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Exkursionen in die Tierwelt Landkärtchens liebster Aufenthalt

Liebe und Kindheitserinnerungen, Forschergeist und Abschweifung, Landwirtschaft und Kino – wozu Tiere in Büchern gut sein können, und was Tierbücher vom Menschen erzählen.

RUSSIA-AGRICULTURE-EXHIBITION
Vom Autor wie von einem professionellen Hütehund umkreist: Das Schaf. Foto: AFP

Ein brasilianischer Eulenfalter trinkt von den Tränen eines Singvogels. Um sie ihm zu entlocken, kitzelt er den schlafenden Vogel am Auge. Den grau-weiß gemusterten Nachtaktiven hätte ich einfach nur für eine Motte gehalten. Motten orientieren sich bei ihren Nachtflügen am Mond. Deshalb ziehen künstliche Lichtquellen sie magisch an, mit oft fatalen Folgen. 

Literarische Auseinandersetzungen mit Natur sind eine wachsender Trend im Buchmarkt. Diesem Phänomen trägt auch der vom Vertrag Matthes & Seitz initiierte „Deutsche Preis für Nature Writing“ Rechnung (am 31. August wird er an Sabine Scho und Christian Lehnert verliehen). Neben philosophisch poetischen Betrachtungen gibt es dabei die Leidenschaft für thematischen Miniaturen, wie zahlreiche, immer ausnehmend schön aufgemachte Bücher über einzelne Tiere oder Pflanzen zeigen. Warum? Sehnen wir uns nach einem Universum jenseits der politischen Zumutungen und menschenverursachten Katastrophen? 

Für den Schriftsteller Peter Henning ist es Liebe. Seit seiner Kindheit ist er von Schmetterlingen bezaubert. Sein Ersatzvater, der Gefährte seiner Großmutter, hat dem Knirps seinerzeit ein Fangnetz und Sammelkästen gebastelt und ihm beigebracht, wie man die Gleichnisse der Flüchtigkeit aufspießt. Später hat Henning auf dem Balkon Falter gezüchtet, ihre wunderlichen Verwandlungen beobachtet. Der Erinnerung an jenen Viktor Knapik hat er sein Buch gewidmet. Obgleich es ein Verzeichnis der mehr als hundert erwähnten Schmetterlinge aufweist und profundes entomologisches Wissen ausbreitet, ist dies doch kein Sachbuch. Er ist eine berührende Danksagung an jenen unangepassten Kroaten, der dem einsamen Kind einer Welt eröffnete, aber sich selbst kein Glück brachte. 

Und es ist eine Reisegeschichte. Fast ein Jahr tingelt Henning auf der Suche nach den seltensten oder eigenartigsten Faltern kreuz und quer durch Europa. Um den Schwarzen Mnemosyne zu sehen – trotz seines schillernden Namens auch das ein eher unscheinbarer Grauweißling –, legt er sich stundenlang ins tiefe Gras, er klettert Berghänge hinauf und spannt Leinwände in der Dämmerung auf. Auf der Fährte des Erdbeerbaumfalters, quasi der Düsenjäger unter den Tagschmetterlingen, mietet er einen Leihwagen in der Toscana, in Sils Maria trinkt er mit einem Kollegen auf den Totenkopffalter und späht vergeblich nach dem Gelben Bär. Mit einem Schulkameraden zeltet er in Kroatien, sie stöbern Scharen von Berghexen auf und wecken Erinnerungen an die Kindheit. 

Freunde und flüchtige Begegnungen tauchen auf, wehmütig, leicht und flatterhaft, wie die Illustrationen, die scheinbar zufällig über die Seiten gestreut sind. Zeichnungen, alte Stiche, Abstraktionen, bloße Dekorationen, die doch Neugier auf jenes Wissen wecken, das Henning so überreich in die Erzählung seiner sentimentalen Reise einstreut. 

So bleibt ein freundlicherer Blick auf Brennnesseln, weil sie die einzige Wirtspflanze für die Raupen von Tagpfauenauge, Kleiner Fuchs, Landkärtchen oder Admiral ist. Schließlich ist der Schmetterling das Endstadium komplexer Metamorphosen, denn ohne Raupen und ihre Verpuppungen keine Entfalter. Eichenprozessionsspinner, Miniermotte, Buchsbaumzünsler: Da steht der Schrecken aller Naturgenießer der kunstvollen Sinnlosigkeit einer oft nur wenige Tage dauernden Schmetterlingsschönheit gegenüber. In ihrer Gegenwart, so Peter Henning, „ertrage ich meine eigene Fremdheit in der Gegenwart besser“. 

Ein Liebhaber der Tierwelt ist auch Helmut Höge. Als gäbe es bei Gott nicht genug Katzenbücher, widmet sich der Journalist und Schriftsteller in Band 12 seiner Reihe „Kleiner Brehm“ der Katze. Luzia, einen „märkischen Zugewinn“, hat der Autor quasi mit seiner Freundin angeheiratet, manchmal muss er Katzen sitten. Dabei studiert er die undurchschaubare Diva mit nachlässigem Interesse, wobei er einräumt, dass eher die Katze ihn mit interesselosem Wohlgefallen beobachtet. Gerne beim Pinkeln, was dem Mann immer etwas peinlich ist, wovon freilich mehrere Katzenhalter zu berichten wissen. 

