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F. C. Delius Dissonanz als Erweckung

Friedrich Christian Delius' neu erschienenes Werk "Die Zukunft der Schönheit" belegt den aufmerksamen Blick des Erzählers.

Helmut Rahn
Auch Helmut Rahn befeuerte einst Delius' Aufbruch. Foto: afp

Die klaustrophobische Enge des New Yorker Jazzkellers an der Lower East Side schien die kulturspießigen Nöte des jungen Schriftstellers, der sich nicht so zu nennen wagt, noch befördert zu haben. „Musik war das nicht, aber was sollte das sein...“, fragt der Ich-Erzähler in Friedrich Christian Delius’ „Die Zukunft der Schönheit“, „wenn es keine Katzenmusik war….“?

Zusammen mit Freunden war er im Rahmen des legendären Treffens der Gruppe 47 in Princeton im Mai 1966 in einen Auftritt des Freejazzers Albert Ayler und seiner Band geraten, deren schrille Geräusche verstörten. Da musst du jetzt durch, lässt Friedrich Christian Delius sein alter Ego zu sich selbst sagen. Dem jungen Künstler, der bei der Dichterlesung vor den berühmten Kollegen zumindest nicht durchgefallen war, schien es unbedingt geboten, sich ästhetisch zu wappnen.

Erst unerträglich, dann lehrreich

Es ist eine künstlerische Coming-of-age-Geschichte, die Friedrich Christian Delius in diesem schmalen Band erzählt, ein Rückwärtsfühlen, wie es an einer Stelle heißt, das stark autobiografisch geprägt ist und zugleich wie eine Bodenprobe des Zeitgeists jener Jahre daherkommt, die der 68er-Revolte vorausgingen.

Delius’ aufmerksamer Blick fällt auf die Besucher des Ayler-Konzerts, denen er die Erfahrung anzusehen meint, dass diese mit den Kriegen der Zeit, Korea und Vietnam, auf die ein oder andere Weise befasst waren oder sind. Und ganz allmählich wird die abweisende Härte des zunächst unerträglichen Sounds zu einer lehrreichen Klangerfahrung, die die Destruktionskräfte auf die Spitze zu treiben scheint, um so eine andere soziale Wirklichkeit hörbar zu machen. Dissonanz als Erweckungserlebnis.

Es sind bekannte Delius-Motive, die in diesem sorgsam rhythmisierten Text zur Sprache kommen. In der wohl bekanntesten Delius-Erzählung, „Der Tag, an dem ich Weltmeister wurde“ (1994), schildert der Autor die bedrückende Atmosphäre des evangelischen Pfarrhauses, in das er hineingeboren wurde und aus der ihn die Reportage des WM-Endspiels von 1954 schließlich befreite. „Aus dem Hinterhalt müsste Rahn schießen.“ Und Rahn schießt.

Die Identifikation mit den Helden von 1954 ermöglicht dem jungen Delius das Entkommen aus dem „Vaterkäfig“, in dem er, als schwerer Stotterer zudem, eingesperrt war. Die Übermacht des Vaters wirkt nach, aber sie ist schwächer geworden. Auf die Flucht in das Schweigen, die den Blick des Außenseiters geschärft hat, folgt die Erfahrung der Selbstbehauptung in einer Ästhetik der Verweigerung – Jazz sei Dank.

Friedrich Christian Delius:
Die Zukunft der Schönheit.
Rowohlt Berlin, 2018. 91 S., 16 Euro.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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