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Eugen Gomringer Ignoranz und Unbelehrbarkeit

Das Gedicht „avenidas“ des Schriftstellers Eugen Gomringer, das seit 2011 die Südfassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin schmückt, muss weichen. Ein Kommentar.

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Eugen Gomringer, 2015 in Erfurt. Foto: imago stock&people (imago stock&people)

Für die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken ist es schlicht ein bewundernswürdiges Gedicht, „das die Schönheit der Welt einfach in fünf Wörtern erblühen lässt“. Das ist hübsch gesagt, aber selbst die Expertise der mit allen feministischen Wassern gewaschenen Autorin vermochte am Ende nichts gegen den Furor des studentischen Unbehagens auszurichten, der unbeirrt auf eine symbolische Säuberung zusteuert.

Der Auftritt der Tatortreiniger ist beschlossene Sache. Das Gedicht „avenidas“ des schweizerisch-bolivianischen Schriftstellers Eugen Gomringer, das aus der Variation der spanischen Worte für Blumen, Alleen, Frauen und Bewunderer besteht und seit 2011 die Südfassade der Alice-Salomon-Hochschule in Marzahn-Hellersdorf schmückt, muss weichen. Was einmal als stolze Ehrung für den 93-jährigen Dichter und Träger des Alice-Salomon-Poetikpreises angebracht worden war, steht seit geraumer Zeit im Verdacht, nichts weiter zu sein als eine lüsterne Männerfantasie – oder etwas, das man dafür halten kann.

Die Hochschule verweist dazu auf ein sorgsam in Gang gesetztes demokratisches Verfahren. Es wurde gestritten und vorgetragen, eine Online-Abstimmung unter den Studenten organisiert und am Ende eine Mehrheit des Akademischen Senats der Hochschule für Veränderung der Fassade ermittelt. Von Willkür oder Arglosigkeit kann also keine Rede sein. Von Ignoranz und Unbelehrbarkeit schon.

Die Affäre um das Gedicht von Eugen Gomringer ist das traurige Beispiel einer zugespitzten Kampagne, in der schließlich jegliches Augenmaß für die Bedeutung von Kunst und einen souveränen Umgang mit ihr im öffentlichen Raum abhandengekommen ist. Niemanden hat die nachträgliche Sexualisierung seines Textes mehr überrascht als den Dichter Eugen Gomringer, für den „avenidas“ eine Art Ursprungsgedicht war, das erste Gedicht einer ganzen neuen Lyrikkultur, die später unter dem Begriff der Konkreten Poesie in die Literaturgeschichte einging.

Aber es ging in dem weit über Berlin hinausragenden Konflikt zu keinem Zeitpunkt um den literaturhistorischen Kontext oder die vorhandenen Möglichkeiten, ein Gedicht zu lesen und zu verstehen. Gomringers Zeilen wurden vielmehr zum Kampfobjekt einer Hermeneutik des Verdachts, in der die Unterstellung eines männlichen sexuellen Begehrens ins Unermessliche gesteigert wurde, um sie schließlich erfolgreich zu bekämpfen.

Natürlich haben alle recht, die in der Hellersdorfer Aburteilung eines lyrischen Bewunderers einen empfindlichen Eingriff in die Freiheit der Kunst sehen, und das nicht nur, weil man Gomringers Gedicht fortan nicht mehr in seiner poetischen Unschuld wird lesen können. Die aberwitzig politisierte Interpretation wird das Gedicht nun nicht mehr los. Es ist wirklich nicht einfacher geworden, die Schönheit der Welt in Worte zu fassen.

Ärger als die Berliner Hochschulposse ist jedoch die vertane Chance, in der emotional aufgeladenen Debatte um sexuelle Gewalt, insbesondere in den halböffentlichen Räumen der Berufswelt, ein souveränes Maß an Urteils- und Unterscheidungsvermögen zu bewahren. Für das Anliegen der von der #MeToo-Bewegung entfachten neuen Wahrnehmung männlicher Übergriffigkeit ist der Triumph über einen verdächtigen Vers ein zweifelhafter Erfolg.

Denn wenn die Entlarvung sexualisierter Macht- und Gewaltverhältnisse mehr sein soll als nur ein vorüberziehendes Mediengewitter, bedarf es eines souveränen Verständnisses von Aufklärung im sexualwissenschaftlichen, politischen und nicht zuletzt juristischen Sinn. Dem gesteigerten Bedürfnis, den Blick auch für subtile Formen der Unterdrückung und des Machtmissbrauchs im Geschlechterverhältnis zu schärfen, haben die Akteurinnen und Akteure von Hellersdorf mit der politischen Instrumentalisierung ihres Bauchgefühls schon deshalb keinen Gefallen getan, weil es mühelos als Beispiel einer ins Bizarre tendierenden politischen Korrektheit angeführt werden kann.

Der Dichter und die Lyrik werden das Hellersdorfer Missverständnis und die Verschmähung eines Gedichts wohl verkraften. Vielleicht ergeht es den Zeilen Gomringers ja wie der „unbesieglichen Inschrift“, die Bertolt Brecht in seinen Svendborger Gedichten mit Genugtuung besungen hat. Ein sozialistischer Soldat hatte die Inschrift „Hoch Lenin“ in eine Gefängniswand geritzt, die trotz aller Bemühungen, sie zu entfernen, immer wieder zum Vorschein kam. Vielleicht findet sich ja demnächst im Berliner Stadtraum eine Wand, die dem Bewunderer gerecht zu werden vermag.

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