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Fantasy Die Außensonne scheint ihnen

Georg Klein hat sich für seinen Roman „Miakro“ eine rasend interessante Doppelwelt ausgedacht.

Fukushima
Innerhalb und außerhalb eines Pilzes: Das könnten die trotzdem noch merkwürdigen Schauplätze sein. Foto: rtr

Mit einer doppelten Weltenschöpfung saugt Georg Klein – und Ansaugungen auch fataler Art spielen eine Rolle im Buch – Leserinnen und Leser in seinen neuen Roman „Miakro“ hinein. Übrigens spielt die Geschlechtszugehörigkeit ebenfalls eine Rolle, auch wenn es nicht ganz die erwartbare ist. Wer den Titel aufmerksam liest – und Lesefähigkeit sowie der Verlust der Lesefähigkeit spielen eine Rolle –, hat eine Idee davon, um was für eine Art von Doppelung es gehen könnte. Übrigens spielt Aufmerksamkeit ebenfalls eine Rolle. Sie ist eine der wenigen Dinge, die den Figuren zur Verfügung steht, wobei: genau, Aufmerksamkeit ist kein Ding.

„Miakro“ beginnt in einer Umgebung, in der es praktisch keine Sachen gibt. Besitz ohnehin nicht. Hier arbeitet und lebt eine Schar Männer in feuchten Innenräumen, die einem organisch vorkommen. Ihre Arbeitsplätze scheinen mit in den Tisch eingelassenen Computern ausgestattet zu sein, die Männer sprechen aber vom „weichen Glas“ und tatsächlich passt sich die Kante der individuellen Bauchwölbung an. Es gibt auch keinen Ein- und Ausschaltknopf, bis es doch einmal einen gibt.

Im weichen Glas ziehen Abbilder einer unsereinem schon weit vertrauteren Welt vorüber. Manchmal, selten sogar: Tiere. Die feuchte Wand, genannt „bleiche Wand“, gibt nicht im Überfluss, aber verlässlich Lebensmittel aus, ferner Overalls und andere, teils nur aus dem weichen Glas bekannte Gegenstände – die Männer sind das gewöhnt, achten schon auf Beulen und Risse in der Wand. Sie übernachten in Schlafnischen in der Wand, wen es hier dürstet, der kann seine Lippen direkt über „einen glitschigen Nippel stülpen“ und, nein, keine Milch, aber Wasser mit einem Beigeschmack trinken (womöglich doch Milch?). Das ist nun wirklich sehr seltsam und permanent denken sich Leserin und Leser ihren Teil. Die Männer denken ebenfalls, aber sie kommen nicht weit damit. Es gibt eine „Außensonne“ und eine „wilde Welt“, in der bunt gekleidete Frauengruppen in Schach gehalten werden müssen – „Frauenbeschwichtigung, ja Frauenlenkung“ ist ein Thema. Die Männer sind stets bereit, notfalls zurück ins Büro zu fliehen. Der Sinn ihrer Arbeit bleibt im Vagen. Die Männer wissen, dass sie sich im „Mittleren Büro“ befinden. Und dass sie morgens, „freiwillig wie immer, an die Arbeit gehen mussten“.

Von „nützlichen Idioten“ wird nachher mehrfach die Rede sein. Denn auch wenn Georg Klein nicht nur jedwede Psychologisierung verweigert, sondern überhaupt Erklärungen aller Art, so wechselt er doch dermaßen ausgeklügelt die Perspektiven, dass sich ein Bild ergibt. Ein winziger Ausschnitt eines Bildes, aber er erweitert sich.

Dann, immens beiläufig, von einem Kapitelchen zum nächsten ändert sich der Blickwinkel rigoros. Eine zweite Welt mit anderen Bedingungen: Wenig martialische Militärs, im Mittelpunkt eine sympathische, höchst nüchterne Technikexpertin, haben sich um ein zu untersuchendes, allerdings auch furchteinflößendes Objekt versammelt, das sich vielfältig unter dem Boden auszubreiten scheint. Eine Art Riesenpilz, wie sich zeigt, so dass der Leserin und dem Leser wiederum einiges klar werden kann. Gewissermaßen bekommen wir jetzt von außen und oben in den Blick, was uns schon schwante.

Und mehr noch: Das unergründliche Innen und das kaum weniger rätselhafte Außen spiegeln sich ineinander, Figuren und Ereignisse wiederholen sich, dann diese Namensähnlichkeiten. Und dann das: Ein Trüppchen aus dem Mittleren Büro und einige der Soldaten bewegen sich auch wie von ungefähr aufeinander zu. Wir erkennen Orte und Details wieder, die hier aber nicht benannt werden können. Denn das ist es, was Klein macht: Er beschreibt auf der Mikroebene mit immenser Sorgfalt und auch sehr sinnlich (man hört und sieht und fühlt die bleiche Wand auch bevor man einen Pilz vor Augen hat), aber doch so, dass auf der Makroebene alles unbegreiflich wird.

Beiden Welten ist einiges gemeinsam, und der Schöpfer Klein gibt Beobachtungen an die Hand, die das ethnologische Interesse entzünden: Ein asketischer Lebensstil dominiert, dessen sich die Figuren nicht bewusst sind. Eine Schriftsprache hat sich dramatisch zurückentwickelt, es muss sie aber gegeben haben. Im Mittleren Büro werden mühevoll die Wörter entziffert, die zuweilen im weichen Glas zu sehen sind. Das Militär hortet stolz seine Bücherkiste, dass eine Truppe hundert Bücher mit sich führt, gilt als sensationell. Der Vorleser einer Truppe wird sorgfältig ausgewählt.

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