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EU-Roman Diese glückliche Langeweile des Friedens

Robert Menasses großer EU-Roman ist ein leidenschaftliches Plädoyer für eine nüchterne Liebe.

Flagge Europäische Union
Die Flagge der Europäischen Union weht in Brüssel munter im Wind. Foto: rtr

Brüssel ist ein Ort einsamer Seelen. Zehntausende von Menschen sind hier nicht zu Hause, sondern im Dienst. Sie vertreten die Interessen ihrer Herkunftsländer oder versuchen sie aufzuheben im Interesse des ganzen Kontinents. Tagsüber kämpfen sie im Widerstreit der Völker, abends kehren sie müde in ihre möblierten Appartements zurück. Männer wie Frauen. Einsame Vorposten ihrer kulturellen Kollektive, die sich unermüdlich um Verständigung bemühen, aber nachts noch lange auf ihren Bettkanten sitzen und ein letztes Glas Wein trinken und dann noch eins. Was für ein großartiger, ganz unbearbeiteter Romanstoff! Jetzt hat ihn endlich jemand wahrgenommen. 

Der Wiener Schriftsteller Robert Menasse hat der Europäischen Union menschliche Gesichter gegeben, hat das, was immer nur „Apparat“ genannt wird, dargestellt als disparat beseelten Verhandlungsort. Dieser wird nicht durch heroische politische Gesten geprägt, sondern durch ein schwer durchschaubares Gespinst von Abhängigkeiten und Rücksichtnahmen. Hier gedeiht eine melancholische Spezies von Menschen, deren Aufgabengebiet das Fassungsvermögen der Literatur, des Films und der Medien übersteigt. Denn obwohl sie unser Leben entscheidend bestimmen, arbeiten die 22 000 Angestellten der Europäischen Kommission und des Parlaments in einem Abseits der Aufmerksamkeit, der im grotesken Gegensatz zu ihrer Bedeutung steht.

Das weiß die EU natürlich am besten, und so beauftragt in Menasses Roman „Die Hauptstadt“ die ehrgeizige neue Chefin der Generaldirektion Kultur und Bildung, Fenia Xenopoulou, ihren Mitarbeiter Martin Susmann mit der Aufgabe, zum 50. Jubiläum der Gründung der Europäischen Kommission eine Feier zu projektieren. Er soll eine Idee finden, die die Sexyness der Gemeinschaft angemessen zur Schau stellen könnte. Der aufrechte Susmann findet sie ausgerechnet in Auschwitz. Ohne Auschwitz sei der historische Wille zur europäischen Einigung schließlich gar nicht vorstellbar. An das Motiv, den Nationalismus zu überwinden, damit sich ein solches Grauen nicht wiederhole, müsse erinnern, wer der Union ihre verlorene Überzeugungskraft wiedergeben wolle. Überlebende von Auschwitz sollten deshalb in den Mittelpunkt der Feierlichkeiten gestellt werden. Susmanns Chefin findet das zunächst befremdlich, sieht aber in der Radikalität des Vorschlags die einzige Chance, an der Spitze der eigentlich unbedeutenden Kulturabteilung so bekannt zu werden, dass sie möglichst schnell von diesem Abstellgleis wieder wegbefördert wird.

Von solcher Winkelzügigkeit sind fast alle Strategien, die Menasses Protagonisten verfolgen. In dem verwickelten Einigungsunternehmen EU sind dem Ehrgeiz gerade Wege verwehrt. Auch die schlaue Fenia Xenopoulou ist dafür nicht schlau genug, bedenkt sie doch nicht, dass Aufsehen zu erregen in Brüssel eben nicht hilfreich ist. „Für jeden in der Kommission, der ein Projekt voranbringen will, ist allgemeines Desinteresse daran eine große Erleichterung“ – so was lernt man in diesem Roman.

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