Mehr als das Haustier interessiert den Liebhaber der Abschweifung und des wilden Denkens die katzenartige Wildheit und also die Wildkatze. Von den Praktiken des Auswilderns von Katzentieren aus der Domestikation kommt Höge von Löwenforschungen und Gepardengeschichten auf das Auswildern von Menschen. „Tausende von Europäern sind Indianer geworden“, so berichtet ein amerikanischer Bauer schon 1782, „aber noch nie wollte auch nur ein einziger Eingeborener freiwillig Europäer werden.“ Da sind wir längst im ausufernden Anmerkungensteil von Höge Essaybüchlein und mitten in den großen Fragen der Zivilisation. 
Wollen wir wirklich den Wolf wieder haben? Der Journalist Eckhard Fuhr liebt Tiere auf eine bodenständige Art. Als Jäger und Waldgänger kennt er sich aus, über die „Rückkehr der Wölfe“ hat er 2016 ein Buch geschrieben, das ohne Rotkäppchen-Romantik auskam. In seiner im vergangenen Jahr erschienenen Abhandlung geht es ihm um die Schafe. Diese sind neuerdings wieder durch Wölfe bedroht. Sich einfach so über zaunlose Almwiesen zu futtern, das wird bald nicht mehr gehen. Der Autor umkreist wie ein professioneller Hütehund – der deutsche Schäferhund ist der beste, der Collie kann es aber auch ganz gut – die Opponenten aus Haus- und Wildtier. Fuhr grast genüsslich vor musealen Ikonen der Lammfrommheit in pastoraler Landschaftsgemälden, er durchstreift kulturhistorische Weidegründe vom religiösen Opferlamm bis zum Sündenbock. 

Doch neben dem Schaf als Metapher erzählt Fuhr in einer sehr amüsanten Mischung aus Reportage und Bildungsanekdote vor allem auch die Geschichte der Nutztierhaltung von ihrem Anfang von vor 12 000 Jahren über die vorindustriellen Wollwirtschaft bis zur Schafhaltung von heute. Fuhr erläutert die uralte Kulturtechnik der „Transhumanz“, einer Wanderweidewirtschaft, in der der Hirte mit seiner Herde zwischen Winter- und Sommerweide pendelte, er stellt Überlegungen zu nachhaltiger Landnutzung und Weidewirtschaft an und fragt als vorbildlicher Feuilletonist auch gleich nach einem neuen Gesellschaftsvertrag. 

Auguste fraß 115 Mehlwürmer in 30 Minuten

Die Fledermaus ist nicht schön, nicht selten und gewiss nichts zum Kuscheln geeignet. Von Liebe kann bei der Faszination für dieses Tier, wenn überhaupt, nur über weite mediale Umwege die Rede sein. Der Körperkontakt kann tödlich sein, schließlich haben wir es hier mit einem Vertreter der Vampirgattung zu tun. Bei der Lektüre von Gunnar Deckers Studie über die „Brutstätte des Bösen“ möchte man dringlich sofort alle Impfungen (Tollwut! Ebola! Mumps!) auffrischen. Von der Natur, den Gewohnheiten, sozialen Vorlieben bei Fortpflanzung, Kinderstube und Winterschlaf – besonders gern in Kirchtürmen – des Kulturfolgers sei nicht viel bekannt, behauptet der Literaturwissenschaftler kühn. Erst 1932, und zwar in den Verließen von Spandau, begann demnach ein Forscher systematisch einige „Boten der Nacht“ zu beringen, um so ihren Routen auf die Spur zu kommen. Eines der Tiere nannte er Auguste. Sie schaffte es, 115 Mehlwürmer in einer halben Stunde zu fressen. 

Immerhin lässt uns der Autor wissen, dass der Hautflügler ein extrem flexibles Herz hat: Von drei Herzschlägen pro Minute im Winterschlaf kann es sich im Flug auf bis zu 1000 Schlägen steigern. 
Der scheinbare Mangel an wissenschaftlichen Fakten und Erkenntnissen über das Flughündische stört Decker aber ganz und gar nicht. Wie es sich für den studierten Philosophen gehört, geht es ihm mehr um das Meta von Märchen, Mythen und eben Medien. Historisch ist der Vampir schon seit der Antike im Geschäft, als Zaubermedizinlieferant oder Seelenträger von Verstorbenen und Unterweltgott. Wegen seiner Freude am Pfählen missliebiger Feinde eignete sich der rumänische Fürst Vlad (um 1431–1477) zum Vorbild für Bram Stokers Dracula. In der Kunst und da vor allem im Film geistert der Blutsauger durch zahllose, gern sexuell aufgeladene Fantasien. Das langt dem Autor locker für gut 200 fein illustrierte Seiten. Am Schluss ist man kulturhistorisch um viel scheinbar „unnützes Wissen“ reicher und kann noch den trashigsten Vampirfilm zur Verfeinerung der kulturellen Bildung genießen. 

Gewiss aber versteht man nach all diesen Exkursionen in die Tierwelt nicht nur die einzelnen Tiere, sondern die Gattung Mensch – wohl gar sich selbst – ein wenig besser. 

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