbunds für das Deutschtum im Ausland“, ein geradezu prächtiges Nazischwein. Alle sagen brav auf, was auf Wikipedia über sie zu lesen steht. Nicht einmal die Google-Recherche ist gründlich ausgefallen. So besucht Titelheld Kamnik die SS-Zentrale in der Prinz-Albrecht-Straße schon, als sie sich dort noch gar nicht befindet – und wird an das „Reichskommissariat für die Festigung des deutschen Volkstums“ verwiesen, eine NS-Behörde, die erst sechs Jahre später ins Leben gerufen wurde.

Eine dürftige Geschichte, spannungslose, einfältige Dialoge, anachronistisches Lamento über „die Politik“; wenn ein wenig Dramatik hereinkommen soll, muss eben mal einer „zusammenzucken“: Gut, aber rechtfertigt die gute Absicht nicht einen mäßigen Roman? Nein, tut sie nicht, jedenfalls nicht, wenn das Gedenken über die Zeit wieder in Zweifel steht. Nicht im Österreich des Jahres 2018.

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