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Eva und Hans Henning Hahn "Die Vertreibung im deutschen Erinnerung Welcher „deutsche Osten“?

Was versteht man eigentlich unter "Vertreibung"? Mit ihrem gut lesbaren Opus Magnum, das dieser Frage nachgeht, wenden sich die beiden Historiker Eva und Hans Henning Hahn an einen breiten Leserkreis. Ihr Anspruch liegt in der komplexen Aufgabe, Ereignis und Erinnerung zusammenzubringen.

17.03.2011 17:31
K. Erik Franzen

Was war eigentlich die „Charta der deutschen Heimatvertriebenen“? Und was versteht man unter „Vertreibung“? Um diese Fragen zu beantworten, muss man weit ausholen. Eva und Hans Henning Hahn haben das getan. In ihrem dicken Buch spürt das Oldenburger Autorenpaar dem Erinnerungsort „Flucht und Vertreibung“ nach – wie schon zuvor in mehreren kürzeren, meist fachwissenschaftlichen Beiträgen. Mit ihrem gut lesbaren Opus Magnum wenden sich die beiden Historiker nun an einen breiten Leserkreis.

Zu klären gibt es in der Tat vieles in Bezug auf die Zwangsmigration der Deutschen im Zuge des Zweiten Weltkriegs und dessen Folgen. Der besondere Anspruch der Autoren liegt in der komplexen Aufgabe, Ereignis und Erinnerung zusammenzubringen. Die immer wieder von Eva und Hans Henning Hahn vorgebrachte Formulierung dieses Anspruchs macht deutlich, woran es dem Vertreibungsdiskurs jahrzehntelang mangelte: Er war nicht ausreichend durch quellennahe, faktenorientierte Studien unterfüttert. Erst nach 1989 verbesserte sich, wenn auch zögerlich, die Forschungslage – vor allem dank zahlreicher Untersuchungen ostmitteleuropäischer Historiker.

Prozess ohne Fortschritt

In Deutschland war und ist die Debatte um und über die Vertriebenen komplex und verwirrend zugleich: Als einen Prozess ohne Fortschritt deuten die Verfasser überspitzt den Umgang mit dem Thema der „Massenumsiedlungen“ in der Öffentlichkeit. So bildeten die hartnäckig sich behauptenden Legenden und Mythen, beispielsweise über einen immer wieder beschworenen „deutschen Osten“, den Stoff, aus dem bis heute die Forderungen der organisierten Vertriebenen nach „Wiedergutmachung“ sind.

In drei Schritten wird der Erinnerungsprozess in den Blick genommen. Zuerst widmen sich die Autoren den „verdrängten Erinnerungen“. Hier demonstrieren sie an zahlreichen Beispielen, dass die nationalsozialistische Umsiedlungs-, Räumungs- und Evakuierungspolitik als „Zwangsmigration sui generis“ zu kategorisieren ist – während sie in der Erinnerungspolitik bis heute der „Vertreibung der Deutschen aus dem Osten“ zugeschlagen wird. Das sind zwar keine neuen Erkenntnisse, aber Hahns gebührt das Verdienst, mit allem Nachdruck und konsequent recherchierten Belegen diese bewusst verdrängten Aspekte wieder ins kollektive Bewusstsein zu rücken.

In mühevoller Kleinarbeit entzaubert das Ehepaar Hahn weitere, bis in die Gegenwart zumeist unhinterfragt gebliebene Narrative. Dabei fokussieren sie im zweiten Schritt die direkte Nachkriegszeit und die fünfziger Jahre. Mit Hilfe einer völkischen Migrationsblaupause verfestigten sich in dieser „Gründerzeit des Erinnerns “ bis heute existierende Erinnerungsmuster, beispielsweise das des „rachsüchtigen Vertreibers“.

Im dritten Schritt öffnen Hahns das Feld für die „Vielfalt des Erinnerns“. Neben den Deutungen unter den Bedingungen des Systemgegensatzes bis 1989 geben sie besonders dem Kampf um die Deutungshoheit der Vertriebenenverbände in der Diaspora Raum. Ganz zu Recht weisen sie nachdrücklich auf den Umstand hin, dass gerade die Lebenserfahrungen der Betroffenen immer wieder aus dem Blickfeld verschwanden: Die Vertriebenen waren in den Augen vieler immer nur die Vertriebenenverbände.

Ein Buch, das aufrütteln will

Dabei gelingt es den Autoren, den Bogen wieder in die Gegenwart zu schlagen: zu „Erika Steinbachs Historikern“. Man kann die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen besser verstehen, wenn man die kruden Geschichtsbilder des rechtsnationalen Juristen Heinz Nawratil und des umstrittenen Völkerrechtlers Alfred de Zayas betrachtet: Hier findet sich, was den „Mythos Vertreibung“ ausmacht: die seit mehr als fünfzig Jahren strukturell weitgehend unverändert gebliebenen Stereotypen über die Zwangsmigration der Deutschen. So habe das NS-Regime zwar Verbrechen begangen, die unschuldigen Vertriebenenopfer müssten diese aber nun stellvertretend für alle Deutschen büßen. Und so weiter.

Die Verwendung des homogenisierenden Begriffs Vertreibung hat zumeist metaphorischen Charakter – darauf verweisen Hahns mit aller Entschiedenheit. Eine Beschreibung der extrem komplexen historischen Vorgänge leistet der Begriff nicht, der nicht nur angeblich 15 Millionen Betroffene einschließt, sondern fahrlässig ganz unterschiedliche Ereignisse bezeichnet: Als „Sondergemeinschaft innerhalb der deutschen Nation“ definieren die Autoren dann auch folgerichtig, wenn auch sprachlich verunglückt, die Vertriebenen.

Im „Labyrinth von Deutungen und Informationen“ beweisen Eva und Hans Henning Hahn ein beachtliches Gespür für die richtigen Fragen und die grundlegenden Zusammenhänge des Erinnerungskomplexes Vertreibung, der untrennbar mit der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg verbunden ist. Leider schießen sie mit einer rechthaberisch auftrumpfenden Attitüde in Bezug auf ihre Fachkollegen gelegentlich über ihr Ziel hinaus. Sie haben ein Buch geschrieben, das aufrütteln will: „Die deutsche Nation verdient es nicht, dass ihre Geschichte mit einem Mythos Vertreibung vernebelt wird, und die einst Heimatlosen verdienen mehr Respekt als ihnen bisher im Erinnern an die Vertreibung zuteilwurde.“

Eva Hahn / Hans Henning Hahn: Die Vertreibung im deutschen Erinnern. Legenden, Mythos, Geschichte. Schöningh Verlag 2010, 839 Seiten, 88 Euro.

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